Die Macht war mit ihr: Ein Nachruf auf die Cutterin der «Star Wars»-FilmeMarcia Lucas, Meisterin des Filmschnitts in Hollywood, Oscar-Preisträgerin und stille Heldin der ersten «Star Wars»-Filme, ist 80-jährig gestorben.Marc Zollinger07.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIhr Talent? Sie machte aus gutem Material besseres. Und aus schlechtem akzeptables. 1978 gewann die Cutterin Marcia Lucas dafür einen Oscar.Anonymous / APAls Cutterin ist Marcia Lucas unnachgiebig. Wenn sie eine Szene drin haben will, dann bleibt sie drin. Da ist zum Beispiel in «Star Wars: Episode IV» der Moment, in dem Luke Skywalker und Prinzessin Leia von Stormtroopers verfolgt werden und plötzlich vor einer riesigen Schlucht stehen. Bevor sie sich mit einem Seil hinüberschwingen, gibt Leia ihrem Luke noch schnell einen Kuss auf die Wange – «for luck», um einander Glück zu wünschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.George Lucas, der Regisseur des Films und Marcias Ehemann, möchte die Szene herausschneiden, weil das Publikum bei der Testvorführung gelacht hat. Marcia sagt zu ihm: «George, sie lachen, weil es so süss und unerwartet ist.»Wenn George Lucas das Hirn ist, das sich die epochale Saga ausgedacht hat, steht Marcia für das Herz. Sie ist aber nicht allein für die sentimentalen Aspekte zuständig. Ihr spontaner, intuitiver Zugang bringt auch Tiefe in die Geschichte. Legendär ist ihre Idee, Obi-Wan Kenobi sterben zu lassen. Gemäss dem Script sollte der weise Jedi-Meister den Kampf gegen Darth Vader überleben. Aber Marcia erkennt, dass er danach eigentlich nichts mehr zur Handlung beiträgt. Sie schlägt vor, dass Obi-Wan als Geistführer zurückkehrt – eine Stimme, die Luke in entscheidenden Momenten leitet. Das ist der Wendepunkt, an dem «Star Wars» von einem schlichten Abenteuerfilm auf eine neue Ebene gehoben wird, die erst den Kult um den Film möglich macht – die metaphysische, in der der Tod nicht das Ende ist, nur ein Übergang.Auf ihre stille, aber entscheidende Rolle bei «Star Wars» angesprochen, winkt Marcia Lucas ab. George sei der grosse Meister. Aber sie liebe ihre Arbeit: «Es ist mir in die Wiege gelegt worden, aus gutem Material besseres zu machen. Und aus schlechtem akzeptables.»Geboren wird Marcia Griffin im Oktober 1945 in Modesto, Kalifornien, als erste Tochter einer Büroangestellten und eines Offiziers der US-Luftwaffe. Als sie zwei Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Marcia zieht mit ihrer Schwester und der alleinerziehenden Mutter vom Land in die Nähe von Los Angeles, nach North Hollywood. Sie verbringt viel Zeit vor dem Fernseher.Um die Mutter finanziell zu unterstützen, beginnt sie nach der Schule in einer Bank zu arbeiten. Das ist aber nichts für sie. Durch ihren damaligen Freund, der im neuen Hollywood-Museum angestellt ist, bekommt auch Marcia dort eine Stelle. Ihre Aufgabe besteht darin, Scripts, Fotografien und Filme zu katalogisieren. Hat sie in der Bibliothek gerade nichts zu tun, schaut sie bei den Kollegen der kommerziellen Abteilung vorbei, wo mit dem archivierten Material Werbefilme produziert werden.Marcia träumt davon, als Cutterin richtige Filme zu machen. Im von Männern dominierten Hollywood bleiben ihr aber die Türen verschlossen. Zum Glück kennt ein Freund von einem Freund eine Cutterin, die vorzugsweise Frauen anstellt: Verna Fields, Pionierin auf diesem Gebiet. In ihrem Studio lernt Marcia 1966 einen jungen Filmstudenten kennen, mit dem sie an einem Dokumentarfilm zu arbeiten hat: George Lucas. Die beiden verbringen viele Stunden im Schnittraum, ohne dass es funkt. Dann beginnen sie sich doch noch zu daten – was für die beiden Filmfreaks heisst: ins Kino gehen. Am liebsten zweimal am Tag. Drei Jahre später heiraten sie.George Lucas schafft 1973 mit «American Graffiti» seinen Durchbruch als Regisseur. Marcia macht zusammen mit Verna Fields den Schnitt und wird dafür erstmals für einen Oscar nominiert. Weil sie nicht nur als Anhängsel ihres Ehemanns angesehen werden will, sucht sie Arbeit bei anderen Filmemachern. Für Martin Scorsese etwa übernimmt sie die Postproduktion von «Alice lebt hier nicht mehr», «Taxi Driver» und «New York, New York».Für ihre Arbeit an «Star Wars» gewinnt sie 1978 mit Paul Hirsch und Richard Chew den Oscar für den besten Schnitt. In die Filmgeschichte geht insbesondere die Schlussszene ein: der Angriff der Rebellen auf den Todesstern. Das Rohmaterial mit Dialogen von Raumschiffpiloten, die dies und das sagen, ist über 12 Kilometer lang. Marcia muss alles verdichten und Kampfszenen einbauen – sie gewinnt die Materialschlacht.Nach «Die Rückkehr der Jedi-Ritter» von 1983 macht sie keine Filme mehr. Ihr abrupter Rücktritt fällt in die Zeit, als von analog auf digital umgestellt wird. Zugleich ist die Ehe mit George an einem toten Punkt angekommen. In einem ihrer raren Interviews sagt sie: «Ich wollte einen Halt einlegen und an den Blumen riechen. Ich wollte der Freude am Leben mehr Raum geben. George wollte das nicht.»Nach der Scheidung erhält sie das Sorgerecht für die gemeinsame Adoptivtochter und heiratet bald darauf den Produktionsmanager Tom Rodrigues, mit dem sie eine Tochter hat. Rodrigues lernt sie auf der Skywalker Ranch kennen, wo die «Star Wars»-Filme produziert werden.Marcia Lucas bleibt auch nach ihrer Frühpensionierung eine scharfe Kritikerin. Als Disney «Star Wars» übernimmt, sagt sie: «Sie haben Luke und Han Solo umgebracht. Auch Prinzessin Leia gibt es nicht mehr – und trotzdem spucken sie einen Film nach dem anderen heraus. Man darf mich zitieren: Die Geschichten sind schrecklich, nur schrecklich!»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel