«Jemand sollte diese Villen hier oben alle niederbrennen»: Steckt ein Linksextremer hinter dem verheerendsten Feuer in der Geschichte von Los Angeles?Womöglich ist ein junger Wutbürger daran schuld, dass über 16 000 Häuser abgebrannt sind. Es wäre ein weiteres drastisches Beispiel für die systemfeindliche Gewalt, die sich in den USA verbreitet. Ein Besuch am Gericht.07.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEr fühlt sich von reichen Leuten «versklavt»: Der Uber-Fahrer Jonathan Rinderknecht nach seiner Verhaftung im Oktober 2025.Department of Justice via ReutersWer das Gerichtsgebäude in der Innenstadt von Los Angeles betreten will, diesen imposanten zehnstöckigen Glaskubus, der wie ein Eiswürfel unter der gleissenden Sonne Kaliforniens funkelt, muss die Schuhe ausziehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sicherheitsleute, die an diesem Mittwochmorgen Ende Mai etwas unterbeschäftigt wirken, nehmen es genau. Zahlreiche Beamte widmen sich den vereinzelten Besuchern, die durch den Metalldetektor gehen. Entweder, so denkt man sich, stehen immer so viele Beamte bereit – oder es wurde an diesem Tag mit einem grösseren Andrang gerechnet.Denn der Fall von Jonathan Rinderknecht geht in die Vorverhandlung. Dem 30-jährigen Uber-Fahrer wird vorgeworfen, im Januar 2025 die verheerendste Feuerkatastrophe in der Geschichte von Los Angeles ausgelöst zu haben. Nicht allein der Klimawandel, sondern der antikapitalistische Wahn eines jungen Wutbürgers ist womöglich schuld, dass 16 250 Häuser abgebrannt, über 200 Quadratkilometer Land versengt und gegen dreissig Menschen ums Leben gekommen sind.Er fühlte sich von Reichen «versklavt»Am Montag beginnt der eigentliche Prozess, dann dürfte das Interesse zunehmen. Zum «pretrial», bei dem in Anwesenheit von Rinderknecht und seinem Anwalt Steve Haney einige grundsätzliche Verfahrensfragen verhandelt wurden, sind allerdings nur ein halbes Dutzend Gerichtsreporter erschienen.Doch sollte sich erhärten, dass die Brandstiftung tatsächlich vom mutmasslichen Täter aus antibourgeoisem Groll gelegt wurde, wäre dies ein weiteres Beispiel für die systemfeindliche Gewalt, die sich nicht zuletzt in drei Attentatsversuchen auf Donald Trump äusserte.Gegenüber den Ermittlern erklärte der Verdächtige, dass er sich von reichen Leuten «versklavt» fühle. Mit seiner Kapitalismuskritik scheint er Luigi Mangione nacheifern zu wollen. Dieser wird beschuldigt, den CEO einer Krankenkasse in New York City erschossen zu haben, weshalb er vom tonangebenden linksradikalen Podcaster Hasan Piker als eine Art Rächer des Prekariats verklärt wird. Unlängst warb dieser in der «New York Times» für Verständnis für einen solchen Mord an einem CEO.Im Gegensatz zu Mangione ist Rinderknecht zwar nicht eines Verbrechens mit terroristischer Absicht angeklagt, sondern der Brandstiftung und der Zerstörung von Eigentum, was einfacher zu beweisen sein dürfte. Doch laut Gerichtsurkunden googelte er Phrasen wie «Befreit Luigi Mangione». Auch Suchanfragen wie «Lasst uns alle Milliardäre zu Fall bringen» und sogar «Lasst uns alle Milliardäre töten» interessierten ihn.Davon abgesehen sollen auch persönliche Motive eine Rolle gespielt haben. In rund fünfzig Anfragen wollte er von Chat-GPT wissen, wie er mit seinem Liebeskummer umgehen soll. Eine Frau, mit der Rinderknecht im März 2024 kurz zusammen war, hatte anscheinend keine Lust, mit ihm Silvester zu verbringen. Am 30. Dezember bat sie ihn, dass er sie nicht länger mit Plänen für Neujahr behelligen solle.Im Uber schimpfte er auf TrumpOhne ein romantisches Rendez-vous für den Jahreswechsel setzte sich Jonathan Rinderknecht am 31. Dezember in sein Auto. Er vertrieb sich die Zeit mit Uber-Fahrten, wobei er laut Fahrgästen in aufgekratzter Stimmung war und Anti-Trump-Tiraden von sich gab.Schliesslich, kurz vor Mitternacht, nahm er eine Uber-Fahrt an, die ihn in ein exklusives Wohnviertel in den Pacific Palisades führte. Auf dem Weg dorthin liess er sich offenbar über die «skandalöse Dekadenz» und den Reichtum der dortigen Bewohner aus. «Jemand sollte diese Villen hier oben alle niederbrennen», sagte er laut den Passagieren.Dann, nachdem er sie abgesetzt hatte, steuerte er seinen VW über die Serpentinenstrassen tiefer in die Hügel hinein. In der Nähe der Lachman Lane am Rande des Naturschutzgebietes parkierte er. Bevor er gemäss dem GPS seines iPhones um kurz nach Mitternacht aus dem Auto stieg, rief er auf Youtube den Song «Un Zder, Un Thé» des französischen Rappers Josman auf. Mit dem Musikvideo, in dem Josman verschiedene Gegenstände in Brand steckt, scheint er sich in Stimmung gebracht zu haben. Anschliessend ging er ein paar Schritte durch das Unterholz, nahm sein Feuerzeug und steckte einige trockene Sträucher in Brand.So schildern die Staatsanwälte, wie es zum Lachman-Feuer gekommen sei. Dessen Glut glimmte womöglich sieben Tage, bevor sie, verursacht durch starke Santa-Ana-Winde, wieder aufflammte und zum Palisades-Brand werden sollte: einem Feuerinferno, wie es die Stadt noch nicht erlebt hatte.Bei den Bränden im Januar 2025 sollen insgesamt 16 250 Häuser abgebrannt sein. Über 200 Quadratkilometer Land wurden versengt.Jon Putman / ImagoHat die Feuerwehr geschlampt?Die Ankläger sagten, dass Rinderknecht böswillig das kleinere Lachman-Feuer gelegt habe, aber auch für das zweite, wesentlich grössere Feuer verantwortlich gemacht werden sollte. Sie stützen sich nicht zuletzt auf eine Suchanfrage bei Chat-GPT, die wirkt, als suche er nach Möglichkeiten, die Vorsätzlichkeit seiner mutmasslichen Tat abzustreiten: «Ist man schuld, wenn man wegen einer Zigarette ein Feuer verursacht hat», fragte er kurz nach seiner mutmasslichen Tat die Maschine. «Ja!», antwortete sie, mit Ausrufezeichen.Ob der eine Brand auf den anderen übergeschlagen hat, ist allerdings schwer zu beweisen. Und selbst wenn, so warf der Verteidiger von Rinderknecht, Steve Haney, bei der Vorverhandlung ein, sei in Wahrheit die Fahrlässigkeit der Feuerwehr für den Palisades-Brand verantwortlich. Denn sein Mandant habe höchstselbst von der Lachman Lane aus die Einsatzkräfte gerufen. Angeblich hatte er ein Feuer bemerkt, welches laut Zeugen dann nicht vollumfänglich gelöscht wurde. Die Feuerwehr soll geschlampt haben.Dieses Argument erachtete die Richterin allerdings als unerheblich. Entsprechende Zeugenaussagen werde sie beim Prozess nicht zulassen, sagte sie. Allerdings schränkte sie auch die Möglichkeiten der Gegenseite ein. So soll diese beim Prozess nicht vorbringen, dass sich Rinderknecht 2024 in einer Unterhaltung mit Chat-GPT für das Verbrennen einer Bibel gerühmt habe: «Es fühlte sich toll an. Ich fühlte mich so befreit.» Ein KI-generiertes Bild einer brennenden Stadt, das Rinderknecht einige Monate vor dem Brand geschaffen hat, darf den Geschworenen wohl genauso wenig gezeigt werden.Während es nicht nur von der eigentlichen Beweisführung ablenke, würde das Bild die Jury auch emotional aufwiegeln, argumentiert die Richterin. Sie erlaubt der Anklage aber, Rinderknechts Texteingabe bei Chat-GPT vorzubringen. Er hatte die künstliche Intelligenz gebeten, «ein dystopisches Gemälde zu erstellen». Auf der einen Seite sollte es Menschen darstellen, die vor einem Feuer davonlaufen. Auf der anderen stellte er sich ein Tor mit einem «gigantischen Dollarzeichen» vor. Dahinter: superreiche Menschen, die «chillen und zusehen, wie die Welt niederbrennt».Der schillernde Star-AnwaltDass Rinderknecht von einem zerstörerischen Feuer phantasierte, ist schwer von der Hand zu weisen. Wie jeder andere habe er das Recht, seine Überzeugungen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, so verteidigt ihn jedoch Steve Haney.In seinem fliederfarbenen Anzug, die Haare nach hinten gegelt, die Brille getönt, scheint der Anwalt geradezu einer Hollywood-Produktion aus den achtziger Jahren entsprungen. Eine Figur, fast wie aus der Serie «Miami Vice».Mit der Kapitalismuskritik von Rinderknecht kann der Star-Anwalt, der auch schon Prominente wie den Basketballstar Magic Johnson verteidigt hat, vermutlich wenig anfangen. Doch er argumentiert mit der Redefreiheit. Der Prozess sei politisch motiviert, sagt er nach der Vorverhandlung in einem kurzen Gespräch der NZZ.Die Anklage stelle «viele Fragen zu den politischen und sozialen Überzeugungen» seines Mandanten. Mit diesen möge man nicht einverstanden sein, so räumt er ein. «Viele Menschen in Amerika teilen seine Überzeugungen nicht, wahrscheinlich die Hälfte des Landes.» Aber er könne nicht glauben, dass dieser junge Mann seine politischen Ansichten zum Ausdruck habe bringen wollen, indem er am 1. Januar ein verheerendes Feuer entfacht habe. Die Brandursache, so suggeriert Haney, sei viel profaner. «Ich weiss ja nicht, wie es in der Schweiz ist, aber in Amerika zünden viele Menschen am 1. Januar ein Feuerwerk.»Wie einer Hollywood-Produktion aus den achtziger Jahren entsprungen: Rinderknechts Anwalt Steve Haney.Joseph Campbell / ReutersEin braver Haarschnitt für die VerhandlungJonathan Rinderknecht plädiert auf nicht schuldig. Der mit Fussfesseln in den Gerichtssaal in Los Angeles geführte junge Mann macht den Eindruck, als fühle er sich ungerecht behandelt. Über Äusserungen der Richterin schüttelt er wiederholt verächtlich den Kopf. Es arbeitet sichtlich in ihm.Den rebellischen Look hat er abgelegt, die langen Haare sind brav gestutzt, er ist sauber rasiert. Doch in der Körpersprache scheint die Abneigung gegen das System, das nun über ihn richtet, nur zu deutlich durch.Als hätte ihn die Anhörung geradezu beschmutzt, bleibt er beim Verlassen des Gerichtssaals beim Hygienespender stehen. Der Mann, der verdächtigt wird, Los Angeles in Brand gesteckt zu haben, desinfiziert sich noch rasch die Hände.Passend zum Artikel
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