Plötzlich brauchen alle Kapital: Der KI-Boom saugt den Finanzmärkten die Liquidität abBitcoin taumelt, Privatmarkt-Fonds begrenzen Rücknahmen, Nasdaq-Aktien haben einen schwarzen Freitag. Was aussieht wie Einzelereignisse, könnte denselben Ursprung haben: der enorme Kapitalhunger von KI-Firmen.07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSpatenstich für ein Datencenter in Michigan.Jacob Hamilton / APDie Schweizer Firma Partners Group und der amerikanische Riese Blackstone mussten diese Woche die Notbremse ziehen: Weil zu viele Investoren aufs Mal Geld aus ihren Anlageprodukten für privat gehaltene Aktien und Kredite abziehen wollen, deckeln die beiden Anbieter die Rücknahme mancher Fondsanteile.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Woche ist zudem der Bitcoin-Preis abgestürzt – auf den niedrigsten Wert seit dem Amtsantritt von Donald Trump. Und am Freitag hatten dann auch noch die Aktien an der Technologiebörse Nasdaq einen schwarzen Tag mit einem Minus von 5 Prozent.Bloss ein Zufall?Für diese Turbulenzen gibt es plausible separate Erklärungen: für den tiefen Fall der Kryptowährung, dass der Bitcoin-Grossinvestor Michael Saylor entgegen früheren Beteuerungen erstmals Verkäufe meldete. Nasdaq-Investoren reagierten auf starke Arbeitsmarktzahlen in den USA, die Zinserhöhungen wahrscheinlicher machen. Und Investoren in nicht kotierten Vermögenswerten, wie sie die Partners Group anbietet, befürchten schon seit längerem Verluste bei diesen intransparenten Anlagevehikeln.Doch es gibt womöglich einen gemeinsamen Nenner für die Volatilität in diesen sehr unterschiedlichen Marktsegmenten: zu viele Anlagemöglichkeiten angesichts eines fixen Pools an Kapital.Nächste Woche plant SpaceX – das KI- und Raumfahrtunternehmen von Elon Musk – den grössten Börsengang der Geschichte. Bis zu 30 Prozent der Aktien sind dabei für Privatanleger reserviert. Gemäss Bloomberg wollen die Anbieter von börsenkotierten Anlagefonds (ETF) mehr als 20 Produkte im Zusammenhang mit diesem Börsengang lancieren: also zum Beispiel ETF, die ermöglichen, mit einem Hebel in SpaceX-Aktien zu investieren.Danach werden auch die KI-Firmen Anthropic und Open AI Mega-IPO durchführen. Anfang Woche gab Google eine Kapitalerhöhung über 80 Milliarden Dollar bekannt. Zuvor hatten Firmen wie Meta und Oracle Hunderte von Milliarden an Krediten für neue Datenzentren aufgenommen.Private haben wenig Cash«US-Privatanleger haben gemäss Umfragen sehr tiefe Barmittelbestände. Sie können also nicht einfach an diesen Börsengängen partizipieren, ohne andere Titel zu verkaufen», sagt José Antonio Blanco, Anlageexperte bei Swiss Life Asset Managers.«Es wird zu einem gewissen Crowding-out, also zu einer Verdrängung, kommen», sagt Blanco. Aber als klassischer Ökonom finde er das nicht zwingend problematisch: Manche Unternehmen und Staaten müssten mehr für Eigenkapital oder Kredite bezahlen, wenn jetzt plötzlich viele Investoren ihre Mittel in KI-Investitionen lenkten. «Es kommt zu einer neuen Balance.»Beunruhigt zeigt sich hingegen Beat Thoma, Anlagechef des Vermögensverwalters Fisch Asset Management. Er sieht in Bitcoin «das beste Barometer für eine Liquiditätsverknappung». Das sei ein Warnsignal. «In einer zweiten Phase könnten die Aktienmärkte unter Druck geraten.»Derzeit fliesse viel Liquidität von der Börse weg in die Realwirtschaft, in Investitionen, Rohstoffe und Löhne. Das kann paradoxerweise negativ für die Finanzmärkte sein. «Denn kommt es zu einer Liquiditätsknappheit an der Wall Street, würde das die Aktienkurse stark belasten», sagt Thoma.Investitionen von 4 Billionen DollarDie KI-Revolution erfordert voraussichtlich rund 4 Billionen Dollar an Investitionen, schreibt Swiss Life in einer Studie. Ein neuer Zyklus schuldenfinanzierter Investitionen sei wahrscheinlich. Das wachsende Angebot an Anleihen, Darlehen oder Privatkrediten sei «manchmal schwer zu absorbieren und erhöht die Volatilität am Markt».In der Vergangenheit hatten die grossen Technologiefirmen jeweils eigene Aktien zurückgekauft. «Jetzt nehmen sie plötzlich frisches Eigenkapital auf und beanspruchen im grossen Stil Kredite», sagt Thoma. Wenn Firmen wie Open AI, Anthropic oder SpaceX mit ihren Börsengängen Hunderte Milliarden Dollar an Kapital aufnehmen, entziehe das dem restlichen Aktienmarkt noch mehr Liquidität.Gleichzeitig stimuliert die US-Regierung durch eine massive Neuverschuldung und die Ausgabe von Staatsanleihen mit sehr kurzen Laufzeiten die Konjunktur und holt sich die dafür nötige Liquidität ebenfalls an den Finanzmärkten.In den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten kommt zudem eine sogenannte Schuldenwand auf uns zu: 80 Billionen Dollar Kredite, welche Firmen und Staaten in der Pandemie fast zu Nullzinsen aufgenommen haben, müssen nun refinanziert werden. «Das ist fast doppelt so viel wie in normalen Zeiten und beansprucht zusätzlich Liquidität», sagt Thoma warnend.Liquidität ist der Treibstoff für AktienViele Investoren denken, es sei gut für die Börsen, wenn die Konjunktur brumme. «Dummerweise stimmt das nicht. Die Konjunktur läuft den Aktienmärkten hinterher und ist nicht der Grund für einen Börsenboom», so Thoma. Der Treibstoff für Aktien sei fast ausschliesslich eine Ausweitung der Liquidität. «Sinkt diese, geht es in die entgegengesetzte Richtung.»Der langjährige Anlageexperte vergleicht die heutige Situation mit einem Lawinenhang, der von der Sonne beschienen wird: «Wann die Lawine abgeht, wissen wir nicht. Aber wenn sie einmal in Bewegung kommt, muss man schnell handeln.»Wenn nicht alles täuscht, steht uns an der Börse ein heisser Sommer bevor.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel