Die Absage wirkt vernünftig. Wahlkampf ist doch keine Seminarveranstaltung. Und wenn die Umfragen schlecht sind, kommt man besser ohne Berliner Prominenz aus. So ungefähr dürfte die Logik hinter der Entscheidung lauten, die CDU-Präsidiumsklausur Ende August nicht in Magdeburg stattfinden zu lassen.Ministerpräsident Sven Schulze wolle, so heißt es, alle Aufmerksamkeit auf seinen Wahlkampf lenken. Das ist nur zu verständlich. Wer wenige Tage vor einer Landtagswahl die Spitzen seiner Bundespartei einlädt, lädt immer auch deren Probleme ein. Davon hat die CDU im Bund derzeit einige.Nur könnte sich die Entscheidung noch als Fehler erweisen. Nicht trotz der Lage in Sachsen-Anhalt, sondern gerade ihretwegen. Da ginge mehr. Die eigentliche Herausforderung für die CDU besteht dort nämlich nicht nur darin, ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger zu erzielen. Die große Herausforderung heißt AfD. Sie liegt in den Umfragen deutlich vor der CDU. Und wird diese AfD nicht in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft? Das geht als Herausforderung weit übers Land hinaus, ist keine Randnotiz, sondern die politische Großwetterlage. Mehr als eine Kulisse Genau deshalb wäre ein CDU-Bundespräsidium in Magdeburg mehr gewesen als eine Kulisse für freundliche Gruppenfotos. Es hätte die Gelegenheit geboten, die gesamte Partei öffentlich auf einige Punkte festzulegen. Und die Präsidiumsklausur in Magdeburg hätte dafür den passenden Ort geliefert.Ausgerechnet dort, wo Verunsicherung und Herausforderung politisch am größten ist, hätte die CDU demonstrieren können, welche Ideen und Prinzipien sie hat. Und dann auch, dass die nicht von Umfragewerten abhängen.Die CDU diskutiert schon seit Jahren darüber, wie sie der AfD Wähler abjagt. Vielleicht wäre es hilfreicher, zuerst klarzustellen, was sie selbst will.Stephan-Andreas CasdorffDer erste Punkt, eine Festlegung aus gegebenem Anlass: Es wird nach dem 6. September keine Zusammenarbeit mit der AfD geben, nichts, gar nichts, keine Koalition, keine Duldung, keine parlamentarischen Winkelzüge. Natürlich steht das offiziell längst fest. Aber in Zeiten wachsender Nervosität verlieren Selbstverständlichkeiten ihre Selbstverständlichkeit. Sagen wir so: In der Bekräftigung liegt die Kraft.Mindestens im Moment zählt weniger, was irgendwo, irgendwann vorher beschlossen wurde, sondern was sichtbar bekräftigt wird. Parteien gewinnen Vertrauen nicht nur durch Programme, sondern durch Grenzen, die sie deutlich setzen und nicht überschreiten. Das wäre Straßeneffizienz Zweiter Punkt wäre ein Verwaltungs-Tüv für Bürokratie. Will sagen: Jedes Gesetz und jede Verordnung würde innerhalb eines Jahres auf Streich- oder Vereinfachungspotenzial überprüft. Das klingt nicht nur konkret, das ist es auch, dazu wäre es politisch machbar. Und immerhin ist der Ärger über ausufernde Bürokratie weitverbreitet.Der dritte Punkt: eine 100-Tage-Genehmigungsgarantie für Unternehmen und Investitionen. Wird eine Frist überschritten, muss die Behörde das öffentlich begründen. Das ist, das wäre – Staatseffizienz! Endlich! Demokratiebildung als Pflichtfach Vierter Punkt: Medienkompetenz und Demokratiebildung als Pflichtfach an den Schulen. Das könnte eine bundesweite Initiative sein, einerseits. Und eine landesweite ohnedies – gerade in einem Bundesland mit derart starker AfD wäre das doch eigentlich eine schlaue Antwort auf gesellschaftliche Polarisierung.Fünftens: mehr Geld und weniger Vorgaben für die Städte und Gemeinden. Das wäre in jedem Fall nicht zuletzt für die Bürgermeister attraktiv. Es würde deren Rolle betonen, sogar in gewissem Sinne würdigen. Es wird Zeit. Was nicht so weit weg klingt Schließlich der sechste Punkt: das digitale Bürgeramt, mit den wichtigsten Behördengängen vollständig online. Das ist zwar als Idee nicht ganz neu, aber sie kann trotzdem verfangen: wenn es einen klaren Zeitpunkt gibt, wann das Ziel erreicht sein soll. Am besten 2028, das klingt nicht gar so weit weg.Die CDU diskutiert schon seit Jahren darüber, wie sie der AfD Wähler abjagt. Vielleicht wäre es hilfreicher, zuerst klarzustellen, was sie selbst will.Nun aber bleibt der Eindruck einer Partei, die sich in vertrackter Lage in sich selbst verschließt und andere, den Bund besonders, lieber auf Abstand hält. Das mag der CDU am Ort taktisch klug erscheinen. Strategisch ist es das nicht.Es ist eher eine verpasste Gelegenheit, in Magdeburg zu zeigen, wie innovativ die CDU-Führung des Landes um Ministerpräsident Schulze ist, wie viel Mut sie hat und wie viel Einfluss auf die Bundesparteiführung. Den Kanzler eingeschlossen. Schade drum.