Am Ende der Pfingstferien erreicht man Holger Grießhammer in seiner oberfränkischen Heimat. Eine Woche war er mit seiner Familie auf Reisen, nun steht zu Hause die Gartenarbeit an. Das Wetter, sagt der Chef der bayerischen SPD-Fraktion am Telefon, sei ideal: kein Regen, aber dank der Wolken sei es auch nicht zu warm. Gute Bedingungen, um ein paar Blumen zu pflanzen.In seiner Landtagsfraktion hatte der Handwerksmeister Grießhammer schon vor der Pfingstpause ein Pflänzchen gesetzt. Am Tag seiner Wiederwahl als Fraktionsvorsitzender sagte er den SPD-Abgeordneten, dass er bereit sei, als Spitzenkandidat zur Landtagswahl 2028 anzutreten. „Ich würd’s machen“, bestätigt der 44-Jährige nun auch am Telefon. Die Entscheidung treffe aber die Partei. „Noch sind wir nicht so weit.“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Grießhammer ist eine Art Schattengewächs in der bayerischen Politik: Er gedeiht jenseits des großen Scheinwerferlichts. In die erste Reihe der Sozialdemokratie kam er aus dem Nichts. Nach weniger als einem Jahr im Landtag setzte sich der frühere Zweite Bürgermeister von Weißenstadt 2024 an die Spitze der SPD-Fraktion. Zuvor hatte eine Mehrheit der Abgeordneten seinem polarisierenden Vorgänger Florian von Brunn das Vertrauen entzogen. Grießhammers Versprechen damals: Er werde die Fraktion zusammenführen und für Ruhe sorgen.Das ist ihm gelungen. Bei seiner ersten Wiederwahl im Mai bekam er für seinen einenden Kurs eine solide Mehrheit von 12 zu 3 Stimmen bei einer Enthaltung. Grießhammers höfliche Sachlichkeit wird in der SPD von vielen geschätzt, er hat sich bislang keine Feinde gemacht. „Ich würde sagen, wir sind beieinander“, sagt er.Doch das allein wird nicht reichen, falls der Fraktionschef im Herbst 2028 tatsächlich als Spitzenkandidat in die Wahl zieht. Dann wird es um nicht weniger als das Überleben der SPD im Freistaat gehen. Bei manchen sitzt der Schock noch immer tief über das jüngste SPD-Ergebnis im Nachbarland Baden-Württemberg: 5,5 Prozent. Haarscharf vorbei am parlamentarischen Ableben. Ein Szenario, das auch in Bayern nicht mehr unmöglich erscheint.MeinungVor den Kommunalwahlen:Mehr Mittelfinger-Steinbrück für die Bayern-SPDZur chronischen Schwäche der Bayern-SPD – seit 2018 sind die Wahlergebnisse einstellig – kommt Grießhammers Unbekanntheit. Laut BR-Bayerntrend kannten ihn Anfang des Jahres nur 23 Prozent der Befragten. Kein Konkurrent war unpopulärer. Das Risiko ist, dass der nette Herr Grießhammer im Wahlkampf untergeht, wenn Leute wie Markus Söder, Hubert Aiwanger oder Katharina Schulze die Schlagzeilen bestimmen und die AfD eine Provokation nach der anderen loslässt.„Ich sehe das als Aufgabe“, sagt Grießhammer unumwunden. Er will mit seiner Fraktion in Zukunft deutlich präsenter sein, nicht nur in der analogen Welt, sondern vor allem in den sozialen Medien. Dafür hat die Fraktion den langjährigen SPD-Wahlkampfmanager Frank Stauss als Berater beauftragt, der schon für Gerhard Schröder, Olaf Scholz und zuletzt auch für Münchens Ex-OB Dieter Reiter gearbeitet hat. Die kleinste Oppositionsfraktion will endlich auffallen. „Affentänze“ werde er auf Social Media aber nicht veranstalten, sagt der Politiker.Bayerischer Landtag:Die SPD sucht die Nähe zum HandwerkSeit der Maler- und Lackierermeister Holger Grießhammer an der Spitze der Fraktion steht, umwerben die Sozialdemokraten gezielt Handwerker. Ihre Gegner im Landtag finden das unglaubwürdig.In der Spitze der Bayern-SPD werden die Ambitionen des Fraktionsvorsitzenden wohlwollend aufgenommen. „Natürlich ist Holger Grießhammer eine Option“, sagt die Co-Vorsitzende Ronja Endres. „Er hat ein starkes Profil: Handwerker, Familienvater, vom Land.“ Es gebe aber auch weitere Möglichkeiten, schränkt Endres ein, zum Beispiel erfolgreiche Kommunalpolitiker. Auch sich selbst zählt die Landeschefin dazu – wobei sie weiß, dass sie nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein Mandat zu erringen, nicht gestärkt ist. „Ich mach’ das, was für die Partei am besten ist“, sagt sie.Mit der Entscheidung über die Spitzenkandidatur habe man es „noch nicht so eilig“. Die könne auch im nächsten Jahr fallen. Wichtiger sei, dass die strategische Ausrichtung stimme. Die SPD müsse das Gefühl vermitteln, dass sie das Leben der Menschen besser machen könne. Zum Beispiel bei den Themen Arbeit, Wohnen und Gesundheit. Und man müsse es schaffen, sich vom negativen Bundestrend zu lösen, wo die SPD in einer extrem unbeliebten Regierung steckt. Eine Gratwanderung.Nicht ohne Risiko ist auch die Perspektive, die Grießhammer für die Zeit nach der Wahl vorschwebt: eine Koalition mit der CSU. Lassen sich bürgerliche Wähler so mobilisieren oder schreckt das noch die letzten SPD-Sympathisanten ab? „Ich engagiere mich nicht für eine CSU-SPD-Regierung in Bayern“, sagt zum Beispiel Benedict Lang, Chef der linken Jusos in Bayern. Der eher konservative Grießhammer betont, er wolle regieren, was nur mit der CSU möglich sein dürfte – wenn überhaupt. Dieses Ziel würden in der SPD inzwischen viele teilen, sagt er. „Wofür machen wir das sonst alles?“