Sie verhalf einem Mann zur Macht, der sie demütigte: Bernadette Chirac, die ehemalige First Lady Frankreichs, ist im Alter von 93 Jahren gestorbenDie Witwe des französischen Ex-Präsidenten war ein «animal politique». Sie hatte nicht nur Geld und Verbindungen in die Aristokratie, sondern auch ein politisches Gespür, das ihrem Mann bisweilen fehlte.07.06.2026, 16.51 Uhr6 LeseminutenBernadette Chirac wurde mit 62 «Première Dame» Frankreichs. Hier hört sie ihrem Mann bei einer Rede zu. Élysée Palast, Paris, Oktober 2006Christophe Ena / APJuni 2009, Bernadette und Jacques Chirac besuchen die Eröffnung einer Ausstellung über chinesische Keramik in einem Museum der französischen Provinzstadt Corrèze. Bernadette Chirac, die schon seit Jahrzehnten im regionalen Parlament sitzt, soll die Eröffnungsrede halten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz vor der Rede trifft eine Frau mit langen blonden Haaren ein, eine Politikerin der linken Parti Socialiste. Jacques schüttelt ausgiebig ihre Hand, berührt sie am Unterarm. Dann lässt er einen Stuhl für sie heranschaffen, sie setzt sich neben ihn.Kurz darauf beginnt Bernadette ihre Rede. Alle hören zu, ausser Jacques und die Blondine. Sie stecken mehrfach die Köpfe zusammen, lachen. Sichtlich irritiert hält Bernadette inne. Sie dreht sich um, schaut ihrem Mann in die Augen. Die Kameras blitzen auf. «Bernadette Chirac erwischt ihren Mann beim Flirten», titeln die Boulevardmedien.Es ist dieser legendäre Videoclip, mit dem manche Medien an Bernadette erinnern, als ihr Tod bekannt wurde. Sie ist am Freitag, 6. Juni verstorben, «friedlich, umgeben von ihrer Familie», wie die Tochter Claude Chirac der französischen Presseagentur mitteilte.Die Anekdote in der Keramikausstellung steht für das zutiefst asymmetrische Machtgefüge in der Ehe von Bernadette und Jacques Chirac. Selbst in den Momenten, in denen Bernadette im Rampenlicht stehen sollte, zieht Jacques die Blicke auf sich.Vor laufender Kamera prallen zwei Lebensentwürfe aufeinander. Er, der Mann der unzähligen Affären, entlarvt hier sein tiefes Unvermögen, Bernadette als Fundament seiner eigenen Karriere zu respektieren. Sie wiederum demonstriert, wie sie gelernt hat, in dieser Ehe zu überleben: Offenbar durch wortlose Verachtung und einen vernichtenden Blick, den alle sehen.Die Eltern sträuben sich gegen die Hochzeit mit JacquesBernadette wird 1933 in Paris als Bernadette Chodron de Courcel in eine Adelsfamilie geboren. Den Titel hatte einst Napoleon der Familie verliehen, nachdem sie diverse hochrangige Militärs, Diplomaten und Unternehmer hervorgebracht hatte.Doch die militärische Tradition hat eine Schattenseite: Bernadettes Vater wird im zweiten Weltkrieg als Offizier mobilisiert. Bernadette ist sechs, als er von der deutschen Wehrmacht festgenommen wird und in Kriegsgefangenschaft verschwindet. Die Mutter flieht mit Bernadette, zuerst ins Schloss ihrer eigenen Mutter, später ins Schloss ihrer älteren Schwester.Erst nach dem Ende des Kriegs kehrt der Vater zurück. Die Familie lässt sich in Paris nieder. Bernadette interessiert sich für Politik und schreibt sich im Institut für politische Studien Paris ein, heute Sciences Po genannt. Dort trifft sie auf einen grossgewachsenen, charmanten Kommilitonen: Jacques Chirac. Er lädt sie in seinen Lernzirkel ein.Jacques ist Bernadettes Eltern nicht geheuer. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie, ihm fehlt das Geld und die Kontakte, um ganz oben mitzuspielen. Aber Bernadette glaubt an das Potenzial des ambitionierten Jacques, lehnt sich gegen ihre Eltern auf, heiratet noch während des Studiums. Er ist damals 23 Jahre alt, sie 22.Auf die Frage, ob sie in Jacques verliebt gewesen sei, antwortet Bernadette viele Jahre später: «Ja und nein». Sie sei misstrauisch gewesen, weil er aus einem anderen sozialen Milieu stammte. Zu einem anderen Journalisten sagte sie, sie habe nicht aus Liebe, sondern aus Ehrgeiz geheiratet.Sie öffnet Jacques die Türen zum inneren MachtzirkelAb der Hochzeit stellt sich Bernadette hinten an. Wie viele andere Frauen zu dieser Zeit verzichtet sie auf den Abschluss ihres Studiums. Sie gebärt zwei Töchter, Laurence und Claude.Jacques wechselt derweil an die Kaderschmide der französischen Politik, die École nationale d'Administration, macht Karriere im Militär, liebäugelt mit politischen Mandaten.Die Politik Frankreichs ist in den 1960er Jahren geprägt von General de Gaulle. Um Karriere zu machen, muss Jacques Zugang zum Kreis der Gaullisten finden. Es war Bernadette, die ihrem Mann die entscheidenden Türen öffnete.Denn Bernadettes Onkel amtiert als Generalsekretär des Élysée-Palastes. Der damalige Premierminister Georges Pompidou wird auf Jacques aufmerksam – auch weil er weiss, aus welcher staatstragenden Familie Bernadette stammt. Er holt Jacques als Berater in sein Kabinett. Dort macht er schnell Karriere.Bernadette Chirac (rechts) öffnete ihrem Mann Jacques (links) das Tor zur französischen Machtelite. Das Paar an einem Dinner in Paris, März 1986.Jean-claude Woestelandt / ImagoJacques ist in dieser Zeit eine Art Prototyp des Pariser Technokraten: Ein junger Mann im eleganten Anzug, der zwar die Hebel der Macht in Paris bedienen kann, aber noch nie im Leben einen Wahlkampf geführt hat. Vor einem weiteren Karrierenschritt musste er sich dem Volk stellen.Pompidou schickt Chirac in einer sogenannten «parachutage» (Fallschirmsprung) als Kandidaten in einen Wahlkreis im Zentrum Frankreichs, Corrèze.Corrèze ist eine Hochburg der Linken. Als Gaullist hat Jaques Chirac wenig Chancen. Er tritt ein für gesellschaftlich konservative Werte, ist wirtschaftsliberal, strebt aber nach einem starken Zentralstaat. Doch sein Wahlkampf gelingt. 1967 erobert Jaques überraschend einen Sitz im nationalen Parlament. Mit dem Sieg wird er in ganz Frankreich berühmt. Pompidou ernennt ihn umgehend zum Staatssekretär und verleiht im einen Spitznamen: Le Bulldozer.Bernadette kauft ein Schloss – und wird selbst PolitikerinDie Chiracs entscheiden, ihren Wohnsitz in ihren Wahlkreis zu legen. Bernadette geht gemeinsam mit ihrem Vater auf die Suche nach einem Anwesen, das ihrem Rang und Ansehen genügt. Sie kaufen das Schloss Bity, ein prächtiger Bau mit Türmen und jahrhundertealten Bäumen.Das Schloss wird unter Denkmalschutz gestellt – und anschliessend mit staatlichen Geldern restauriert. Die Chiracs lassen den öffentlichen Aufschrei an sich vorbei ziehen. «Le Monde» schreibt über diese Zeit: «Bernadette war glücklich. Erhaben, eine Schlossherrin, eine Dame der Gesellschaft».Die Chiracs kauften ihr eigenes Schloss: Das Château de Bity in Sarran. Renoviert wurde es auch mit staatlichen Geldern. Szene aus dem Schlossgarten, August 1976.ImagoDamit hätte Bernadette den Rest ihres Lebens ihrem Schlossgarten Bücher lesen können. Doch sie entscheidet sich für eine eigene politische Karriere. Kurz vor ihrem 40. Geburtstag wird sie zur Gemeinderätin von Sarran gewählt. Neun Jahre später zieht sie ins lokale Parlament ein. Dort bleibt sie für 36 Jahre lang ununterbrochen im Amt, gewinnt Wiederwahl um Wiederwahl.Während Jaques erst Bürgermeister von Paris wird, und dann zweimal Premierminister Frankreichs, widmet sich Bernadette den Menschen in der Provinz. Sie geht an Vernissagen, Einweihungen von Gemeindehäusern, macht Wahlkampf auf Bauernhöfen, spricht mit Arbeitern, Rentnern, Handwerkern, Priestern.In dieser Zeit merkt sie, was die Menschen beschäftigt. Sie spürt die Wut der Landbevölkerung auf die Elite in Paris, sieht das Erstarken der extremen Rechten voraus. Sie warnt ihren Mann vor dem Front National, wie die Bewegung von Marine Le Pen damals noch heisst.Jacques gibt dies 2002 nach seinem Wahlsieg gegen Le Pen zu. Aber gleichzeitig redet er den Beitrag klein, den Bernadette zu seinem Erfolg leistete: «Danke Bernadette, Sie haben mir einen halben Punkt eingebracht», sagt er laut dem Onlineportal «Liternaute».Dass sich die beiden in sämtlichen überlieferten Zitaten konsequent siezen, fasziniert Frankreich bis heute. Jacques war zwar bekannt dafür, auch Fremde schnell zu duzen. Doch Bernadette bestand auf dem «Sie» und damit dem aristokratischen Erbe ihrer Familie. Im Nachhinein lässt sich dieses Siezen kaum anders deuten denn als bewusste Abgrenzung: Es war Bernadettes Art, inmitten der unzähligen Affären ihres Mannes eine stolze, unverrückbare Distanz zu wahren.Jacques war abhängig von BernadetteMit ihren öffentlichen Aussagen und ihren Handlungen stütze Bernadette ihren Mann aber zeitlebens. Als Gegnerin der Ehe für alle und von Abtreibungen machte Bernadette Jacques auch im rechten Spektrum wählbar. Er stimmte sich regelmässig mit ihr ab, sagten ehemalige Weggefährten der beiden in den Medien. Ihr Schwiegersohn Fréderic Salat-Baroux sagte laut «Liternaute»: «In Realität war er viel abhängiger von ihr als sie von ihm».Doch Jacques nahm seine Frau nicht als politische Grösse wahr. Er habe sie als «mouche du coche» beschimpft, schreibt Bernadette in ihrem Buch «Conversation» – als Fliege auf der Kutsche, eine Anspielung auf eine Fabel von La Fontaine, in der eine Fliege glaubt, sie ziehe allein eine schwere Kutsche. Im französischen steht der Ausdruck für Wichtigtuerin.Zu den vielen Affären, die er hatte, sagte sie einer Dokumentation: «Anfangs war es schwer, dann habe ich mich daran gewöhnt. Ich sagte mir, dass es eben so ist und dass ich es mit so viel Würde wie möglich hinnehmen muss.» Und: «Alle Männer, die Macht haben oder über ein sehr grosses Vermögen verfügen, ziehen Frauen an.»Mit Bernadette Chirac verstarb eine «Première Dame», die sich nicht in der Rolle als Gattin des Staatsoberhaupts genügte. Sie ertrug eine untreue Ehe, blieb loyal zu einem Mann, der sie tief verletzte – aber prägte auf diese Weise die Politik Frankreichs mit. Sie wurde zu einer Ikone, gleichermassen durch ihren Erfolg und ihren Schmerz.Passend zum Artikel