Wäre der Rückhalt der gesamten Gesellschaft an der Arbeit der Streitkräfte so groß ist wie das Interesse der Gäste beim Tag der Bundeswehr am Campus der Universität in Neubiberg am Samstag, bräuchte sich Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) um die Wehrfähigkeit des Landes keine Sorgen zu machen. Schon gegen Mittag dürften um die 15 000 Besucher von den erwarteten 20 000 auf dem sonst für die Öffentlichkeit gesperrten Gelände hinter die Kulissen der Armee geblickt haben. Es war ein Tag, an dem an den Karriereständen der Bundeswehr zu spüren war, dass sich viele junge Leute mit Gedanken zum Dienst in der Truppe beschäftigen. Es war aber auch ein Tag, an dem die Bundeswehr ihre Stärke in allen Facetten zeigen wollte.Der Andrang ist groß beim Tag der Bundeswehr am Campus der Universität in Neubiberg. Claus SchunkMonatelang hatten die Organisatoren von der Universität der Bundeswehr München und dem Bundeswehr-Dienstleistungszentrum München die Veranstaltung vorbereitet und Beachtliches auf die Beine gestellt. Ein Foto auf einem Panzer machen, mal hören, wie laut eine Panzerhaubitze eigentlich klingt, einen Eurofighter über sich fliegen sehen – das kann man nicht alle Tage.Einen Überblick über die vielfältige Forschung an der Universität von Geodäsie-Messsystemen bis hin zu Quantentechnologie erhalten, ist an normalen Tagen ebenso wenig möglich. Das Dienstleistungszentrum, das für die Infrastruktur bei der Bundeswehr zuständig ist, gewährte unter anderem Einblicke in das Bauprojektmanagement und diverse Fahrzeuge. Und wenn Hunger aufkam, gab es an vielfältigen Foodtrucks und in Biergärten zu essen und zu trinken.Dass es ein besonderer Tag war, zeigte sich auch am politischen Besuch: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) war eigens angereist, um rund 500 junge Soldatinnen und Soldaten zu Leutnants zu befördern – später reiste er noch zu einem anderen Standort der insgesamt zehn in Deutschland weiter, an denen der Tag der Bundeswehr stattfand. In seiner Ansprache an die Offiziersanwärterinnen und -anwärter auf dem Appellplatz vor idyllischer Bergkulisse betonte er, dass die Kombination aus militärischer und universitärer Ausbildung gerade in diesen Zeiten bedeutsam sei. „Offiziere müssen führen und Entscheidungen treffen in einer immer komplexer werdenden Welt“, sagte er.Als der Krieg in der Ukraine begann, hätten sie alle sich bewusst entschieden, die Bundeswehr in Zukunft mitzutragen. „Diese Entscheidung erfordert besonderen Respekt“, sagte Pistorius und erhielt viel Applaus dafür. „Sie gestalten die Zukunft der Bundeswehr mit – die Herausforderungen der Zukunft werden nicht die von heute sein“, sagte auch Universitätspräsidentin Eva-Maria Kern in ihrer Ansprache.Präsidentin Eva-Maria Kern unterhält sich mit einer jungen Soldatin. Foto: Claus SchunkPistorius mahnte, dass Frieden und Sicherheit keine Kategorien seien, die vor der Haustür endeten. Es brauche vielmehr Zusammenhalt in Europa und globale Stabilität. „Dafür brauchen wir eine Bundeswehr, die wächst“, sagte er. Er nahm alle anderen Anwesenden in die Pflicht: „Verteidigungsfähigkeit eines Landes ist niemals nur Aufgabe der Streitkräfte, sondern des gesamten Landes.“ Später in einer Journalistenrunde verwies er bei einer Frage, wie sich die Kriegsführung verändert habe, auf Herausforderungen bei der Beschaffung.Einerseits brauche man die Systeme, die man immer hatte, aber auch neue Systeme. Bei Drohnen, sagte er, änderten sich Technologien teilweise innerhalb von zehn Wochen. Trotz des Ernstes der Lage war beim Beförderungsappell zuvor auch ein wenig Humor erlaubt: Die Urkunden für die frischen Leutnants brachten vier Fallschirmjäger aus der Luft.Ein Satz Urkunden kommt per Fallschirmjäger. Foto: Claus SchunkWie die Bundeswehr wachsen soll, erklärte Pistorius schon öfter bei anderer Gelegenheit. Er visiert eine Zahl von 260 000 aktiven Soldaten bis 2035 an. Das Ziel soll unter anderem durch den neuen freiwilligen Wehrdienst für junge Männer und Frauen ab 18 Jahren erreicht werden. Auf dem Campus waren einige junge Menschen anzutreffen, die sich dazu und zur Ausbildung bei der Bundeswehr überhaupt informieren wollten. Und die auch die Notwendigkeit sehen, sich zu engagieren.Markus Lorenz und seine Mutter Barbara informieren sich in Neubiberg. Foto: Claus Schunk„Für mich kommt der Freiwilligendienst infrage. Ich denke auch, es ist wichtig, dass sich die Jugendlichen überlegen sollten, wie es weitergeht“, sagte Markus Lorenz aus Neubiberg. Der 16-Jährige informierte sich an dem Tag an einem Karriere-Infomobil der Bundeswehr. Seine Mutter, die ihn begleitete, schilderte ihren Zwiespalt. „Als Mutter finde ich das natürlich nicht gut – aber wenn alle weglaufen, ist das auch keine Option“, sagte Barbara Lorenz. Ihr Sohn müsse das Formular für den Wehrdienst kommendes Jahr ausfüllen, da sei es gut, vorher zu wissen, was man bei der Bundeswehr machen könne.Auch Magdalena Timpe kann sich vorstellen, für eine gewisse Zeit zum Militär zu gehen. Foto: Claus SchunkDie 17-jährige Magdalena Timpe informierte sich am gleichen Stand. Die Schülerin des Gymnasiums Ottobrunn kann sich ein Jahr Soldatin auf Zeit vorstellen. Die angespannte Weltlage schreckt sie da nicht ab? „Die Demokratie gibt uns so viel, da müssen wir etwas zurückgeben, egal ob eine Krise besteht oder nicht“, sagte sie. Auch Christopher Plum, der an dem Tag einen Freund begleitete, der bereits Zeitsoldat ist, sieht die Verantwortung. „Ich kann mir vorstellen, irgendwann den Freiwilligendienst anzutreten, weil es wichtig ist, die Freiheit unseres Landes zu verteidigen“, sagte der 18-Jährige.Dass ein großer Informationsbedarf besteht, sah man auch am großen Karrieretruck des Karrierecenters der Bundeswehr München am anderen Ende des Geländes. Drinnen und an den Ständen davor ließen sich einige junge Leute mit ihren Eltern zu verschiedenen Karrieren bei der Bundeswehr beraten. „Man geht von einem Gespräch ins nächste. Das Interesse der Bevölkerung an der Bundeswehr ist sehr groß“, sagte Marcel M., Büroleiter des Karrierebüros Augsburg, der am Karrieretruck mithalf. Aus Sicherheitsgründen nennt die Bundeswehr keine Nachnamen von Soldaten. Da lag also Verteidigungsminister Pistorius bei der Fragerunde mit Journalisten ganz richtig, dass so ein Tag der Bundeswehr ein geeignetes Mittel sei, „die Bundeswehr zu zeigen und Interesse zu wecken“.Auch für die Kleinsten machten die Organisatoren den Tag mit vielen Mitmachaktionen zu einem Erlebnis. Am Stand der Reservistenkameradschaft Fürstenfeldbruck schossen einige kleine Kinder mit Wasser aus einem Schlauch Dosen um. Ein Stand wie noch ein paar andere nach dem Motto: Man kann gar nicht früh genug beginnen, für Nachwuchs zu sorgen.
Tag der Bundeswehr in Neubiberg: Wie um Nachwuchs geworben wird
Die Bundeswehr versucht auf vielen Wegen, junge Leute für das Militär zu begeistern. Der Andrang auf dem Campus in Neubiberg ist am Tag der Bundeswehr groß.










