Die Dämmerung bricht herein: „Aida Nova“ im Hamburger HafenQuelle: picture alliance/Laci Perenyi/Jerry AndreKrimi-Kreuzfahrten boomen: In See stechen Tatortreiniger und Rechtsmediziner, Bestsellerautoren und Tausende affiner Fans der spannenden Unterhaltung und grausigen Details. Unsere Autorin war bei einer blutigen Tour dabei.In der „Rock Box Bar“ liegt die Leiche: jung, weiblich, in Jeans und schwarzem Pulli. Eine Putzfrau, sichtlich geschockt, hat sie gefunden; der Mediziner, Autor und Schauspieler Joe Bausch, der den Bordarzt spielt, hat den Tod festgestellt. Rechtsmedizinerin Sarah Stockhausen erkennt Platzwunden von einem Sturz und punktförmige Stauungsblutungen auf den Augenlidern sowie eine Linie am Hals, die auf Strangulation hindeutet.Auf dem Boden sind nur wenige Blutspuren zu sehen. Carsten Schütte erklärt Grundlegendes: „Der erste Schlag spritzt nicht“, sagt der ehemalige Mordermittler am Landeskriminalamt Niedersachsen, Krimi-Autor und Crime Coach. Die Teilnehmer des von Polizisten und Medizinern geleiteten Workshops zur Tatortanalyse stehen in Ganzkörperanzügen mit Handschuhen und Masken dabei. Ihr Alter reicht von Anfang 20 bis über 70; sie sind Krankenschwestern, Ingenieure, Versicherungs- und IT-Leute, Erzieher, Kfz-Meister, Ärzte – und allesamt Kreuzfahrtpassagiere, die auf der „Aida Nova“ eine „Crime & Sea“-Tour gebucht haben.Blitzartig ausgebuchtSo blitzartig war der Tatort-Workshop ausgebucht, dass zwei weitere Auflagen ins ohnehin mit Lesungen und Vorträgen dicht gefüllte Bordprogramm gehievt wurden. Im Lauf dieses Seetags auf dem Weg von Hamburg Richtung Niederlande werden die Teilnehmer Zeugen vernehmen, sich zwischendurch mit einem Menü im Fine-Dining-Restaurant „Rossini“ stärken und schließlich den Mörder überführen.Lesen Sie auchThorsten Sueße, Facharzt für Psychiatrie, Krimi-Autor und erfahrener Gutachter in Strafverfahren, zeichnet zum Abschluss ein Profil des Täters und seiner Motivation. Die Workshop-Leiche ist da zum Glück schon aufgestanden und ins Leben zurückgekehrt.Die Metropolen-Tour der „Aida Nova“ führt in sieben Tagen über Rotterdam nach Seebrügge, Le Havre, Southampton und zurück nach Hamburg. Mit Landausflügen nach Amsterdam, Brügge, Paris und London bietet diese klassische Route eher bodenständigen Glanz und einige lange Busfahrten. Ausgebucht war sie dennoch drei Monate vor Abreise – dank des Mottos „Crime & Sea“.Lesen Sie auchSeit Jahren hat Aida bereits Themenkreuzfahrten im Angebot, etwa „Festival Cruise“ mit Partyprogramm oder das schwimmende Oktoberfest „Ozapft is“. Die Reise ins Reich des faktischen wie literarischen Verbrechens ist in dieser Form bei Aida Cruises eine Premiere, viele Mitbewerber haben ähnliche Themenreisen schon länger im Programm.Bestseller-Autoren und Tatortreiniger an BordMit den Bestseller-Autoren Sebastian Fitzek und Elisabeth Hermann, flankiert von Podcaster Philipp Fleiter, Tatortreiniger und Autor Marcell Engel sowie den Experten aus dem Workshop zur Tatortanalyse, verspricht das Programm auf der „Aida Nova“ geradezu einen Overkill an finsteren Geschehnissen – fiktiven wie realen. Dass die Passagiere Deutschlands Krimi-Avantgarde außerhalb des Programms im Fahrstuhl oder im Restaurant begegnen können, ist für viele ein weiterer Reiz dieser Reise. Fitzeks Lesung aus „Der Nachbar“ im Theatrium, der Hauptbühne des Schiffs, bildet am ersten Abend einen gruseligen Auftakt. Gebannt lauschen die Passagiere; geduldig stehen sie an, um ihre Bücher signieren zu lassen. Die ersten tragen bereits die für die Themenreise eigens entworfenen T-Shirts, die bald zur inoffiziellen Bord-Uniform werden.Ebenfalls bemerkenswert: Zwischen Lesungen, Vorträgen, Workshops und Thriller-Vorführungen im Bordkino sieht man ungewöhnlich viele Passagiere, die in die Lektüre dicker Bücher vertieft sind.Auch die Ausflüge passen zum Motto, sie loten die dunklen Seiten der Metropolen aus. In Amsterdam etwa berichtet Führerin Annamaria Mantel beim Spaziergang an malerischen Grachten und durch den Rotlichtbezirk vom Drogenproblem der Stadt, von Geldwäsche und Schutzgelderpressung. Die Workshops bieten erstaunliche Einblicke. Man erfährt zum Beispiel geschlechtsspezifische Täterdetails: „Männer töten, wenn die Frau die Beziehung beendet, Frauen töten, um sie zu beenden“, erklärt Psychiater Thorsten Sueße in einem Vortrag am späten Abend.Eine sehr gefährliche SituationAllerdings würden die meisten Beziehungsmorde von Männern verübt: 85 Prozent. Und er weiß, wann Vorsicht geboten ist: „Wenn die Frau sich getrennt hat und der Mann sagt: ‚Komm, lass uns nochmal reden‘, dann ist das eine sehr gefährliche Situation.“Zuvor hat Tatortreiniger Marcell Engel in seinem Referat „DNA-frei reinigen“ das Publikum mit grausigen Details gefesselt. Er erzählt von Blut, Geweberesten, Leichenflüssigkeit, von Insekten, Gestank, Verwesung. Manche Schilderung erfordert einen belastbaren Magen.Zum Glück ist wenigstens die See ruhig. Das Plenum ist bis auf den letzten Platz besetzt; wer keinen Sitz ergattert hat, steht oder hockt auf Stufen, sitzt vor den Bildschirmen rund ums Theatrium oder folgt der Live-Übertragung in der eigenen Kabine. Nach der schwindelerregenden Fülle von Informationen, nach blutigen Tatortbildern (wie dem Autoinnenraum nach Kopfschuss), nach verstörenden neuen Vokabeln wie „Hirnzapfen“ ist man froh, wenn die Kabinentür abends ins Schloss fällt. Sogar die munteren Jungs nebenan haben ihre lautstarke Kabinenparty, die sie am ersten Abend begangen haben, längst eingestellt.Das Schiff wiegt alle sanft in einen versöhnlichen Schlaf. Anderntags in Paris ist der Himmel grau, doch die wiederauferstandene Kathedrale Notre-Dame macht Mut. In der Event-Bar „Perpette“ werden die Ausflügler nach dem Besuch des Museums der Polizeipräfektur in Sträflingskleidung gesteckt, in einem vermeintlichen Gefängnisverlies mit Cocktails bewirtet und ins Rollenspiel eines Gefangenenaufstands verwickelt. Das Spannungsniveau bleibt hoch Nach der Rückfahrt nach Le Havre erscheint das 337 Meter lange, 42 Meter breite Schiff selbst wie ein sicherer Hafen – trotz der nächsten Dosis Schrecken und Spannung, die für den Abend auf dem Bordprogramm steht. Beispielsweise die Suche nach einem Spion in der „Mystery Cabin“ 5106 – wie der Workshop zur Tatortanalyse ist auch diese Übung für die kleinen grauen Zellen ständig ausgebucht.Das Spannungsniveau bleibt hoch. Für die Vorträge über Profiling und Cold Cases decken sich die Passagiere mit frischen Drinks ein. Schütte und Stockhausen debattieren auf der Bühne über stumpfe und scharfe Gewalt sowie über Blutspurenmuster. Dabei gibt es auch gute Nachrichten: Die Zahl der Tötungsdelikte sinkt in Deutschland.Die Möglichkeiten forensischer Verbrechensaufklärung verweisen den perfekten Mord zunehmend ins Reich der Fabel. Auch Sebastian Fitzek weiß das: „Das Gute ist in der Überzahl. Ich schreibe über die Ausnahme, an der wir Menschen seit jeher unser Leben ausrichten – so, wie es wichtiger ist, alle giftigen Pflanzen zu kennen, statt alle harmlosen.“ Wahrscheinlich üben reale Verbrechen und blutrünstige Thriller gerade aus diesem Grund eine besondere Faszination auf unbescholtene Bürger und Kreuzfahrtpassagiere aus. „Es ist das Abfackeln von Ängsten unter kontrollierten Bedingungen“, vermutet Joe Bausch, „die Auseinandersetzung mit Gefahr und Tod in sicherer Umgebung“. Zudem schaffe geteilte Furcht Gemeinsamkeit. Die lockere, freundliche Atmosphäre an Bord gibt ihm Recht. Am nächsten Morgen ankert das Schiff in Southampton. Jenseits der Hafenstadt liegen Hügel und Schafweiden der South Downs in goldenem Morgenlicht. Die Ausflüge führen zu literarischen und realen Verbrechen des späten 19. Jahrhunderts. Bei strahlendem Wetter geht es in London auf die Spuren des Serienmörders Jack the Ripper, dessen Identität nie geklärt wurde, oder zu den Schauplätzen von Arthur Conan Doyles unsterblichem Sherlock Holmes. Die Detektivtour endet vor dem Pub „The Sherlock Holmes“, in dessen oberer Etage eine detailfreudige Nachbildung von Holmes’ Arbeitszimmer dem Begriff „Cozy Crime“ Tiefe verleiht: weniger spritzendes Gehirn, mehr Kaminfeuer.In der Nacht wird Sebastian Fitzek weitere 2000 Bücher signieren; insgesamt hat er auf der Reise 4000 Widmungen geschrieben. Im Bordshop sind 7000 Bücher der mitreisenden Autoren verkauft worden – der komplette Bestand. Am letzten Tag loten Lesungen und Live-Podcasts ein letztes Mal bis in die Nacht menschliche Abgründe aus, während der Kapitän die „Aida Nova“ durch ruhige See zurück nach Hamburg steuert. Echte Tote sind auf dieser Reise erfreulicherweise nicht zu beklagen.Reedereien, die Krimi-Themenkreuzfahrten anbieten:Crime Cruise bietet eine Krimi-Fährreise von Dänemark nach Island vom 25.10. bis 1.11.2026, an Bord der „Norröna“ sind Autoren und Ex-Kriminalbeamte, es gibt Krimi-Theater, einen Live-Tatort und einen Krimi-Schreibworkshop, ab 1250 Euro pro Person in der Zweibett-Innenkabine (crime-cruise.de/island). TUI Cruises: Die „Mein Schiff 7“ sticht vom 14. bis 21.9.2026 im Rahmen der Reise „Metropolen der Ostsee“ zur Crime Cruise „Dem Verbrechen auf der Spur“ ab/bis Kiel in See. An Bord geben die Macher des „ZEIT-Verbrechen“-Podcasts Einblick in Kriminalfälle und ihre Podcast-Tätigkeit, ab 1799 Euro pro Person in der Doppel-Balkonkabine (meinschiff.com).Celebrity Cruises hat eine englischsprachige Crime Cruise auf der „Celebrity Beyond“ im Programm, sie fährt vom 18. bis 22.11. von Fort Lauderdale nach Cozumel; an Bord sind die auf Kriminalfälle spezialisierten Journalisten Chris Hansen und Nate Eaton, die Fallstudien und Kriminalfälle interaktiv präsentieren, ab 779 US-Dollar pro Person in der Innenkabine (crimecruise.com).Lesen Sie auchAida „Crime & Sea“: Nach dem großen Erfolg der Premiere soll es eine Neuauflage der „Crime & Sea“-Reise geben; ein Termin steht derzeit aber noch nicht fest. Die erste Crime-Reise basierte auf der siebentägigen Tour „Metropolen ab Hamburg“ mit Stationen in Rotterdam, Seebrügge, Le Havre, Southampton. Die Preise für diese Reise beginnen im Winter ab 595 Euro pro Person in der Innenkabine, in der Balkonkabine zahlt man ab 880 Euro (aida.de). Der Workshop zur Tatortanalyse inklusive eines dreigängigen Menüs im Fine-Dining-Restaurant kostet 199 Euro; die Suche nach einem Spion in der „Mystery Cabin“ 59 Euro pro Person. Lesungen, Vorträge und Signierstunden sind im Preis inbegriffen.Nicko Cruises bietet mehrere True-Crime-Flussfahrten im Juni, Juli, August und September auf dem Rhein ab/bis Köln an, sie dauern jeweils acht Tage und kosten ab 699 Euro pro Person, Themen sind etwa „Profiling & Cold Cases“ oder „Macht, Mord & Millionen“ (nicko-cruises.de/themenreisen#true-crime-cruises). Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Aida Cruises. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Crime & Sea: Wenn Kreuzfahrtpassagiere plötzlich zu Ermittlern werden - WELT
Krimi-Kreuzfahrten boomen: In See stechen Tatortreiniger und Rechtsmediziner, Bestsellerautoren und Tausende affiner Fans der spannenden Unterhaltung und grausigen Details. Unsere Autorin war bei einer blutigen Tour dabei.






