Am frühen Abend liegt noch ein heller Streifen über den Bäumen am Stadion, doch im Innenraum ist die Sonne schon verschwunden. Die Lichter der 360-Grad-Bühne übernehmen langsam den Himmel. In den Übergang hinein legt Robin Schulz seine ersten Tracks. Der Bass breitet sich wie ein eigener Boden über dem Rasen aus. Eine Gruppe von Frauen steht am Wegesrand, alle tragen das gleiche violette Outfit. „Damit wir uns nicht verlieren“, sagt eine von ihnen. Neben ihr ruft ein junger Mann im Fußballtrikot seinem Freund zu: „Jetzt fängt es richtig an.“ Dann verschwindet er wieder in der Menge, die immer dichter an die Bühne heranrückt.Je dunkler es wird, desto schwerer ist zu erkennen, wo der Stadionrand aufhört und wo das Licht beginnt. Die LED-Bögen über der Bühne wechseln die Farben in schnellen Übergängen, der Himmel über dem Innenraum wirkt wie eine weitere Projektionsfläche. Als DJ Snake den Arm hebt, schraubt sich eine Sirene in die Höhe. In dem Moment, in dem der nächste Beat fällt, schießen die Feuerkanonen in den Nachthimmel, und der Innenraum springt wie ein einziger Körper nach vorn. Eine Besucherin, die am Rand des Kreises, der sich um die 360-Grad-Bühne gebildet hat, stehen geblieben ist, sagt: „Ich wusste, dass es voll wird, aber so schnell, das ist Wahnsinn.“ Hinter ihr drängen sich neue Reihen nach vorne, der Platz zwischen den Menschen wird immer enger, die Wege, die eben noch frei waren, verschwinden.Abseits der größten Bühne, im Licht der Kühlschränke und Wärmeplatten, drängen sich Besucher vor den Verkaufswagen. Zettel erinnern sie daran, das Bändchen aufzuladen, bevor man bestellt. Möglich ist das entweder über die App oder an bestimmten „Click-up“-Ständen. Hände mit bunten Stoffbändern und kleinen runden Chips darauf strecken sich den Lesegeräten entgegen.Hier kann man ausgelassen tanzen: auf der Outdoor Mainstage.Janek StempelEin kurzer Ausstieg aus dem TaktWer mal eine Pause braucht, findet neben der großen Außenbühne einen ruhigeren Bereich. Hängematten spannen sich zwischen Gestellen, daneben stehen Holzbänke und Schaukelstühle. Eine Frau hat die Schuhe ausgezogen, die Füße auf die Kante gelegt. In der Hand hält sie ein Pappschälchen mit Pommes. Sie ist 35 Jahre alt und kommt aus Offenbach. Es sei ihr drittes Mal auf dem World Club Dome Festival. „Das ist Tradition geworden in unserem Freundeskreis“, sagt sie. „Wir freuen uns jedes Jahr riesig darauf.“ Für sie sei das Schönste, dass sie hier den Kopf ausschalten und sich einfach treiben lassen könne, ohne an den nächsten Montag oder den Alltag zu denken. Im Hintergrund sind die Konturen der Bühne zu sehen, der Bass ist nur noch wie ein ferner Pulsschlag. Auf einer Bank daneben hat ein Besucher den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen.Zwischen all den Bühnen, Essens- und Merch‑Ständen bewegen sich in diesem Jahr auch Zweierteams, die das Bistum Limburg geschickt hat. Sie sind Festivalseelsorger. Nach außen fallen sie kaum auf: Sie tragen kein Talar, keine sichtbaren kirchlichen Symbole, sondern bequeme Kleidung und Rucksäcke. Sie haben gelernt, auf Menschen zuzugehen, die inmitten der Menge plötzlich nicht mehr feiern können. „Manche verlieren einfach ihre Gruppe, andere bekommen Panik“, sagt einer von ihnen.Gemeinsam mit dem Awareness‑Team kümmern sie sich vor allem um Situationen, in denen Grenzen überschritten werden – insbesondere bei sexualisierten Übergriffen oder wenn sich jemand bedrängt fühlt. Hier gibt es einen sicheren Raum, an den sich Menschen wenden können, die belästigt wurden oder nach einem Streit nicht mehr weiterwissen. Die Teams arbeiten mit Sicherheitsdienst und Rettungskräften zusammen, hören zu, vermitteln im Zweifel weiter und sind da, wenn jemand zwischen Beats und Licht plötzlich vor allem seine eigenen Gedanken hört.Die Tanzfläche ist voll: viele tanzende Fans tragen ein Festivalbändchen und filmen das Geschehen.Janek StempelLeise Hilfe im lauten ClubDanach fällt zwei Seelsorgern eine junge Frau auf, die ein Stück abseits an einem Bauzaun steht. Die Schultern sind hochgezogen, die Augen gerötet. In der Hand hält sie ein schwarzes Mobiltelefon. Sie gehen zu ihr hin, sprechen sie an. „Mein Akku ist leer, ich finde meine Freunde nicht mehr“, sagt sie leise und wischt sich über das Gesicht. Die beiden bleiben bei ihr, schlagen vor, gemeinsam zum Awareness-Bereich zu gehen. Dort bekommt sie Wasser, darf sich hinsetzen, eine Powerbank wird an ihr Handy geklemmt, damit sie ihre Freundinnen erreichen kann.Später, als DJ Snake auf das Ende seines Sets zusteuert, scheint der Innenraum noch einmal dichter zu werden. Wo vorher noch Gassen zwischen den Reihen waren, schließt sich jetzt ein fast kompakter Ring aus Körpern. Die Farbe des Himmels ist nicht mehr zu erkennen, er ist nur noch ein schwarzer Hintergrund für Laser und Lichtstreifen. Die Lichter über der Bühne flammen in allen Farben auf, der Kreis leuchtet wie ein schwebendes Band. Unter dem leuchtenden Ring drängen sich Menschen bis in den letzten Winkel.Beim Hinausgehen aus dem Stadion bleibt der Nachhall noch eine Weile im Körper. Vor dem Ausgang sortieren Gruppen ihre Bändchen, prüfen, ob noch genug Guthaben auf ihnen vorhanden ist, andere suchen über ihr Smartphone nach den nächsten Treffpunkten. Ein Mann zieht seine Jacke enger und sagt zu anderen Besuchern: „Morgen wird es bestimmt noch voller.“ Im Hintergrund klingt noch eine andere Bühne, eine andere Basslinie. Über dem Stadion liegt ein heller Schimmer, als sei die Nacht dort noch nicht ganz zu Ende.Auf dem Weg nach Hause im Bus sagt eine Frau: „Man muss sich seine Kraft gut einsparen, sonst hat man am Sonntag keine Energie mehr, und die Füße tun weh.“ Dabei ist laut ihr Sonntag der wichtigste Tag. „Da kommen doch die Besten. Bebe Rexha, Haftbefehl, SSIO, das will ich nicht verpassen.“ Ihre Freundin lacht müde, nickt und zieht das Festivalbändchen ein wenig fester. Draußen gleiten die Lichter der Stadt vorbei, drinnen fallen einigen bereits die Augen zu, während andere im Kopf schon beim letzten Festivaltag sind.
World Club Dome in Frankfurt: Club-Feeling mit DJs und Bass im Deutsche Bank Park
Im Deutsche Bank Park in Frankfurt wird aus einem Fußballstadion ein Club. Während DJs in der Mitte auflegen, sind Hilfskräfte dort unterwegs, wo der Beat für manche zu schnell geworden ist.








