Susanne Kaufmann führt das Hotel Post Bezau in Vorarlberg und ist weltweit für ihre Naturkosmetik bekannt. PD Die Naturkosmetikpionierin Susanne Kaufmann verlässt sich bei der Pflege seit jeher auf die Weisheit der Natur. Das Bekenntnis reicht aber weit über die Herstellung hochwertiger Produkte hinaus. Für sie ist es eine Lebensart.Sonntagmorgen im 2000-Seelen-Dörfchen Bezau im Bregenzerwald. Viele spazieren mit Kind und Kegel querbeet über die weiten Wiesen und entlang des Grebenbachs, über dem an jenem Morgen ein feenähnlicher Nebel schwebt. Die Luft ist so rein und klar, dass man glückstrunken vom Spazier- gang heimkehrt. Auch Susanne Kaufmann ist frühmorgens bereits unterwegs, die Naturkosmetikpionierin mit eigenem Hotel, dem Hotel Post Bezau, das seit 175 Jahren im Zentrum des Dorfs steht.Im dicken Pulli eingemummelt, kommt sie vom Morgenspaziergang ins Hotel und grüsst erst mal alle Kirchgänger freudig, die es sich in ihrer Gaststube bei einem Glas Wein gemütlich gemacht haben. «Ich mag es einfach, mit guter Laune aufzustehen!», erklärt die 56-Jährige ihren Tatendrang, bevor sie in der Hotelküche verschwindet. «Ich brauche für meine Tajine noch Gemüse.»Susanne Kaufmann macht auch an ihrem freien Tag das, was ihr am wichtigsten ist: sich um das Wohlbefinden anderer zu kümmern. «Mir ist es immer wichtig, dass es den Menschen um mich herum gut geht», sagt sie etwas später bei einem Glas Wein. In ihrem Fall sind das 70 Mitarbeiter und die dazugehörigen Familien, das Dorf und natürlich ihr Mann, der Musiker Alfred Vogel, ihre Kinder Viktor und Irma.Es duftet nach Holz und BlumenEs ist eine freundliche Welt, die einem Susanne Kaufmann in Bezau auftut. Es riecht nach frischem Holz und den ersten Blumen der Saison. Schnell redet man über das Leben und lässt bei den Höhen auch die Tiefen nicht aus. Denn was sich von weitem nach einem kometenhaften Aufstieg mit wertiger Naturkosmetik anhört, begann mit einem Schicksalsschlag. «Ich war 15, als meine Mutter starb, sie führte das Hotel. Acht Jahre später habe ich es übernommen. Ich wusste: Entweder ich mach’s oder wir verlieren es.» Ihr Weg führte nach dem Abschluss der Hotelfachschule Centre International de Glion in Montreux direkt auf den Direktorenposten nach Hause zurück. Aber es liegt kein Argwohn in ihrer Stimme, auch nicht, als sie an das Jahr 2005 zurückdenkt.Ihre Tochter Irma war just auf der Welt, da pflügte ein sintflutartiges Hochwasser eine tiefe Schneise durch das Hotel und begrub das frisch gebaute, schneeweisse Spa im Untergeschoss unter einer Decke aus Schlamm. «Ich hatte eine Versicherung über 7000 Euro. Das reichte nirgends hin. Ich dachte: Das war’s!» Man spürt ihre Kaufmannsche Energie sofort, die auch davon geprägt ist, ein Nein schlecht zu akzeptieren. «Aber uns haben so viele Menschen geholfen, und zusammen haben wir alles wieder aufgebaut.» Es scheint, dass Resilienz tief in ihrer DNA steckt; die Fähigkeit, Krisen und schwierige Lebensumstände zu bewältigen. Und ein Lebensverlauf, der – so scheint es im Rückblick – vieles für sie intuitiv einspurte. Der Ansatz ist ganzheitlichDenn eigentlich hat sie sich gar nichts dabei gedacht, als sie 1994 ihre ersten Gesichtscrèmes für ihr Spa anrührte. Das Hotel Post verfügte seit den 70er Jahren über eine Kurabteilung mit Kneippen und Moorbädern, die ihr Onkel leitete. Als Kind verbrachte sie dort viel Zeit und half mit, Fango-Packungen anzurühren. Im Sommer war sie mit der Grossmutter auf der Alp. «Wir waren immer draussen und haben mit ihr Kräuter und Arnika gesammelt.» Im Rückblick wurden hier wichtige Grundsteine für einen ganzheitlichen Ansatz gelegt. Denn als es darum ging, etwas Eigenes zu kreieren, etwas, das die Kraft ihrer lieb gewonnenen lokalen Pflanzen vereinte, war im Bregenzerwald dazu alles schon bereit.Schnell wurde ihr klar, dass es zu kompliziert wäre, alles selber zu produzieren. Also wurde der Landwirt mit eigenen Pflegeprodukten, Ingo Metzler aus dem nahen Egg, angefragt, ob er für sie produzieren wolle. Per Handschlag wurde ein Deal besiegelt: Sie versicherte, nur bei ihm zu produzieren, er lieferte die Rezepturen zum Nullpreis. Die Anfänge waren abenteuerlich, Produkte wurden immer erst an ihr selbst getestet. «Ein Sandpeeling mit Birkenasche aus dem Kamin wurde an meinen Beinen so hart wie Zement, die Spa-Leitung musste es mir in der Dusche abbürsten», lacht sie schallend über den missglückten Versuch.Glasklar war ihre Vision für die Ästhetik. Marken wie Weleda oder Hauschka waren damals noch nicht mehrheitsfähig, da setzte sie auf Wertigkeit. Abgefüllt wurde in klaren Glasflaschen mit schlichtem Logo. Sie war damit ihrer Zeit voraus. Reduziert: Schon bevor es trendy wurde in der Beauty, setzte Susanne Kaufmann bei ihren Produkten auf ein minimalistisches Design. PD Alles verändert hat der Tag, als ihre Crème in der «Süddeutschen Zeitung» erwähnt wurde und Frauen bis nach New York nach ihrer Handcrème verlangten. In Bezau hatte sie derweil weder Retailpreise berechnet, ge- schweige denn einen Vertrieb aufgebaut. «Die Produkte sind dank der Qualität in die Welt gekommen – wir hatten ja gar kein Budget fürs Marketing.» Das Kosmetikgeschäft wuchs kontinuierlich, Ingo Metzler ist bis heute ein Freund und Lieferant. «Ich habe ihn Jahre später einmal gefragt, warum er uns geholfen hat. Er meinte: ‹Ihr habt mir halt gefallen!›».Dass sie hier etwas Weltweites geschaffen hat, begriff sie erst, als sie in Hongkong in einer Mall stand. «Eine Kundin hat einen ganzen Koffer mit unseren Produkten gefüllt und ich dachte mir: Geht die jetzt heim und verkauft es?», lacht sie laut. Nichts da, es war ein Grosseinkauf für die Familie! Erfrischend, mit wie viel Witz und Verwunderung sie zurückblickt. Und mit wie viel Ernsthaftigkeit sie an neue Produkte herangeht. Entwickelt wird nur, was sie selber für sinnvoll erachtet.«Als ich einmal mit Jetlag in New York war und mit der Augencrème im Taxi herumhantierte, da wusste ich: Jetzt brauche ich etwas Praktischeres.» Und machte sich daran, das Eye Rescue Serum zu entwickeln, ein Augenserum mit Koffein und Zichorienwurzelextrakt, das man sich mit einem kühlen Roller unter die müden Augen aufträgt. Im Mai wird die Advanced Anti-Aging Light Cream mit viel Edelweissextrakt und Neuropeptiden lanciert. Sie entspannt auf natürliche Weise die Muskeln im Gesicht. Wenn andere auf Botox setzen, zählt Susanne Kaufmann auf die konzentrierte Kraft des Edelweisses. In einigen ihrer Produkte bleiben die verwendeten Kräuter sichtbar. PD Sich auf die Weisheit der Natur verlassenSie selber folgt einer einfachen Routine. Für Haare und Körper verwendet sie eine Seife, ihr Body Wash mit Fichte, Wacholder und Zedernholz. Dazu gibt es täglich einen Grapefruitsaft mit Kurkuma und Leinöl, dreimal die Woche hebt sie Gewichte. Genauso simpel lautet ihre Formel für Longevity im Hotel Post. «Ich möchte das gesunde Leben erhalten.» Sprich: feines Essen, gut schlafen, den Geistin der kraftvollen Natur im Bregenzerwald freibekommen. «Jetzt kannst du den Tannenknospen beim Wachsen zuschauen. In ihnen steckt geballte Kraft!» Und erklärt damit selbstredend, warum sie in ihren Produkten Knospen mit ihrer lebenserneuernden Kraft verwendet.Sie verlässt sich auf die Weisheit der Natur. Und wenn sich die Welt mal wieder schüttelt, dann tut es Susanne Kaufmann der Knospe gleich, hält ihre kleine Welt zusammen und wendet sich bestimmt und zuversichtlich immer wieder dem Licht zu.Dieser Artikel ist im Rahmen der «NZZaS»-Beilage «Savoir Vivre» erschienen, die von NZZ Content Creation erstellt wird. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.