Geste der Freundschaft: Zwischen Peking und Pjongjang fährt die Eisenbahn wieder – aber unter grösster GeheimhaltungMit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stellten China und Nordkorea den zwischenstaatlichen Bahnverkehr ein. Jetzt rollen die Züge wieder. Bei einer Fahrt auf dem chinesischen Teilstück zeigt sich aber, dass die Nordkorea-Reisenden rigoros abgeschirmt werden.08.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAuf nach Nordkorea: Ein Zug nach Pjongjang verlässt den Pekinger Hauptbahnhof.Tingshu Wang / ReutersAls um kurz nach 17 Uhr im Pekinger Hauptbahnhof die ersten Fahrgäste den Zug mit der Nummer K 27 besteigen, taucht die Sonne das Ende von Bahnsteig 4 in gleissendes Licht. Man muss sich schon sehr anstrengen, um die Farben der letzten beiden Wagen erkennen zu können: weiss mit blau umrandeten Fenstern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch wer sich ihnen nähern will, wird schon zwanzig Meter vorher abgewiesen. Drei Uniformierte schicken Neugierige höflich, aber bestimmt zurück. Zwei kräftig gebaute Zivilbeamte in schlecht sitzenden schwarzen Jogginganzügen verleihen den Anweisungen der Polizisten zusätzliches Gewicht.Der Grund für die ungewöhnlich strengen Sicherheitsmassnahmen: Die Wagen mit den Nummern 17 und 18 werden nach Pjongjang fahren. Offenbar soll niemand sehen oder hören, wer in die nordkoreanische Hauptstadt reist. Immerhin bietet sich die Möglichkeit, in einem der übrigen, ganz in Grün gestrichenen Wagen auf einem Teil der Strecke mitzufahren. Endstation ist dabei die Stadt Dandong an der Grenze zwischen China und Nordkorea.Ein Platz findet sich in Wagen 11. Dieser hat neun Abteile mit je vier Betten. Die Fahrt bis zur Grenze wird mehr als vierzehn Stunden dauern; bis Pjongjang sind es von dort noch einmal acht Stunden. Um drei Minuten vor halb sechs setzt sich der Zug K 27 in Bewegung.Er ist einer von Chinas alten Zügen. Sie fahren langsam und wirken im Vergleich zu Chinas modernen Hochgeschwindigkeitszügen aus der Zeit gefallen. «Lüpi», «grüne Haut», haben die Chinesen sie wegen ihrer grünen Farbe getauft.Wer in den Wagen sitzt, die nach Nordkorea fahren, ist unklar. Die chinesischen Behörden machen ein grosses Geheimnis um den Peking-Pjongjang-Express.Florence Lo / ReutersAuf der Suche nach den beiden Pjongjang-WagenDer Weg zu den beiden weiss-blauen Wagen am Ende des Zugs führt zunächst durch den Speisewagen. Nur ein einzelnes Paar hat sich am frühen Abend an einem der weiss gedeckten Tische niedergelassen. Vom Zugrestaurant geht es in die Wagen mit den «harten Sitzen». Es ist die billigste Klasse in chinesischen Zügen. Wanderarbeiter auf dem Weg in ihre Heimat kauen Sonnenblumenkerne. In einer der Sitzreihen versucht eine Frau, ihren quengelnden Sohn zu beruhigen.Am Ende des letzten Wagens mit den «harten Sitzen» befindet sich eine Tür. Dahinter hängen die Wagen 17 und 18. Zielbahnhof: Pjongjang. Doch auch hier wird Neugierigen der Zutritt verwehrt: Die Tür ist verschlossen, das Milchglas in der Mitte lässt keinen Blick durch. Die Fahrgäste im «internationalen Teil» des Zuges, wie die chinesische Bahngesellschaft die beiden Wagen nennt, werden von den übrigen Passagieren strikt getrennt.Chinesische Geschäftsleute und Regierungsvertreter, ausserdem nordkoreanische Diplomaten und Händler führen von Peking nach Pjongjang, heisst es in Medienberichten.Im Januar 2020 – die Corona-Pandemie war gerade wenige Wochen alt – stellten China und Nordkorea den zwischenstaatlichen Zugverkehr ein. Die Führung in Pjongjang bestand auf den Stopp. Sie fürchtete sich vor eingeschleppten Viren.Am Bahnhof von Pjongjang warten Nordkoreaner und Chinesen auf den Zug aus Peking.Yannis Kontos / Sygma / GettyDabei hat der Peking-Pjongjang-Express eine lange Tradition. Im Dezember 1953, kurz nach Ende des Koreakriegs, unterschrieben Regierungsvertreter der beiden Länder ein Abkommen über die Schaffung einer Bahnverbindung. Ein halbes Jahr später fuhr der erste Zug von Peking in die nordkoreanische Hauptstadt. China hatte im Krieg an der Seite der Nordkoreaner gegen die Amerikaner gekämpft. Das schweisst zusammen.Erst am 12. März dieses Jahres verliess nach mehr als sechs Jahren wieder ein Zug die chinesische Hauptstadt Richtung Nordkorea. Betriebswirtschaftlich ergibt die Bahnverbindung wenig Sinn. Wer nach Nordkorea reisen will, kann von Peking preisgünstig in weniger als zwei Stunden nach Pjongjang fliegen.Dass die Züge nun wieder rollen, ist wohl eher eine Geste der Freundschaft zwischen den beiden Ländern. «Es geht auch um Symbolik», sagt Rüdiger Frank, Nordkorea-Experte der Universität Wien. Zwar betrachtet Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping den Nachbarn im Nordosten nach wie vor als ungezogenes Kind, das hin und wieder mit Atomraketen zündelt und deshalb zurechtgewiesen gehört.Politische Annäherung zwischen China und NordkoreaDoch in jüngster Zeit hat Chinas starker Mann die Wiederannäherung an Nordkorea demonstrativ vorangetrieben. Unvergessen sind die Bilder von der Militärparade in Peking im vergangenen September. Damals marschierte Xi, eingerahmt vom nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un und vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, vor dem Tor des Himmlischen Friedens in Peking auf.Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping betritt mit Kim Jong Un, Wladimir Putin und weiteren Staatsgästen den Vorplatz des Tors des Himmlischen Friedens in Peking.Alexander Kazakov / Sputnik via ReutersAuch Nordkorea sucht wieder die Nähe zu China. «Kim braucht das Land, um seine Wirtschaft zu modernisieren, vor allem um den Aussenhandel in Schwung zu bringen», sagt der Experte Frank. Auch darüber dürfte Xi mit Kim sprechen, wenn Chinas Staatschef in dieser Woche Pjongjang besucht.Ausgelassene Stimmung in Wagen 11Knapp zwei Stunden nachdem der Zug K 27 Peking verlassen hat, kommt die Stadt Tianjin südöstlich von Peking in Sicht. Draussen ziehen verwaiste Baustellen und Gemüsefelder vorbei. Die untergehende Sonne überzieht die Gebäude mit rötlichem Licht.Im Wagen mit der Nummer 11 herrscht prächtige Stimmung. Am Wagenende stehen vier Männer, offenbar angeheitert, und beraten lauthals, was sie später essen sollen. Im dichten Zigarettenrauch sind ihre Gesichter kaum zu erkennen. Gutgelaunte Serviererinnen bahnen sich mit ihren stählernen Wagen einen Weg durch die Menschen und versuchen Instant-Nudeln, Kekse und Trockenfrüchte an den Mann und an die Frau zu bringen.Seit dem 12. März verkehrt der Zug von Peking nach Pjongjang wieder.Anna Ratkoglo / ImagoOb in den Wagen 17 und 18 mehrheitlich Nordkoreaner oder Chinesen sitzen? Die Schaffnerin im Wagen 11 gibt vor, es nicht zu wissen. Vor der Pandemie hat die junge Frau einige Male im «internationalen Teil» des Zugs gearbeitet. Westliche Touristen, die Nordkorea sehen wollten, seien ihr dort begegnet, erzählt sie. Sie selbst würde gern einmal das abgeschottete Land besuchen, um die Unterschiede zwischen China und Nordkorea besser verstehen zu können.Bei der Frage, ob Nordkorea und China Verbündete seien, will sich die Zugbegleiterin nicht festlegen. China sei doch ein friedliebendes Land, das sich nicht der Blockbildung verschreibe, sagt sie in Diplomatenfloskeln, wie sie Xi nicht besser formulieren könnte.Nach und nach ziehen sich die Fahrgäste in ihre Abteile zurück. Auch die vier Männer, die vor zwei Stunden am Wagenende noch lauthals diskutierten, sind in ihre Betten verschwunden. Stille legt sich über Wagen 11. Kurz nach drei Uhr nachts fährt der Zug K 27 in den Bahnhof von Shenyang ein. Der Himmel über der Stadt färbt sich bereits leicht bläulich. Gut vier Stunden sind es von hier noch bis zur nordkoreanischen Grenze.In Shenyang besteigen zwei Männer Wagen 17Zwanzig Minuten soll der Zug in der alten Stahlstadt halten – Zeit genug, um über den Bahnsteig zu den geheimnisumwitterten Wagen 17 und 18 zu laufen. Hier sichert nur ein Polizist die beiden Wagen. Doch Neugierige weist der Beamte umso vehementer zurück.Dann entsteigen zwei junge Männer dem Lift auf dem Bahnsteig. Die hageren Herren tragen einen schwarzen Anzug zum weissen Hemd. Beide schieben einen Rollkoffer. Darauf befinden sich jeweils mehrere Pakete. Die Männer wuchten ihr Gepäck durch die Tür und verschwinden schliesslich in Wagen 17. Ob sie Nordkoreaner oder Chinesen sind, lässt sich nicht sagen.Gegen acht Uhr nähert sich der Zug Dandong. Die Stadt liegt an der Grenze zu Nordkorea. Der Fluss Yalu trennt hier das wirtschaftlich zurückgebliebene Nordkorea vom modernen China. Chinesinnen und Chinesen stehen an den Zugfenstern und unterhalten sich über die Pflanzen, die draussen vorbeiziehen.Schliesslich kommt der Zug im Bahnhof Dandong zum Stehen. Massen von Fahrgästen ergiessen sich aus den grünen Wagen auf den Bahnsteig. Für sie ist die Grenzstadt die Endstation. Nur die Türen von Wagen 17 und 18 bleiben verschlossen.Um zehn Uhr verlässt Zug K 27 die Grenzstadt DandongArbeiter machen sich an den beiden Wagen zu schaffen und trennen sie vom Rest des Zuges. Dann nähert sich eine blaue Diesellokomotive. Sie zieht Wagen 17 und 18 ein Stück weit über die Schienen. Schliesslich verkoppeln die Arbeiter sie mit einem anderen Zugteil. Um zehn Uhr wird sich dieser Zug in Richtung Nordkorea in Bewegung setzen.Wer von Dandong mit Zug K 27 nach Nordkorea fahren will, muss sein Ticket in einem Büro gleich neben dem Bahnhof kaufen. Der Ticketschalter sei erst im März eröffnet worden, erzählt ein junger Mann. Er ist Chinese koreanischer Abstammung und übersetzt für Nordkoreaner, die in Dandong ein Billett für die Fahrt in ihre Heimat lösen wollen. In der Grenzstadt arbeiten zahllose Nordkoreanerinnen, etwa als Kellnerinnen in den vielen Restaurants oder in Fabriken.Chinesen, die von Dandong in Kims hermetisch abgeriegeltes Reich fahren wollen, müssen einige Hürden überwinden. Sie brauchten ein Einladungsschreiben der nordkoreanischen Seite, ein Gesundheitszeugnis aus beiden Ländern und natürlich ein Visum, erzählt der Übersetzer.Vier Nordkoreanerinnen betreten das Ticket-OfficeDann betreten vier junge Frauen das Ticketbüro. Sie halten blaue nordkoreanische Pässe in ihren Händen. Mithilfe des Übersetzers unterhalten sich die Frauen mit der Verkäuferin hinter der Glasscheibe. Doch nach etwa zehn Minuten ziehen sie unverrichteter Dinge wieder ab. Es fehle ein Dokument, sagt der Übersetzer.An der Grenze in der Innenstadt von Dandong herrscht bereits geschäftiges Treiben. Frau Zhang sperrt ihren Verkaufsstand am Yalu auf und verkauft frische Backwaren an Touristen. Von ihrem kleinen Laden geht der Blick auf die Freundschaftsbrücke, die den Grenzfluss überspannt.«Natürlich freue ich mich, dass die Züge wieder fahren», sagt die Chinesin Zhang und fügt hinzu, dass Nordkorea und China enge Freunde seien. Auch die beiden Staatsführer Xi und Kim seien beste Freunde. Jetzt hofft die Verkäuferin, dass auch bald wieder Touristen von China nach Nordkorea fahren dürfen. «Das würde meinem Geschäft guttun.»Kurz nach zehn Uhr taucht der Peking-Pjongjang-Express auf der Freundschaftsbrücke auf. Frau Zhang strahlt. Im Schneckentempo werden die Wagen über die Schienen gezogen. Etwa zehn Minuten später verschwindet Zug K 27 im Dunst über dem nordkoreanischen Flussufer.Um zehn Uhr vormittags verlässt der Zug nach Pjongjang den Bahnhof von Dandong an der Grenze. Der Zug fährt über die Freundschaftsbrücke nach Nordkorea.Kevin Frayer / GettyPassend zum Artikel
Seit kurzem rollen wieder Züge von China nach Nordkorea, aber unter grösster Geheimhaltung
Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stellten China und Nordkorea den zwischenstaatlichen Bahnverkehr ein. Jetzt rollen die Züge wieder. Bei einer Fahrt auf dem chinesischen Teilstück zeigt sich aber, dass die Nordkorea-Reisenden rigoros abgeschirmt werden.
















