Die erste amerikanische Woche war eine sehr gute für Julian Nagelsmann und sein Team. Jedenfalls wenn man es auf der einen Ebene betrachtete, über die der Bundestrainer nach dem 2:1 gegen die USA in Chicago sprach. „Das ist eine echt schöne Stadt, da kann man was erleben“, rief er seinen Spielern in den freien Sonntag hinterher.Wahrscheinlich hätte es wirklich kaum einen besseren Ort geben können, um in diese Weltmeisterschaft zu starten, um etwas von dem Spirit aufzusaugen, den es in Amerika immer noch zu entdecken gibt, auch wenn man daran bei allem, was diese WM auch politisch mit sich bringt, kaum glauben mag.Eine knappe Woche in einer aufregenden, offenen Metropole, ein Hotel Downtown, keine zehn Gehminuten vom Lake Michigan, und dann noch ein Sieg über das Team des Ko-Gastgebers in einem ausverkauften Stadion, in dem schon WM-Atmosphäre herrschte: Das ist der Stoff, aus dem Teambuilding Made in USA ist. Und wie viel Wert der Bundestrainer auf diese Art von Klebstoff legt, ist bekannt.Aber die erste amerikanische Woche war für Julian Nagelsmann eben auch eine ziemlich schlechte. Die Verletzung von Lennart Karl im Abschlusstraining vor dem USA-Spiel war mehr als nur ein persönlicher Schock für einen hochbegabten 18-Jährigen, es war ein Moment, der eine spürbare Schockwelle durch das ganze deutsche WM-Unternehmen sendete.„Send-off match“, nur anders: Lennart Karl wird noch vor dem Test gegen die USA verabschiedet.dpaWeil bei allem, was es zuletzt an Erfreulichem zu berichten gab, den nunmehr neun nacheinander gewonnenen Spielen, immer noch viel Ungewissheit über die wahre Leistungsfähigkeit herrscht. Eine Ungewissheit, die auch durch den Sieg im letzten Testspiel kaum kleiner geworden ist.Nagelsmann hat es in den vergangenen Wochen geschafft, aus einem irritierend unberechenbaren Team einen verlässlichen Sieger in der Mittelklasse zu formen. Aber wenn der Maßstab die Spitzenklasse sein soll, dann macht es den Eindruck, dass der Bundestrainer noch ein bisschen besser vorankommen müsste.Das liegt zum einen an individuellen Leistungskurven, die etwa bei Florian Wirtz oder, viel mehr noch, bei Jamal Musiala nicht wie erhofft nach oben zeigen wollen. Es liegt auch an strukturellen Unwägbarkeiten, etwa der (noch hypothetischen) Frage, wer im Kern alles zusammenhält, wenn die Spitzenklasse ernst macht. Um wirklich an einen großen WM-Erfolg glauben zu können, bedürfte es schon einer nachhaltigen weiteren Entwicklung - oder eines schnell wirksamen Sondereffekts.Auf Letzteres dürfte auch die Personalie Manuel Neuer abgezielt haben, doch dass dessen Aura weiter außer Dienst steht, solange die Wade denselben verweigert, hat diese Hoffnung erst einmal auf die Reservebank befördert. Auf dem Platz greifbar schien sie zuletzt vor allem in Person von Lennart Karl. Auch, weil der Jungstar des FC Bayern neben der sportlichen Bereicherung noch eine atmosphärische mit sich brachte. Ein Spieler, wie die Fans ihn lieben.Nicht zuletzt seinetwegen ging vom letzten Test vor dem Abflug gen Amerika, dem 4:0 gegen Finnland, so ein starkes Signal aus. Eines, das auch Nagelsmann mit Freude aufzunehmen schien. Einen mutigen Ansatz verfolgt der Bundestrainer ohnehin, nun wirkte er aber bereit für noch ein bisschen mehr. Weil auch die Mannschaft ihm spiegelte: Wir sind bereit dafür.Dieses Momentum ist erst einmal verloren. Für Nagelsmann und sein Team geht es nun auch darum zu zeigen, dass nicht mehr abgerissen ist als die Fasern in Karls Muskel. Dass die Mannschaft unter diesem Eindruck den Test gegen die USA erfolgreich absolvierte, war deshalb eine respektable Leistung, die in der Bewertung vielleicht sogar ein bisschen zu schlecht wegkam. Was aber nicht heißt, dass die erste amerikanische Woche so gut war, wie Nagelsmann sie verkaufen wollte.
DFB-Team besiegt USA: Karls Riss und Nagelsmanns Klebstoff vor der WM 2026
Die Woche in Chicago gab der Nationalelf Auftrieb. Doch Lennart Karls Verletzung rückt strukturelle Unwägbarkeiten in Nagelsmanns Team in den Mittelpunkt.













