SpaceX schickt gerade wöchentlich neue Satelliten ins All – viele davon mit Mobilfunkantenne. Bald konkurriert das Satelliteninternet mit jenem auf der Erde. Was bedeutet das für uns Konsumenten – und was für den weltweiten Telekommarkt?Gioia da Silva (Text), Cian Jochem, Andrea Brühlmann (Grafik)06.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenBisher hiess es, Starlink konkurriere nicht mit etablierten Telekomanbietern wie der Swisscom, der Telekom oder Vodafone, sondern schliesse lediglich deren Funklöcher. Doch das dürfte sich bald ändern. Aus den Dokumenten, die Starlinks Mutterfirma SpaceX im Vorfeld des Börsengangs publizierte, wird klar: Starlink drängt mit voller Kraft in den Mobilfunkmarkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man arbeite daran, die «bevorzugte Konnektivitätserfahrung» für Kunden zu werden, schreibt SpaceX. Explizit als Zielgruppe genannt werden nicht nur Kunden in ländlichen Gebieten, wo die Netzabdeckung schlecht ist, sondern auch Kunden in Städten.Für Firmen wie die Swisscom, die Telekom oder Vodafone ist das eine Kampfansage sondergleichen. Bisher verkündeten sie es mit Stolz, wenn es ihnen gelang, mit Starlink zu kooperieren.Doch nun sieht es danach aus, als würden sich die Mobilfunkanbieter mit Starlink ein Kuckucksei ins Nest holen. Bald schlüpft das Küken, lässt sich so lange füttern, bis es selbst fliegen kann – und wird dann grösser und stärker als die Zieheltern es je sein werden.Für Handybesitzer und Internetnutzer ist das eine gute Nachricht. Zumal Satelliteninternet theoretisch Dinge ermöglicht, auf die viele Mobilfunkkunden seit Jahrzehnten warten: nie wieder Roaming. Ein einziges Abo für die ganze Welt. 5G in den hintersten Winkeln aller Bergtäler. Keine mühsamen Wechsel zwischen Funknetzen zweier Länder in Grenzregionen wie Basel.Seriöse Prognosen, bis wann das möglich sein wird, gibt es keine. Allerdings bewegt sich der Markt mit dem Satelliteninternet schneller, als Experten erwartet hatten. Noch vor wenigen Jahren gingen die meisten davon aus, dass Satellitensignale noch jahrelang die Nische für Notrufe aus Funklöchern füllen würden. Heute ist der Dienst in zwei Dutzend Ländern verfügbar, angedacht oder wartet – wie in der Schweiz – auf eine Bewilligung der Behörden.Über das Satelliteninternet wurden schon Fotos versendet und gar Videoanrufe durchgeführt – direkt vom Handy. Auch einen passenden Namen hat der Service schon: Starlink Mobile. Obwohl der SpaceX-Besitzer Elon Musk immer wieder beteuert, dass Starlink keine Mobilfunkanbieter aus dem Markt drängen wolle, sagte er auf einer Konferenz im Herbst: «Man soll Starlink haben können, wie man AT&T oder T-Mobile oder was auch immer haben kann.»Doch bevor Starlink tatsächlich Mobilfunkanbieter wird, hat die Firma vier Hürden vor sich. Sie arbeitet systematisch daran, diese niederzureissen.Hürde 1: Starlink fehlt eine nützliche FrequenzDass Starlink genau wie das Kuckucksküken in die Nester anderer hineinmuss, liegt daran, dass der Firma die Bewilligung fehlt, eigenmächtig zu handeln. Damit Firmen Mobilfunksignale versenden dürfen, brauchen sie eine Bewilligung – egal ob sie aus dem Weltraum operieren oder Antennen am Boden betreiben. Die Bewilligung gilt für ein bestimmtes Frequenzband, also für Funkwellen mit einer bestimmten Wellenlänge.Da Frequenzen eine physikalisch begrenzte Ressource sind, regulieren alle Länder, welche Firmen auf welchen Frequenzen funken dürfen. Deutschland und die Schweiz nutzen bei der Vergabe von Frequenzen ein Auktionsverfahren: Die Firma, die am meisten für eine Frequenz bezahlt, bekommt eine Konzession. Typischerweise laufen die Konzessionen für fünfzehn Jahre.In Europa besitzt Starlink keine eigene Konzession für eine Frequenz – schlicht weil die Firma noch keine ersteigert hat. Um ihr Signal zur Erde schicken zu dürfen, muss Starlink also mit bestehenden Mobilfunkanbietern zusammenarbeiten. In der Schweiz hat Starlink Salt als Kooperationspartner gewählt, in Deutschland die Telekom.In den USA ist die Situation anders. Durch die Übernahme des Satellitenbetreibers Echostar hat sich Starlink Zugriff auf ein eigenes Mobilfunk-Frequenzband gesichert. Bis 2027 sollte der Kauf abgeschlossen sein, schreibt SpaceX in den Börsengang-Papieren. Nun könnte die Firma in den USA theoretisch anfangen, ein eigenes Mobilfunknetz aufzubauen.Allerdings sind viele Smartphones noch nicht in der Lage, die Frequenz, die Starlink nun nutzen darf, intensiv zu verwenden. Zwar können Besitzer neuerer Smartphones darüber heute schon Hilferufe versenden. Aber für grössere Datenmengen reicht die Verbindung nicht aus. Das gibt SpaceX bereitwillig zu.Nun haben aber Smartphone-Zulieferer wie Qualcomm bereits begonnen, ihre Hardware auch auf das Satelliteninternet auszulegen. Damit scheint absehbar: Hürde 1 wird früher oder später fallen.Hürde 2: Mobilfunk braucht internationale AbspracheWie heikel die Sache mit der Frequenz politisch ist, zeigt die langsame Markteinführung des Starlink-Mobilfunks in der Schweiz. Salt wartet seit über zwei Jahren auf eine Bewilligung der Behörden, um das Signal aus dem Orbit freizuschalten. Die Schweizer Behörden zögern, weil sie befürchten, die Signale der Satelliten könnten Mobilfunkanbieter im Ausland stören.Die Vorsicht hat gute Gründe: Senden die Starlink-Satelliten ein Signal in der Frequenz von Salt zur Erde, nutzen sie zum Beispiel eine Frequenz von 2,110 bis 2,130 Gigahertz. Diesen Frequenzbereich verwenden in Deutschland zwei Anbieter: Vodafone besetzt die untere Hälfte, die Telekom die obere.Daher ist es möglich, dass das Starlink-Signal, das eigentlich für Salt-Kunden in der Schweiz gedacht ist, die Verbindung von Vodafone-Kunden in Deutschland stört – zumal die Signale aus dem Satelliten sich auf der Erde über einen Durchmesser von über 40 Kilometern streuen.Weil in Europa jeder Kleinstaat die Frequenzen seines Mobilfunks anders aufteilt, ist Europa ein funktechnischer Flickenteppich. Damit sich das ändert, braucht es eine Koordination der Frequenzbänder auf europäischer Ebene. Eine solche ist innerhalb der europäischen Mobilfunkadministration CEPT bereits aufgegleist. Die deutsche Telekom verspricht ihren Kunden nun, das Problem bis 2028 gelöst zu haben.Damit ist es auch bei Hürde 2 eine Frage der Zeit, bis sie überwunden ist.Hürde 3: Es braucht mehr Satelliten – und bessereEine weitere Schwachstelle von Starlink liegt bei den Satelliten. Es gebe noch nicht genügend Satelliten im Orbit, um viele Smartphones mit schnellem Internet zu versorgen, sagt Pietro Ronchetti, der sich für seine Doktorarbeit an der ETH Zürich auf das Starlink-Netzwerk spezialisiert hat. «Das Signal reicht zwar für Notfallanrufe und Textnachrichten, wird aber überlastet, wenn mehrere Nutzer zeitgleich versuchen, einen Video-Call zu machen oder einen Film zu streamen.»Um das zu ändern, plant SpaceX 42 000 Satelliten in den Himmel zu schiessen. Tausende davon sollen mit Mobilfunkantennen ausgerüstet sein.Und die Satelliten sollen auch leistungsfähiger werden: 5G statt 4G, 2 Tonnen statt 600 Kilogramm, doppelt so grosse Antennen, die nicht nur mehr, sondern auch stärkere Signale zur Erde schicken können.Entscheidend für die nächste Generation von Satelliten ist die Frage, wie stark sie ihre Signale bündeln können. Bisherige Internetsatelliten senden mit Antennen, die Signale zwar bündeln können, aber nicht allzu stark. Ein einzelner Funkstrahl, ein sogenannter Beam, deckt eine relativ grosse Fläche auf der Erde ab: etwa den gesamten Kanton Tessin oder das ganze Saarland. Alle Menschen in diesem Umkreis müssen sich das eine Signal teilen.Die Satelliten der nächsten Generation werden eine Technologie namens Massive Mimo besser nutzen. Ronchetti erklärt: «Diese neue Generation von Antennen kann schmalere Funkstrahlen erzeugen.»Das bedeutet: Ein einzelner Beam bedient ein kleineres Gebiet, etwa das Agglomerationsgebiet von Zürich oder die Innenstadt von München. «Weil sich die Fläche der Funkzelle verkleinert, müssen sich weniger Nutzer den einen Beam aufteilen. Das erhöht die Kapazität für die einzelnen Nutzer», sagt Ronchetti.SpaceX schreibt auf seiner Website, die neue Technologie soll die Leistung eines Satelliten um das Zwanzigfache steigern.Visualisierung der Beams: Mit den Satelliten der nächsten Generation (V2) soll das Signal am Boden stärker werden.StarlinkDoch um solche grossen Satelliten der nächsten Generation wirtschaftlich ins All zu bringen, braucht SpaceX eine Rakete, die erst noch in Entwicklung ist: das Starship. Gerade hat das Unternehmen die dritte Version der Rakete erfolgreich getestet.Damit scheint auch Hürde 3 überwindbar.Hürde 4: DächerSatellitensignale sind Radiowellen. Und diese dringen nicht immer in die Innenräume von Gebäuden. Während das Signal einer Mobilfunkantenne auf der Erde meist horizontal durch Aussenwände oder Fensterscheiben gelangt, schlagen die Wellen aus dem All senkrecht von oben ein. Sie treffen auf Solaranlagen, Dachziegel, Zwischendecken aus Stahlbeton – und je nach Geschoss auf höhere Stockwerke.Problematisch ist diese physikalische Barriere vor allem beim Uplink: der Verbindung vom Smartphone zum Satelliten. Denn Smartphones haben im Vergleich zu Satelliten nur kleine Antennen und schwache Batterien. Sie können deshalb nur mit einer geringen Sendeleistung funken.Das bedeutet: Den Wellen des Handys fehlt die Kraft, um massive Deckenkonstruktionen zu durchbrechen und die 550 Kilometer bis zu den Satelliten zu überwinden.Um das Problem zu entschärfen, plant SpaceX zwei Massnahmen: Erstens werden die Satelliten mit Antennen ausgerüstet, die selbst abgeschwächte Signale von Smartphones empfangen können. Zweitens will Musk die Flughöhe der Satelliten senken: Statt auf 550 Kilometern über der Erde sollen sie künftig auf einer Höhe von 480 Kilometern fliegen. Damit werden die Beams kleiner und die Signale am Boden stärker.Gelingt dies, sollten normale Dächer kein Problem mehr sein für Satelliteninternet. So sagte es jedenfalls Elon Musk an der Konferenz im Herbst – ausser man sei «unter einem dicken Metalldach».Auf wie viele Mobilfunknutzer das zutrifft, ist schwer zu ermitteln. Jedenfalls hat der Mobilfunkausrüster Ericsson erhoben, dass etwa 80 Prozent aller Mobilfunknutzung in Innenräumen stattfindet. Damit hat Starlink Mobile genau dort eine Schwäche, wo sich die meisten Nutzer die meiste Zeit aufhalten. Hürde 4 wird also mindestens für manche Nutzer bestehen bleiben.SpaceX rechnet mit flächendeckendem 5G bis 2028Damit sieht es aus, als würde Elon Musk, wenn überhaupt, an der Physik von Hausdächern scheitern. Doch er wäre nicht Elon Musk, wenn er sich von solchen weltlichen Banalitäten aufhalten liesse.Gelingt es SpaceX, den eigenen Zeitplan einzuhalten, soll das Starlink-Mobilfunknetz bis spätestens Mitte 2028 merkbar verbessert werden. Bis dann sollen 1200 Mobilfunksatelliten im All sein. Sie sollen Download-Geschwindigkeiten von bis zu 150 Megabits pro Sekunde ermöglichen. Damit könnte ein einzelner Nutzer mehrere 4K-Videos gleichzeitig unterbrechungsfrei streamen.Nun ist Musk bekannt dafür, allzu ambitionierte Pläne zu kommunizieren. Trotzdem scheint klar: Es wird vermutlich nicht mehr Jahrzehnte, sondern nur noch Jahre dauern, bis wir mit dem Handy ein starkes Internetsignal von einem Satelliten empfangen können.Ohne die irdischen Telekomfirmen geht es nichtRonchetti bezweifelt aber, dass das Starlink-Mobilfunknetz irgendwann Telekomfirmen wie die Swisscom oder die Telekom komplett ablösen wird. «Satelliten arbeiten mit Radiosignalen. Und die sind um einiges störungsanfälliger und können weniger Inhalte transportieren als Licht im Glasfaserkabel», sagt Ronchetti. Das limitiere die Kapazität des Satelliteninternets, egal wie viele Satelliten über unseren Köpfen schwebten.Die Vorstellung von einer Mobilfunkrevolution, die Firmen wie die Swisscom oder die Deutsche Telekom überflüssig macht, greift daher zu kurz. Starlink Mobile wird den Mobilfunkmarkt nicht vollständig erobern. Die irdische Infrastruktur aus Glasfaser und Mobilfunkmasten bleibt unersetzlich, insbesondere in grossen Städten und im Innern von Gebäuden.Trotzdem steht dem Abo für die ganze Welt bald nichts mehr im Weg. Bleibt die Frage nach den Kosten: Ist es erschwinglich für die Massen, wird das Signal schnell überlastet. Gut möglich also, dass Starlink Mobile das Angebot über den Preis künstlich verknappt.Passend zum Artikel