PfadnavigationHomeSportFußballWMWM-GeneralprobeLicht und Schatten der deutschen NationalmannschaftStand: 07:40 UhrLesedauer: 6 MinutenDas ist das Quartier des DFB-Teams bei der WM: Kurze Wege, moderne Trainingsplätze und Rückzugsorte sollen optimale Bedingungen für ein erfolgreiches Turnier schaffen. „Das ist uns mit diesem Base-Camp geglückt“, sagt Bundestrainer Julian Nagelsmann.Deutschland gewinnt die WM-Generalprobe. So beeindruckend die Serie mit neun Siegen in Folge ist – es fehlen noch Balance und Effektivität. Ein positiver Faktor fällt in den ersten Tagen in den USA aber auf.Der Abflug ist für Montagvormittag Ortszeit geplant. Von Chicago aus geht es für die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, den Trainerstab und die Betreuer nach North Carolina. In Winston-Salem (rund 250.000 Einwohner) wird der Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nach einem freien Sonntag in Chicago sein WM-Quartier beziehen, das Hotel „The Graylyn Estate“.Bereits am Nachmittag steht dann ein erster Termin an: Im Dennie Spry Stadium der Wake Forest University gibt es eine öffentliche Trainingseinheit. Die 3000 kostenlosen Eintrittskarten, für die sich Interessierte online registrieren mussten, waren Anfang Mai binnen vier Minuten vergriffen. Das Interesse am Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann, das am Ende der Einheit für Autogramme und Selfies zur Verfügung stehen wird, ist groß – zumal es beide Testspiele gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) gewann.Lesen Sie auchGegen die USA hatte die deutsche Elf am frühen Samstagnachmittag in Chicago bei knapp 26 Grad gespielt. Es war der letzte Test vor dem ersten WM-Vorrundenspiel gegen Curacao am kommenden Sonntag (19 Uhr MEZ/ARD und MagentaTV sowie im WELT-Liveticker). Es war eine Generalprobe, bei der am Ende zwar das Ergebnis stimmte, was gut für das Selbstvertrauen und auch die Stimmung im Tross ist. Jedoch offenbarte die Mannschaft mit ihrem Auftritt auch Probleme. Sie hat gewonnen, aber sie hat nicht vollends überzeugt.„Eine gewisse Idee im Kopf“, sagt der BundestrainerBundestrainer Julian Nagelsmann zeigte sich zufrieden, „weil wir gute Anläufe im Spiel hatten“. Er habe, ergänzte der 38-Jährige, „insgesamt ein gutes Gefühl“. Es sei aus sportlicher Sicht wichtig gewesen, „dass wir gewonnen haben. Wir haben jetzt neunmal in Folge gewonnen. Das musst du auch erst einmal machen.“ Auf die Frage, ob die Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen gegen die USA auch schon die Startelf für das WM-Auftaktspiel gegen Curacao gesehen hätten, entgegnete Nagelsmann: „Du hast du eine gewisse Idee im Kopf, die man jetzt auch in den beiden Spielen gesehen hat. Und wir werden jetzt nicht von der ersten Elf heute noch acht Spieler wechseln in Richtung Curacao.“Lesen Sie auchEs waren gute Anfangsminuten im Soldier Field. Kai Havertz sorgte nach nur einer Minute und 46 Sekunden für das 1:0. Er traf per Kopf nach einem Freistoß von Joshua Kimmich. Im Anschluss presste die deutsche Auswahl früh, setzte nach und verteidigte auch gut. Nach einer Trinkpause Mitte der ersten Halbzeit aber wurde das Spiel schlechter, die deutsche Elf war viel zu passiv – symbolisch steht dafür auch der Ausgleich der US-Amerikaner, die neben Kanada und Mexiko Gastgeber der WM sind, welche am Donnerstag beginnt. Abgesehen davon, dass es ein Traumtor war, das Antonee Robinson in der 37. Minute erzielte, als er den Ball nach einer von Jonathan Tah geklärten Ecke volley nahm und in den Torwinkel schoss, hätte es in der Entstehung verhindert werden können. Robinson stand im Rückraum völlig ungedeckt – wie zuvor schon bei zwei Eckbällen Mitspieler von ihm. Als es in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit abermals einen Eckball gab und die deutsche Elf erneut unsortiert wirkte, machte Leroy Sané seinen Ärger darüber mal Luft. Er monierte, dass er allein gegen zwei Gegenspieler verteidigen sollte – und zuckte mit den Schultern.Sané war es schließlich, der kurz nach dem Seitenwechsel auf Vorlage von Havertz das 2:1 erzielte. Ein Treffer, der die Qualität von Havertz bezüglich des Vorbereitens unterstrich – und vor allem Sané guttun wird, weiß er doch, dass er nur zweite Wahl auf der rechten Seite gewesen wäre, hätte sich Jungstar Lennart Karl am Tag vor dem USA-Spiel nicht verletzt. Karl fällt für die WM aus. Ein Schock.Lesen Sie auchSané ist nun plötzlich erste Wahl – und Teil der Offensive, in der Havertz vorn sehr gut spielte, Jamal Musiala und Florian Wirtz aber noch zulegen müssen, wenn es denn eine erfolgreiche WM werden soll. Die beiden Jungstars agierten unglücklich. Ihre Pässe waren oft nicht präzise genug, auch am Durchsetzungsvermögen gilt es zu arbeiten. Insgesamt gibt es mit Blick auf das Team noch Licht und Schatten. In der Offensive bedarf es mehr Effektivität und mehr Genauigkeit. Die Defensive – insbesondere die Innenverteidigung – wirkte gegen den teils sehr aggressiv agierenden WM-Gastgeber nicht vollends stabil, fing sich erst zum Ende des Spiels wieder. Jonathan Tah klärte ein ums andere Mal hervorragend. In Oliver Baumann vertrat ein sicherer Rückhalt die alte und neue Nummer eins Manuel Neuer. Der Münchner saß nach seiner Wadenverletzung auf der Bank und sah, wie gut ihn Baumann vor allem kurz vor Spielende vertrat, da hielt er zweimal überragend. Neuer soll, so der Plan, nun voll ins Mannschaftstraining einsteigen und gegen Curacao spielen. Am Samstag äußerte sich Baumann übrigens erstmals nach seiner Degradierung. Er versprach, sich weiter in den Dienst der Mannschaft stellen zu wollen. „Anfangs war es natürlich hart, das war nicht ganz cool von meinem Gefühl her“, sagte der Hoffenheimer gegenüber RTL: „Aber mir war sofort klar, dass ich fürs Team da sein werde und mitgehe. Ich habe nicht einmal daran gedacht, nicht mitzufahren. Es ist eine WM, ich möchte der Mannschaft helfen, es wird alles für den Erfolg getan.“ Auch sein Verhältnis zu Neuer sei „gut, nach wie vor“, betonte er.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Nur noch wenige Tage sind es bis zum ersten WM-Spiel. Die Startelf steht, denn da Nathaniel Brown im zweiten Test infolge von Beginn an spielte, dürfte er David Raum hinten links vorerst verdrängt haben. Es war die letzte vakante Position in einer Mannschaft, die in sich immer gefestigter wirkt. Manchmal sind es die kleinen Dinge in einem Spiel, die genau das belegen – wie etwa am Samstag in Chicago, als Tim Weah kurz vor dem Abpfiff an der Seitenlinie den eingewechselten Raum umgrätschte. Sofort liefen die deutschen Spieler herbei. Es kam zur Rudelbildung mit dem US-Team, man schubste sich, man schrie sich an. Die deutschen Spieler waren da für den Gefoulten, so wie sie alle auch da waren, als es galt das Sané-Tor zu feiern. Der Torschütze wurde geherzt. Dem Bundestrainer gefiel das, jedoch wollte er das nicht explizit herausstellen. Da er, wie er sagte, ohnehin Spieler in den Kader berufen habe, „von denen du natürlich sportlich überzeugt bist, aber auch weißt, dass sie gut ankommen in der Mannschaft und dass man auch füreinander spielt. Wenn er alles investiert im Training und auch in den Spielen, dann sind die Jungs auch bereit, für ihn alles zu investieren. Ich glaube auch, dass die Mannschaft an sich den Geist hat, gemeinschaftlich jubeln zu wollen“.Auf einen guten Teamgeist wird es ankommen, um weit zu kommen bei der WM. Und auf eine gute Balance während eines Spiels. Denn wie schwierig die äußeren Bedingungen werden können, zeigte sich bereits in Chicago. Ein stetes Anlaufen wird bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchte auf Dauer kaum möglich sein. Da gilt es, mit Auge und klarem Kopf zu agieren. Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit Dienstagabend sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl.