Der Hollywood-Regisseur Martin Scorsese arbeitet mit einem deutschen KI-Unternehmen zusammen. Das sorgt für KritikKünftig möchte Martin Scorsese seine Storyboards mithilfe des Startups Black Forest Labs erstellen. Was bedeutet das für den Film?06.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMartin Scorsese gilt als einer der renommiertesten Regisseure der Welt.Victoria Will / Invision / APDas Misstrauen der Filmwelt gegenüber künstlicher Intelligenz sitzt tief. Der Hollywood-Star Emily Blunt nannte die Erschaffung einer KI-Schauspielerin «furchterregend». Der Regisseur Guillermo del Toro sagte, er würde «eher sterben», als in seinen Filmen KI zu benutzen. Und bei einem grossen Streik 2023 forderten amerikanische Autoren und Schauspieler Schutz vor dem Einsatz generativer KI.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Entsprechend heftig fielen teilweise die Reaktionen aus, als Martin Scorsese diese Woche eine Partnerschaft mit der KI-Firma Black Forest Labs ankündigte. Der 83-Jährige ist einer der bedeutendsten lebenden Regisseure; Filme wie «Goodfellas» oder «Taxi Driver» haben das amerikanische Kino geprägt. Und er gilt nicht als jemand, der sich jedem Trend anschliesst: Die Superheldenfilme von Marvel verspottete er einst als «Freizeitpark»-Attraktionen. Als kommerzielle Ware statt wirklicher Kunst.Storyboards aus der MaschineNun wird Scorsese als «Berater» auf der Website der KI-Firma Black Forest Labs aufgeführt. Laut der «New York Times» soll er dort seit letztem Jahr auch als Partner beteiligt sein. Das Startup ist in Freiburg im Breisgau angesiedelt, wird mit über 3 Milliarden US-Dollar bewertet und gilt als deutsche Hoffnung im weltweiten KI-Wettbewerb. Bekannt ist die Firma für «Flux» – ein Werkzeug, mit dem sich über Textbefehle detaillierte Bilder erstellen lassen. Das will Martin Scorsese nun für seine Filme nutzen. Statt wie bis anhin jede Szene Bild für Bild manuell für das Storyboard (die Visualisierung des Drehbuchs) zu skizzieren, soll künftig der Computer diese Arbeit übernehmen.Für die Freiburger Unternehmer bedeutet die Zusammenarbeit mit Scorsese einen Prestigegewinn. Mit dem Oscar-prämierten Altmeister an Bord könnte KI als kreatives Werkzeug für Filmschaffende an Legitimität gewinnen. Scorsese wird auf der Unternehmenswebsite als «meisterhafter Geschichtenerzähler, dem das filmische Handwerk sehr am Herzen liegt», angepriesen.Auch Scorsese selbst hält sich mit Lob nicht zurück: Der Einsatz von künstlicher Intelligenz sei für ihn «kreativ befreiend», heisst es in einem Statement auf der Unternehmenswebsite. Und weiter: «Denken Sie daran: Das Kino ist ein junges Medium, erst etwa 125 Jahre alt, daher müssen wir offen dafür sein, wie es sich weiterentwickeln kann.»Karla Ortiz, eine Illustratorin, die an mehreren Marvel-Filmen mitgewirkt hat, schreibt auf X: «Er [Scorsese] wirft jeden einzelnen Storyboard-Künstler, mit dem er je zusammengearbeitet hat, den Wölfen zum Frass vor, während er ihre Existenzgrundlage mit Modellen zerstört, die wahrscheinlich auf genau den Werken dieser Storyboard-Künstler trainiert wurden.» Und der Animationskünstler Samuel Deats schreibt: «Ich brauche nur Sekunden, um eine Einstellung zu storyboarden.» Es gebe keinen Grund, dafür KI zu nutzen.Nach allem, was bis jetzt bekannt ist, will Scorsese KI nur für die Erstellung von Storyboards verwenden. Doch viele Kritiker sehen in solchen Anwendungen keine isolierten Experimente, sondern den Beginn einer Entwicklung, an deren Ende kreative Arbeit zunehmend automatisiert werden könnte. «Künstliche Intelligenz wird von Produzenten und führenden Kreativen genutzt werden – auf Kosten von Tausenden Fachkräften» lautet ein Topkommentar unter dem «New York Times»-Artikel. «Das hört nicht bei Storyboards auf», prophezeit ein anderer Kommentar.Martin Scorsese ist begeistert von den Möglichkeiten, die KI bei der Erstellung von Storyboards bietet.PDKreative KontrolleGanz so überraschend, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist Scorseses Begeisterung für KI nicht. Als Regisseur zeigte er sich schon in der Vergangenheit offen für technologische Innovationen. Den Film «Hugo Cabret» drehte er 2011 in 3-D. Und in seiner Mafia-Tragödie «The Irishman» (2019) liess Scorsese das Gesicht seines Lieblingsschauspielers Robert De Niro digital verjüngen.Die KI-Technologie kommt zudem womöglich Scorseses Selbstverständnis als «auteur» entgegen, der bei seinen Filmen Wert auf viel kreative Kontrolle legt. Dies zeigt sich in einem Video, das der Regisseur gemeinsam mit Black Forest Labs veröffentlicht hat. «Niemand auf dem Set weiss, welches Bild du im Kopf hast», sagt Scorsese dort. Die immerwährende Herausforderung sei: «Wie kriegst du das, was du hier drinnen siehst» – Scorsese tippt auf seinen Schädel – «nach draussen? Auf das Set?» Die Rolle des Regisseurs vergleicht er mit einem Maler: Die KI soll als Pinsel dienen, der die Bilder im Kopf des Regisseurs für die Crew sichtbar werden lässt.Vielleicht liegt hier tatsächlich eine der interessantesten Möglichkeiten von KI im Film: dass Regisseure ihre Vorstellungen unmittelbarer in Bilder übersetzen können. Scorsese würde wohl sagen: Das Kino kommt damit der Vision im Kopf des Regisseurs ein Stück näher. Seine Kritiker würden dagegenhalten, dass Film nie nur das Werk einer einzelnen Person gewesen ist: Auch Storyboard-Zeichner, Schauspieler, Kameraleute und Set-Designer prägen das Kunstwerk mit ihren eigenen Ideen. Welche dieser beiden Auffassungen die überzeugendere ist, dürfte die Branche noch lange beschäftigen.Passend zum Artikel