Darüber spricht Wien: Peter Thiel gecancelt – ist das gut so?Der umstrittene amerikanische Tech-Milliardär hätte an den Wiener Festwochen über seine Idee vom Antichrist sprechen sollen. Dann wurde er ausgeladen. Und die Debatte geht weiter.Wolfgang Rössler07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm Heldenplatz in Wien wurden die Festwochen Ende Mai eröffnet. Dieses Jahr geht es um Religion.Tobias Steinmaurer / APASchräge Vögel ist man in Wien gewohnt, eine gewisse Exzentrik gehört zur Donaumetropole wie die Melange oder weisse Spritzer. Umso bemerkenswerter, dass es Milo Rau, der eigenwillige Regisseur aus Bern, geschafft hat, dass einigen in der Wiener Kultur- und Politikblase der Geduldsfaden gerissen ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rau führt im dritten Jahr den Taktstock bei den Wiener Festwochen – einer frühsommerlichen Veranstaltungsreihe, in der die grossen Fragen der Zeit künstlerisch ausbuchstabiert werden. Das heurige Thema: Religion. Rau hat die Festwochen dafür in «Republic of Gods» umbenannt. Gleich zu Beginn holte er Braco auf die Bühne: einen geschäftstüchtigen kroatischen Guru, der Menschen mit der Kraft seines Blickes heilen will.Das hat man Rau noch mit Bauchweh durchgehen lassen. Nicht aber einen anderen Gast: Peter Thiel. Der mächtige Tech-Oligarch hatte eingewilligt, sich in Wien einer Diskussion über das religiöse Konzept des Antichrist zu stellen. Darunter versteht Thiel im Wesentlichen das Konzept der regelbasierten Weltordnung. Der ehemalige Grossspender von Donald Trump ist ein evangelikaler Fundamentalist, der mit der Demokratie auf Kriegsfuss steht: Diese sei mit wahrer Freiheit unvereinbar. Thiel hat nicht nur Paypal gegründet, sondern auch das auf Überwachungssysteme spezialisierte Software-Unternehmen Palantir.Der amerikanische Milliardär Peter Thiel hätte in Wien erstmals öffentlich über seine Vorstellung vom Antichrist und der liberalen Weltordnung diskutieren sollen.Jim Lo Scalzo / EPADarf man ihm eine Bühne bieten? Unbedingt, meint Rau. Vermittelt wurde der Kontakt durch Wolfgang Palaver, einen linkskatholischen Tiroler Theologen, der so etwas wie ein Freund von Thiel ist – obwohl die beiden Welten trennen. Gemeinsam mit Rau wollte er den Tech-Bro auf dessen Konzept des Antichrist festnageln. Aber für einen grossen Teil der Wiener Linken ist Thiel selbst der leibhaftige Teufel. Sie forderten die Ausladung. Rau versuchte die Wogen mit einer öffentlichen Jury zu glätten: Nach langer öffentlicher Diskussion entschied diese, Thiel trotzdem einzuladen. Dann aber musste Rau klein beigeben: Ein grosser Teil der anderen Künstler hätte sonst die Festwochen boykottiert.«Schade», meint der 37-jährige Growth-Manager Emil. Er hätte Thiel gern zugehört und ihm bei Gelegenheit ein paar Fragen gestellt. «Ich würde gerne wissen, welche Rolle Sebastian Kurz in seinem Konzern spielt», sagt er. Der frühere Bundeskanzler war über einen Korruptionsskandal gestolpert und heuerte in der Folge bei Palantir an. Man habe die Gelegenheit verpasst, einem der vielleicht gefährlichsten Menschen der Welt harte Fragen zu stellen.So sieht das auch die Wiener Fotografin Ulrike. «Ich fürchte mich vor einer Welt, in der womöglich digitale Lords wie Peter Thiel über uns herrschen», sagt sie. Da wolle sie wenigstens wissen, was dieser so im Schilde führe. «Ich finde seine Geschichte vom Antichrist erzählenswert.» Dazu kommt es nun nicht. Thiel selbst nahm die Absage übrigens gelassen. Er habe insgeheim damit gerechnet, schrieb er Rau in einer E-Mail.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel