PfadnavigationHomeICONISTTrendsVäter-WorkshopMänner, die auf Zöpfe starrenVon Frank LorentzStand: 07:09 UhrLesedauer: 5 MinutenImmer eins ums andereQuelle: Olga Rolenko/Moment/Getty ImagesEin Pub, ein Pint, ein Puppenkopf: In London ging ein Workshop viral, bei dem Väter Zöpfe flechten lernen. Ähnliches gibt es auch hierzulande. Warum Männer ihren Töchtern die Haare machen – und was das über Nähe und moderne Vaterschaft erzählt.Was Männer in einem Pub tun, ist normalerweise schnell erzählt. In London aber saßen im Februar Väter vor Frisierköpfen, also Puppenköpfen mit langen Haaren, und lernten, wie man Zöpfe flechtet. „Pints and Ponytails“ heißt der Workshop – Bier und Pferdeschwänze –, zu dem die Väter Mathew Lewis-Carter und Lawrence Price erstmals eingeladen hatten. Das Ziel: Väter sollen ihren Töchtern nicht nur die Haare flechten können, sondern auch Zeit mit ihnen verbringen – und mit anderen Vätern ins Gespräch kommen.Seine Tochter habe ihn häufig gefragt, sagt Mathew Lewis-Carter, ob er ihr die Haare flechten könne. „Aber ich konnte es einfach nicht.“ So entstand die Idee für den Kurs. Die beiden Briten betreiben den Podcast „The Secret Life of Dads“, das geheime Leben der Väter, in dem sie sich mit Vaterschaft und Familienalltag beschäftigen. Das Video von der ersten Veranstaltung ging viral – mehrere Millionen Aufrufe. Die Folge: Die 35 Tickets für die zweite Veranstaltung, die im März stattfand, waren binnen einer Stunde verkauft. Die Leitung der Kurse übernimmt ein Unternehmen namens „Braid Maidens“ – übersetzt: Zopfmädchen –, das auf Frisier-Events spezialisiert ist.Die Väter lernen zunächst die Grundlagen. Lange Haare immer von den Spitzen zum Haaransatz kämmen. Langsam hocharbeiten, damit es nicht an der Kopfhaut ziept. Oder: einen Pferdeschwanz zum Dutt drehen. Warum es ausgerechnet ein Pub sein muss? „Hier fühlen sich die Männer wohl“, sagt Price. Kürzlich war das Duo erstmals außerhalb von London unterwegs, in Manchester. Von der Welle der großen Nachfrage getragen, planen die beiden als Nächstes eine „Pints and Ponytails“-Show mit prominenten Gästen, etwa Popstars oder Spitzensportlern. Dabei soll es nicht nur um immer anspruchsvollere Frisuren gehen, sondern auch um Vaterschaft, Elternschaft, Männlichkeit und psychische Gesundheit.Ähnliche Kurse gibt es auch in den USA, Kanada, Irland und Australien. Sie heißen „Daddy & Daughter Hair Workshops“ oder „Dad’s Hair School“. Und auch in Deutschland wurde diese Idee schon aufgegriffen: Im Friseursalon „Cocoon“ im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach etwa stand am vergangenen Wochenende eine neue Ausgabe der „Papa-Tochter-Hairschool“ auf dem Programm. Väter erscheinen zusammen mit ihren kleinen, langhaarigen Töchtern, um in einem dreistündigen Workshop zu lernen, einen einfachen Zopf zu flechten oder auch einen „französischen“, bei dem nach und nach weitere Strähnen eingearbeitet werden. Eine Friseurin erklärt, wie man das macht. Die Vater-Tochter-Gespanne sitzen im Halbkreis vor ihr. Die Väter schauen einander beim Üben zu und tauschen sich aus.Inhaberin des Salons ist Nina Link. Ihr Mann Jochen, im Hauptberuf Filialleiter eines Autoteile-Großhandels, kümmert sich um Marketing und Buchhaltung. Schon seit mehreren Jahren bieten die Links diese Haarschulen an. Das Alter der Töchter liegt nach den Worten von Jochen Link zwischen sechs und zehn Jahren, das der Väter zwischen Mitte 20 und 40. Für die Töchter gibt es eine „Candy Bar“ mit Süßigkeiten, für die Väter Kaffee und alkoholfreies Bier. „Das Lauteste“, sagt Jochen Link, „ist immer das Lachen der Väter.“Lesen Sie auchAuf die Idee mit der Haarschule kamen die Links vor acht Jahren in einem Hallenbad. Sie waren mit ihrer damals siebenjährigen Tochter Mia und dem zweijährigen Sohn Neo schwimmen. Nach dem Verlassen des Beckens standen die Vier in der Familienumkleide. Während Nina Link den Sohn anzog, wollte ihr Ehemann der Tochter die Haare kämmen. Es klappte, nun ja, eher mittelgut. Es ziepte, die Tochter schrie auf, der Vater war überfordert. „Neben mir stand ein Vater, dem es genauso ging“, erinnert sich Jochen Link, der früher als „Daddyblogger“ in sozialen Medien über seinen Alltag als Vater schrieb.Da fiel ihm der Facebook-Post eines US-Amerikaners ein: Der Mann stand in einer Turnhalle vor alleinerziehenden Vätern mit ihren kleinen Töchtern und zeigte, wie man den Mädchen die Haare kämmt und flechtet. „Das müssen wir ausprobieren“, schoss es Link in der Umkleide durch den Kopf. Ein Salon war vorhanden, das nötige Know-how ebenfalls. Kurz darauf war ein Workshop für zehn Väter konzipiert und der Name „Papa-Tochter-Hairschool“ geboren. Binnen eineinhalb Tagen war der Kurs ausgebucht. Die Teilnehmer reisten Link zufolge zum Teil aus 50 Kilometern Entfernung an.Viele Väter finden im Alltag durchaus Anlässe, um mit ihren Kindern Zeit zu verbringen. Schwieriger wird es manchmal dort, wo Fürsorge weniger mit Spiel als mit Pflege, Geduld und vorsichtiger Berührung zu tun hat. Haare kämmen, entwirren, flechten – solche Handgriffe sind in vielen Familien noch immer eher Sache der Mütter. Für Väter kann genau dort eine Unsicherheit beginnen, aus der im Alltag eine kleine Distanz entsteht.Studien zeigen, wie fragil die Nähe zwischen Vätern und Töchtern sein kann. Eine Untersuchung der Universität Köln beschäftigte sich 2021 damit, wie sich Kinder von ihren Elternteilen entfremden, wenn die Eltern getrennt leben. Demnach kühlt sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter besonders stark ab. Eine US-amerikanische Studie kam 2010 zu dem Ergebnis, dass Töchter sich vor allem dann an ihre Väter wenden, wenn sie praktische Unterstützung benötigen, etwa bei Reparaturen oder Transportfragen. Bei persönlichen Problemen hingegen ist häufig die Mutter die erste Ansprechpartnerin.Lesen Sie auchOb in London, Bad Kreuznach oder anderswo: Die Workshops setzen bei solchen Alltagsmomenten an. Beim Frisurenmachen geht es nicht nur darum, dass am Ende ein Zopf hält. Über den Umweg des Kämmens, Frisierens und Flechtens verbringen Väter Zeit mit ihren Töchtern, üben Geduld, Berührung und Aufmerksamkeit. „Caring Masculinity“ heißt das in der Forschung: sorgende Männlichkeit.Dominik Lorbach gehörte zu den Vätern, die im April die Bad Kreuznacher Haarschule besuchten. Er kam zusammen mit seiner achtjährigen Tochter Pheline. „Ein cooles Event“, sagt er. Seine Tochter sei stolz gewesen, dass er das Flechten hinbekommen habe – und habe es gleich in der Schule herumerzählt. Mehr Imagegewinn ist für einen Vater kaum möglich. Allerdings, sagt Lorbach, müsse man dranbleiben und das Flechten regelmäßig üben. „Sonst hat man schnell Knoten in den Fingern.“ Lorbach arbeitet bei einem großen Reifenhersteller, auch dort haben sich seine neuen Fähigkeiten inzwischen herumgesprochen. Ein Kollege, erzählt er lachend, mache bald ein sechsmonatiges Sabbatical. „Danach soll ich ihm den Bart flechten.“
Vater-Tochter-Bindung stärken: Warum Väter jetzt Zöpfe flechten lernen - WELT
Ein Pub, ein Pint, ein Puppenkopf: In London ging ein Workshop viral, bei dem Väter Zöpfe flechten lernen. Ähnliches gibt es auch hierzulande. Warum Männer ihren Töchtern die Haare machen – und was das über Nähe und moderne Vaterschaft erzählt.








