Vom Filmstar zum Chefminister von Tamil Nadu: Der Aufstieg von Joseph Vijay mischt Indiens Politik aufPolitische Erfahrung hat er keine, dafür aber Charisma und viele treue Fans. Anfang Mai gewann er damit aus dem Stand die Wahl in Tamil Nadu. Doch wofür steht Vijay politisch?08.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenVijay am 10. Mai nach seiner Vereidigung zum neuen Chefminister von Tamil Nadu: Der Filmstar bringt viel Charisma ins Amt; wofür er politisch steht, ist nicht so klar.APLiebhaber, Actionheld, Geheimagent: Joseph Vijay hat schon viele Rollen in seinem Leben gespielt. Nun kommt eine neue hinzu: Seit Anfang Mai führt der Filmstar als Chefminister die Regierung des südindischen Teilstaats Tamil Nadu – mit 77 Millionen Einwohnern der siebtgrösste Staat Indiens und ein wichtiger Wachstumsmotor des Landes. Seine neu gegründete Partei Tamilaga Vettri Kazhagam war bei der Regionalwahl aus dem Stand stärkste Kraft geworden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 51-jährige Vijay, der in seiner Heimat unter dem Übernamen Thalapathy (Kommandant) bekannt ist, ist als Politiker ein unbeschriebenes Blatt oder geradezu ein Mysterium. Seine Partei ist komplett auf seine Person ausgerichtet und hat keine klare Ideologie. Im Wahlkampf hat Vijay nur wenige Kundgebungen abgehalten und sich nur spärlich geäussert. Doch für den Grossteil der Wähler war er längst ein vertrautes Gesicht, wie ein Teil der Familie.In seiner Heimat war er im Kino schon lange eine feste Grösse. Seitdem er mit acht Jahren sein Debüt auf der Leinwand gegeben hat, hat der Sohn eines Regisseurs in 75 Filmen mitgespielt. In seiner kinoverrückten Heimat gilt er heute als Superstar mit einer riesigen Fanbasis. Dennoch hatte kaum jemand erwartet, dass er die Wahl gewinnen werde.Jede Rede im Wahlkampf wurde zu einem ClipSeine Gegner nahmen ihn lange nicht ernst, weil er keinen traditionellen Wahlkampf führte. Während die Kandidaten der beiden grossen Parteien, die über Jahrzehnte die Politik in Tamil Nadu dominiert hatten, unermüdlich durchs Land reisten, Reden hielten und Wähler trafen, machte sich Vijay rar. Nachdem eine Kundgebung im September zu einer tödlichen Massenpanik geführt hatte, verzichtete er fast völlig auf Auftritte. Statt auf physische Präsenz setzte er auf seine Fanbasis.«Für Kritiker wirkte dies wie Gleichgültigkeit oder Unerfahrenheit. Für Unterstützer sah es nach Selbstvertrauen aus», schrieb dazu der «Indian Express» nach Vijays Wahlsieg in einem Porträt. Jeder Auftritt sei zu einem Event geworden, jede Rede zu einem Clip, und jede Bewegung sei von Gerüchten begleitet worden. Statt zu versuchen, die Schlagzeilen der Medien zu bestimmen, habe es Vijay seinen jungen Anhängern mit ihren Smartphones überlassen, seine Botschaft zu verbreiten.Sein Erfolg ist denn auch vor allem seiner Social-Media-Kampagne zu verdanken. In kurzen Videos auf Facebook und Youtube konnte Vijay sein Charisma als Filmstar voll ausspielen. Doch sein zurückhaltender Wahlkampf war nicht nur taktisch bedingt, sondern entsprach auch seinem Naturell. Denn jenseits der Leinwand scheut Vijay das grelle Licht der Öffentlichkeit, sein Privatleben hält der Christ und geschiedene Vater zweier Kinder weitgehend unter Verschluss.Seine Karriere begann Vijay als höflicher LiebhaberSchon früh lernte Vijay, was es heisst, in der Öffentlichkeit zu stehen: Sein Vater S. A. Chandrasekhar ist ein bekannter Filmregisseur, seine Mutter Shoba eine Playback-Sängerin und Drehbuchautorin. Über seine Eltern erhielt Vijay früh seine ersten Rollen. Bevor er zum «Thalapathy» wurde, war er zunächst ein romantischer Held. «Er war der junge Mann, der höflich litt, ernsthaft liebte und lange genug wartete, bis ihm das Publikum seinen Segen gab», schreibt der «Indian Express» dazu in seinem Porträt.Erst später wurde Vijay zum Actionhelden, der sich für die Schwachen einsetzt, die Korrupten bestraft und mit Verve und Stil seine Gegner kaltmacht. Vijay, der bis heute eine jungenhafte Weichheit bewahrt hat, war aber nie der harte Kerl, sondern ein Mann mit Charme und Witz, der auch einmal scheiterte, sich lächerlich machte und für das Publikum zugänglich blieb. Frauen himmelten ihn an, junge Männer imitierten seine Tanzbewegungen, und alle sangen seine Lieder.In Tamil Nadu, wo Filmstars eine geradezu religiöse Verehrung zuteilwird, war jeder seiner Filme ein Ereignis. Seine Fans feierten Kinostarts mit Feuerwerk, auch sein Geburtstag wurde zelebriert. In seiner Heimat hat Vijay über 80 000 Fanklubs, in denen über eine Million Fans organisiert sein sollen. Meist sind es Männer aus einem Quartier, die sich zu solch einem Fanklub zusammenschliessen. Diese Klubs waren es, welche als Grundlage für Vijays Partei dienten.Das Kino in Tamil Nadu war schon immer politischSo überraschend Vijays Wahlsieg war, so folgt er doch einem bekannten Muster. Das Kino gilt in Tamil Nadu als Schule für die Politik, viele Filme sind offen politisch. Die Liste der Filmstars, die in die Politik gegangen sind, ist lang. Viele fühlen sich bei Vijay an M. G. Ramachandran erinnert. Der Schauspieler, der stets mit einer Sonnenbrille und einer Fellmütze auftrat, gründete in den siebziger Jahren nach einer epischen Filmkarriere eine eigene Partei. 1977 gewann er die Wahl und regierte bis zu seinem Tod 1987 Tamil Nadu.Danach lösten sich die Schauspielerin J. Jayalalitha und der frühere Drehbuchautor M. Karunanidhi an der Macht in Chennai ab. Auch Karunanidhis Sohn M. K. Stalin war als junger Mann im Film aktiv, bevor er in die Politik ging und es bis zum Chefminister brachte – einem Posten, den er bis zum Wahlsieg von Vijay innehatte.Vijays Karriere vom Filmstar zum Politiker hat damit eine lange Tradition in seiner Heimat. Doch ein wesentlicher Unterschied zu anderen Filmstar-Politikern ist, dass diese sich über Jahre ein politisches Profil aufgebaut haben, bevor sie Chefminister wurden. Vijay hat dagegen diesen Sprung geschafft, ohne zuvor Erfahrung in der Politik zu sammeln. Entsprechend unklar ist es, wo er sich mit seiner Partei politisch verortet.Gegengewicht zur ZentralregierungDas Programm von Vijays Partei sei geprägt von verblüffender Beliebigkeit, ätzt das Magazin «Frontline» in einer Analyse. Die Wähler hätten einer Person den Vorzug vor einer klaren Politik gegeben, Vijay verbinde Charisma mit ideologischer Leere. Auch andere Beobachter sind skeptisch, ob Vijay den Herausforderungen gewachsen ist. Tamil Nadu ist ein grosser Staat mit einer komplexen Wirtschaft. Rund um die Hauptstadt Chennai ist in den letzten Jahrzehnten eine produktive Industrie entstanden, darunter viele iPhone-Fabriken.Unter M. K. Stalin war Tamil Nadu nicht nur einer der wirtschaftlich dynamischsten Staaten Indiens, sondern auch ein politisches Gegengewicht zur Hindu-nationalistischen Zentralregierung von Premierminister Narendra Modi. Stalin widersetzte sich immer wieder Bemühungen Modis, Hindi als Landessprache durchzusetzen, die Parlamentssitze in Delhi zulasten Südindiens neu zu verteilen oder den Süden bei den Steuern mehr zu belasten.Gleichzeitig hatten aber viele Wähler den Eindruck, dass unter Stalin die Politik ideologisch erstarrt und von korrupten, klientelistischen Netzwerken geprägt war. Im Wahlkampf bat Vijay die Wähler, ihm eine Chance zu geben. Vor allem Frauen und die Jugend sind dieser Aufforderung gefolgt. Positiv registriert wurde, dass Vijay für sein Kabinett acht Dalits (früher als Unberührbare bezeichnet) ernannt hat, mehr als je zuvor. Es wird interessant sein zu sehen, ob er auch sonst sein Versprechen einlöst, frischen Wind in die Politik zu bringen.Passend zum Artikel
Ein Superstar bringt frischen Wind in Tamil Nadus Politik
Politische Erfahrung hat er keine, dafür aber Charisma und viele treue Fans. Anfang Mai gewann er damit aus dem Stand die Wahl in Tamil Nadu. Doch wofür steht Vijay politisch?






