„All right, Chicago, it’s showtime!” Zwanzig Minuten vor dem Anpfiff geht es los mit dem großen amerikanischen Spektakel. Zwei Adler fliegen auf den riesigen Videowänden im Soldier Field durch die Hochhausschluchten der Stadt, die ersten Feuerwerke steigen vom Rasen in den Himmel, und dann gibt es eine spezielle Lektion in amerikanischem Selbstverständnis – auch die Mondlandung habe niemand für realistisch gehalten, heißt es in einem Video, warum soll dann im Fußball irgendetwas unmöglich sein?Jage nicht die Realität, lautet das Motto, das danach während der kompletten Spielzeit auf der Anzeigetafel leuchtet. Jage die Träume! Jage die Großartigkeit! Jage das Erbe! Und wenn dabei Blut fließt – auf dem Platz, versteht sich.Das ist Amerika, das ist das „Send-off Match“ für die amerikanische Nationalmannschaft am Samstag zur späten Mittagsstunde, das Spiel, mit dem das Team in die Weltmeisterschaft verabschiedet wird: mit Pomp und Patriotismus. Als das „Star Spangled Banner“ besungen ist, rauschen zwei Jets heran und verzieren den Himmel über der mit knapp 64.000 Zuschauern ausverkauften Stadionschüssel am Lake Michigan in Rot, Weiß und Blau. Und es ist, von hier betrachtet am Rande, auch der letzte Test der deutschen Mannschaft, bevor die WM beginnt.Als dann Fußball gespielt wird, geht Team Germany schon nach einer Minute und 46 Sekunden in Führung, als wäre es nicht Raketenwissenschaft sondern das Leichteste von der Welt. Nach einem Foul an Felix Nmecha gut 20 Meter vor dem Tor gibt es Freistoß, Leroy Sané, der für den verletzten und abgereisten Lennart Karl spielt, steht bereit, aber den Ball schlägt Joshua Kimmich in den Strafraum. Havertz läuft durchs Zentrum, mehr schlendernd als jagend, aber der Ball fällt genau auf seinen Kopf – eine selbstverständliche Beute.Am Ende der 90 Minuten, nachdem Antonee Robinson ausgeglichen (37.) und Leroy Sané (57.) noch den Siegtreffer für das Team von Julian Nagelsmann erzielt hat, darf man sagen: Es war ein respektabler Beginn unter diesen besonderen Bedingungen, bei dem sich neben dem besonderen Wert von Havertz gezeigt hat, dass die Deutschen die Mentalität und die fußballerischen Mittel mitbringen, um gute Phasen zu gestalten und sich auch einmal aus einer unangenehmen Situation zu befreien. Aber auch, wie viel noch unfertig wirkt, bevor es am kommenden Sonntag in Houston gegen Curaçao ernst wird. So wie am Samstag gegen das Team des Argentiniers Mauricio Pochettino scheint zwar manches möglich – aber auch, dass die Luft dünn werden könnte, wenn es in höhere und höchste Umlaufbahnen gehen soll.Dem forschen Beginn folgt eine Phase des LeidensBei der Generalprobe im Soldier Field ist es vor allem der deutsche Beginn, der Lust und Leichtigkeit verströmt. In der ersten Viertelstunde, als der Ball druckvoll über den Rasen gleitet, den Nagelsmann tags zuvor als „ein bisschen dichter, fast wie ein Teppich“, und deshalb potentiell bremsend charakterisiert hat, gibt es manches, das Mut macht. Florian Wirtz und Nathaniel Brown harmonieren bestens auf der linken Seite, der Frankfurter Verteidiger wirkt ohnehin fest entschlossen, seine Chance zu nutzen, ob mit oder ohne Ball.Im Zentrum verkörpert Nmecha Autorität, Aleksandar Pavlovic zumindest Präsenz, und Kapitän Kimmich strahlt von rechts hinten kraftvoll und ideenreich auf das ganze Spielfeld aus. Schon bald nach der Führung liegt der Ball wieder im amerikanischen Tor, wieder von Havertz hineinbefördert, doch vor Sanés Flanke war er im Aus.Dem forschen Beginn aber folgt eine Phase, in der das deutsche Team leidet. Ob ein Stück weit in Kauf nehmend oder unfreiwillig in die Seile gedrängt, ist schwer zu sagen. Jedenfalls saust der Ball nun mehrmals bedrohlich durch den deutschen Strafraum, und Oliver Baumann, der Manuel Neuer wie angekündigt ein weiteres Mal vertritt, kann froh sein, dass er noch nicht in höchster Not eingreifen muss.Robinsons Schuss bis zum MondEs folgt eine umkämpfte, aber belanglose Periode – bis Robinson mit seinem linken Fuß gegen den Ball tritt, als wolle er ihn bis zum Mond schießen. Mit einer Wucht, gegen die auch die Aura Neuers nicht geholfen hätte, rauscht er zum Ausgleich hoch ins Netz. Es ist die Folge eines Eckballs, von denen sich die Deutschen ein paar zu viel eingehandelt haben. Ein Treffer, wie er schon einmal passieren kann, das schon. Was aber gewiss nicht hätte passieren sollen: Dass die Amerikaner noch vor der Pause zu zwei, drei Großchancen zur Führung kommen, erst durch Sergino Dest, nachdem Jonathan Tah schlampig verteidigt hat, dann durch Christian Pulisic, als die Defensive insgesamt zu weit aufgerückt ist, und ein weiteres Mal nach einem Eckball. Pulisic, der frühere Dortmunder, tanzt den Deutschen immer mehr auf der Nase herum. So – das muss Nagelsmann seinen Leuten in der Pause sagen – ist es zu einfach.Personell unverändert kommen die Deutschen zurück, also auch mit Jamal Musiala, der sich müht, aber nicht verbergen kann, wie viel ihm zu seiner früheren Magie fehlt. Dass Karl fehlt, muss man auch sagen. Es ist nicht so, dass Sané etwas falsch machen würde, aber es entsteht daraus keine Phantasie. Gerade deshalb aber kann das, was nach einer knappen Stunde passiert, für die Deutschen womöglich noch viel wert werden: Musiala ist der Initiator, mit einem Pass zu Havertz, der leitet weiter zu Sané, und dann nutzt Sané seinen linken Fuß als Präzisionsinstrument, fast ohne Kraft aber punktgenau ins linke untere Eck.Kurz danach lässt Nagelsmann das Spiel von der Simulation des Ernstfalls in eine ausgedehnte Testphase übergehen, Waldemar Anton kommt als Rechtsverteidiger für Kimmich, außerdem Deniz Undav und David Raum für Havertz und Brown. Später folgen noch fünf weitere Wechsel, durchgespielt haben am Ende nur die Innenverteidiger Tah und Nico Schlotterbeck sowie Torwart Baumann. Der sorgt mit zwei Paraden gegen Joe Scally und Brenden Aaronson dafür, dass sich an der Realität des 2:1 nichts mehr ändert.