KommentarDeutschland macht vor, wie man Pharmakonzerne ohne Not vertreibtZwei grosse Medikamentenhersteller redimensionieren ihre deutschen Investitionen. Für die Schweiz sollte dies ein warnendes Beispiel sein.06.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenVor zweieinhalb Jahren gab es bei der Grundsteinlegung noch strahlende Gesichter. Nun krebst der Pharmakonzern Eli Lilly in Deutschland zurück.ReutersPharmakonzerne sind begehrt, nicht nur, weil sie ihren Beschäftigten überdurchschnittlich hohe Löhne bezahlen. Wegen ihrer Gewinnkraft werden sie weltweit auch als Steuerzahler hofiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Medikamentenhersteller wissen selbstverständlich um ihre privilegierte Stellung. Sie können sich gewissermassen aussuchen, wo sie neue Fabriken oder Forschungslabors errichten. Und die einzelnen Länder werden dabei unzimperlich gegeneinander ausgespielt.Auf Freude folgt FrustWie rasch man in der Gunst der Branche absteigen kann, erfährt zurzeit gerade Deutschland. Vor zweieinhalb Jahren herrschte noch viel Freude. Der amerikanische Pharmariese Eli Lilly gab zu diesem Zeitpunkt bekannt, für 25 Milliarden Dollar ein neues Werk im rheinhessischen Alzey zu bauen.Mit geschwellter Brust verkündeten Vertreter der damaligen Ampelregierung zusammen mit dem Management von Eli Lilly den Entscheid. Endlich war es wieder einmal gelungen, einen grossen Medikamentenhersteller nach Deutschland zu locken. Die Ansiedlung war Balsam auf die Wunden jener, die noch immer der längst verlorengegangenen Vormachtstellung der deutschen Pharmaindustrie nachtrauern.Inzwischen ist das Prestigeprojekt zu einem guten Teil Makulatur. Eli Lilly investiert, wie Mitte dieser Woche bekanntwurde, nur halb so viel Geld wie ursprünglich geplant in das Werk, in dem vor allem Abnehmspritzen produziert werden sollen. Statt tausend neuer Arbeitsplätze entstehen lediglich fünfhundert. David Ricks, der Chef von Eli Lilly, begründete den Entscheid mit der geplanten deutschen Gesundheitsreform. Sie sei «ein schreckliches Signal», sagte er gegenüber dem «Handelsblatt».Quittung für missglückte GesundheitsreformDie jetzige Regierung von Friedrich Merz, die eigentlich den Wirtschaftsstandort stärken wollte, erhält damit die Quittung für ein weiteres missglücktes Reformpaket. Pharmaunternehmen wie Eli Lilly passt es ganz und gar nicht, dass sie beim Verkauf ihrer Produkte zusätzliche Rabatte gewähren sollen, um Einsparungen im deutschen Gesundheitssystem zu ermöglichen.Mit Boehringer Ingelheim stimmt auch eines der wenigen verbliebenen deutschen Branchenschwergewichte mit den Füssen ab. Der Konzern liess fast zeitgleich mit Eli Lilly verlauten, geplante Ausgaben von 900 Millionen Euro in Deutschland zu streichen. Er findet, dass Pharmafirmen die Investitionssicherheit abhandengekommen sei.Für die Schweiz besteht kein Grund zur SchadenfreudeAngesichts der Sprengkraft der Gesundheitsreform und eines Wirtschaftsumfelds, das sich in Deutschland ohnehin seit Jahren verschlechtert, würde es nicht überraschen, wenn weitere Pharmafirmen Projekte beerdigen. Für die Schweiz sollten diese Vorkommnisse ein warnendes Beispiel sein. Die hiesige Pharmaindustrie hat sich zwar besser gehalten als die deutsche. So haben mit Roche und Novartis noch immer zwei der weltweit führenden Medikamentenhersteller hierzulande ihren Hauptsitz. Doch auch in der Schweiz machen der Pharmabranche übertriebene politische Forderungen zu schaffen.Als besonders stossend empfinden Branchenvertreter Pläne, auf Krebs- und anderen Präparaten, die ihren Anbietern besonders hohe Umsätze einbringen, Mengenrabatte zu verlangen. Zu Recht: Firmen sollten für Absatzerfolge nicht bestraft werden, auch dann nicht, wenn es um den Verkauf besonders teurer Medikamente geht.Allzu lange wurde es hierzulande als selbstverständlich angesehen, dass Roche und Novartis Milliarden in die Weiterentwicklung ihres Standorts investieren und sich in ihrem Sog weitere bedeutende Medikamentenhersteller ansiedeln. Immerhin hat sich die Schweiz nun dazu durchgerungen, ein Strategiekonzept für den Pharmasektor zu erarbeiten.Die Rückschläge in Deutschland zeigen glasklar: Wer gegenüber der Pharmaindustrie nur auf tiefere Preise setzt und die Anreize vernachlässigt, schwächt den Standort. Die Konzerne haben Alternativen. Eli Lilly hat angekündigt, die Investitionen, die nun nicht in Deutschland erfolgen, in die USA zu verschieben.