Kein Alkohol, wenig Fleisch – und trotzdem Gicht. Forscher entdecken, dass dahinter mehr steckt als ein ungesunder Lebensstil. Bei einigen Menschen werden selbst unauffällige Harnsäurewerte zum Warnsignal.Ein Pochen in den Gelenken, ein Stechen in den Fingern, ein Ziehen in den Zehenspitzen. Oft sind das bereits die ersten Symptome eines Gichtanfalls.Früher nannte man Gicht die Königskrankheit, weil sich nur Reiche genug Fleisch leisten konnten, um daran zu erkranken. Heinrich VIII. soll gelitten haben, Karl der Große auch. Heute sind in Deutschland etwa eine Million Menschen betroffen. Trotzdem halten viele Gicht noch immer für normalen Verschleiß, für etwas, das mit dem Alter eben kommt.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDabei steckt hinter der Krankheit mehr als nur ein schmerzendes Gelenk. Ausgelöst wird Gicht durch zu viel Harnsäure im Blut. Inzwischen fragen sich Forscher aber, ob Harnsäure nicht noch mehr anrichtet, etwa Gefäße schädigt oder den Blutdruck hochtreibt. Und wie viel davon Menschen überhaupt selbst beeinflussen können.Lesen Sie auchHarnsäure entsteht ständig im Körper. Immer dann, wenn alte Zellen abgebaut werden, fällt sie als Stoffwechselprodukt an. Eigentlich könnte die Niere sie fast vollständig ausscheiden. Doch sie behält den größten Teil zurück. Das ist kein Fehler der Evolution. „Harnsäure ist nicht nur Abfall“, sagt Michael Gekle, Physiologe an der Universität Halle. Sie schützt Zellen vor aggressiven Sauerstoffradikalen und hilft dabei, den Blutdruck stabil zu halten.Lesen Sie auchVor Millionen von Jahren galt das als Vorteil. „Unsere Vorfahren haben mit Salzmangel gekämpft, Blutdruckabfall war eine echte Bedrohung“, sagt Gekle. Die Harnsäure diente dabei als Backup-System. Heute gibt es den Supermarkt um die Ecke, Salzmangel ist längst kein Problem mehr. Doch der Körper arbeitet noch immer, als stünde die nächste Salzkrise kurz bevor. Das alte Backup-System bleibt aktiv.Genau das brachte Gekle auf die Frage: Was richtet Harnsäure langfristig im Körper an – auch bei gesunden Menschen? Dafür untersuchte sein Team knapp hunderttausend Personen aus der deutschen Bevölkerung. Besonders interessant wurden dabei die Gefäße.Gesunde Gefäße sind elastisch. Sie dehnen sich aus, wenn das Herz Blut auswirft, und federn anschließend wieder zurück. Werden sie krank, verlieren sie diese Flexibilität und werden steifer. Harnsäure, so die Hypothese, trägt genau dazu bei. Wie steif ein Gefäß ist, lässt sich an der Druckwelle des Herzschlags messen. „Je starrer ein Gefäß, desto schneller breitet sich die Druckwelle aus“, sagt Gekle.Lesen Sie auchDas Ergebnis überraschte ihn selbst. „Die Harnsäure kann Gefäße schon im Normalbereich schädigen“, sagt Gekle. Sein Team habe alle bekannten Risikofaktoren gegeneinander abgewogen: Alter, Geschlecht, Blutdruck, Blutzucker. „Harnsäure hat möglicherweise eine größere Bedeutung für die Gefäßsteifigkeit als der Blutzucker“, sagt Gekle.Damit werde Harnsäure plötzlich mehr als nur ein möglicher Auslöser schmerzhafter Gichtanfälle. Sie könne ein Frühwarnsignal für stillen Gefäßschaden sein, selbst bei Menschen, deren Laborwerte noch als unauffällig gälten.Wie deutlich die Unterschiede waren, zeigte sich auch in den Daten: „Frauen mit erhöhten Harnsäurewerten hatten Gefäße, die im Schnitt bis zu sieben Jahre älter wirkten. Bei Männern waren es etwa vier Jahre.“ Solche Gefäßveränderungen kennt man bislang vor allem von Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. „Die Harnsäure treibt hohen Blutdruck oft unbemerkt weiter in die Höhe“, sagt Gekle. „Niere, Herz und Gehirn leiden, wenn Harnsäure und steife Gefäße zusammenkommen.“Ob Harnsäure die Schäden tatsächlich verursacht oder eher nur ein Hinweis darauf ist, dass im Körper bereits etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, bleibt allerdings offen. Mit Beobachtungsstudien lasse sich das nicht endgültig beweisen.Lesen Sie auch„Wir wollen keine Panik machen“, sagt Gekle. Entscheidend sei immer das gesamte Risikoprofil. Gerade bei Menschen mit mehreren Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes könne es sinnvoll sein, die Harnsäure stärker im Blick zu behalten – auch wenn sie noch im Normbereich liege. „Die Harnsäure ist schon im Normalbereich ein oft unterschätzter Risikofaktor.“Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass die Harnsäure steigt? Die Antwort, die viele kennen, lautet: Fleisch. Wer viele Innereien isst, viel Alkohol trinkt und sich wenig bewegt, bekommt Gicht. So zumindest das verbreitete Bild.Hendrik Schulze-Koops, Rheumatologe an der Universität München, erklärt das mit sogenannten Purinen. Sie stecken in Zellkernen und damit vor allem in Innereien. „Wer Gicht vorbeugen will, sollte von vielen kernhaltigen Fleischen, Fischen und Häuten eher die Finger lassen“, sagt er. Auch manche pflanzliche Lebensmittel wie Spargel enthielten Purine. Das falle im Alltag aber kaum ins Gewicht. „So viel Spargel können Sie gar nicht essen, dass das alleine reicht“, sagt Schulze-Koops.Alkohol verschärfe das Problem zusätzlich. Er hemme die Ausscheidung der Harnsäure, Bier liefere durch die Hefe obendrein noch zusätzliche Zellbestandteile. Auch Fruchtzucker könne die Harnsäure erhöhen. Wer regelmäßig große Mengen Fruchtsaft trinke, tue seiner Harnsäure keinen Gefallen.Was die Gene über Gicht verratenVieles spricht also dafür, dass Gicht vor allem eine Frage des Lebensstils ist. Schulze-Koops hält Ernährung für den entscheidenden Hebel. „Vegetarier bekommen eigentlich keine Gicht“, sagt der Rheumatologe.Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Genetische Epidemiologie und Prävention des Universitätsklinikums Freiburg, sieht das differenzierter. Gemeinsam mit einem internationalen Team hat sie das Erbgut von rund 140.000 Menschen ausgewertet und dabei Gene identifiziert, die das Gichtrisiko beeinflussen. „Es gibt auch Vegetarier, die Gicht bekommen, wenn sie andere Risikofaktoren haben, sei das genetisch oder weil sie bestimmte Medikamente nehmen“, sagt sie. Ernährung sei ein Puzzlestück, kein Freifahrtschein.Köttgen hat herausgefunden, dass ungefähr die Hälfte der Unterschiede in den Harnsäurewerten zwischen Menschen eine genetische Komponente haben. Das klinge zunächst abstrakt, habe aber eine konkrete Konsequenz.„Wer genetisch stark vorbelastet ist, kann sich so gesund ernähren, wie er will, die Harnsäure kann trotzdem hoch bleiben“, sagt die Medizinerin. Dabei gehe es nicht um ein einzelnes defektes Gen. „Es gibt Hunderte Unterschiede in unserer DNA, die mitbestimmen, wie hoch die Harnsäurewerte sind“, sagt Köttgen. Wer viele dieser Risikovarianten trage, habe schlicht einen genetisch höheren Ausgangswert, unabhängig davon, was er esse.Lesen Sie auchHinzu kommt: „Ein entscheidender Grund für einen hohen Harnsäurespiegel ist, dass die Niere nicht richtig funktioniert und die Harnsäure deshalb nicht ausreichend ausgeschieden wird“, sagt Köttgen. Man könne durch gute Ernährung versuchen, den Zulauf kleiner zu drehen. Aber bei einem verstopften Ablauf könne der Spiegel trotzdem hoch sein. „Bei einer starken genetischen Veranlagung für Gicht reicht gute Ernährung nicht aus“, sagt sie.Dass erhöhte Harnsäurewerte alleine noch keine Gicht bedeuten, zeigt sich erst beim eigentlichen Anfall. Irgendwann fällt die Harnsäure in den Gelenken als Kristall aus. Eine Fresszelle des Immunsystems versucht, den Kristall zu beseitigen, und geht dabei selbst kaputt. Was folgt, ist eine heftige Entzündungsreaktion: der Gichtanfall.„Das klassische Bild ist das dicke, heiße Zehengrundgelenk, das Podagra“, sagt Schulze-Koops. Bei Frauen verlaufe das oft anders. Sie bekämen die Schübe eher an kleineren Gelenken, etwa an den Händen. Frauen vor der Menopause treffe Gicht dagegen kaum. Östrogen fördere die Ausscheidung von Harnsäure über die Niere. Mit der Menopause fällt dieser Schutz weg. Wer einmal einen Gichtanfall hatte, muss damit rechnen, dass er wiederkommt. Der Körper hat die Harnsäure als Feind erkannt und schickt beim nächsten Mal sofort wieder Fresszellen los. Beim zweiten Anfall sind oft schon mehrere Gelenke betroffen. Gleichzeitig beginne ein Kreislauf, der die Erkrankung weiter verstärken könne. Wenn die Niere schlechter arbeite, steige die Harnsäure weiter an. Gleichzeitig können erhöhte Harnsäurewerte die Niere zusätzlich schädigen.Warum Gicht oft übersehen wirdGerade im akuten Gichtanfall kann die Diagnose allerdings schwierig werden. Der Harnsäurewert im Blut ist dann oft gar nicht erhöht. Der Körper scheidet während des Anfalls mehr Harnsäure über die Niere aus, der Wert sinkt vorübergehend ab. „Ärzte sehen normale Harnsäurewerte und schicken den Patienten mit einem akuten Gichtanfall nach Hause“, sagt Schulze-Koops.Auch die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie empfiehlt deshalb, die Werte nach dem Abklingen des Anfalls noch einmal zu kontrollieren. Die sichere Diagnose gelinge ohnehin nur durch eine Punktion des betroffenen Gelenks. Fänden sich dort Harnsäurekristalle in einer Fresszelle, sei die Sache klar.Wie schwer die Erkrankung werden kann, wenn sie lange unerkannt bleibt, hat Schulze-Koops an eigenen Patienten gesehen. Einen Herzchirurgen habe er betreut, Mitte dreißig, der Harnsäurekristalle in den Sehnen hatte. „Der konnte nicht mehr operieren und musste seinen Job aufgeben“, sagt er.Lesen Sie auchDabei lässt sich Gicht meist gut behandeln. Im akuten Anfall helfen Kühlen, Hochlagern und entzündungshemmende Medikamente wie Kortison, Ibuprofen oder Colchicin. Wärme könne die Beschwerden dagegen sogar verstärken. Ohne Behandlung dauert ein Gichtanfall etwa drei bis vierzehn Tage.Da Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente die Nieren belasten können, sollten sie nur kurzfristig eingesetzt werden. Häufig sei deshalb auch eine Kortisonspritze direkt ins Gelenk sinnvoll. „Nach zwei Stunden hört der Schmerz meist auf“, sagt Schulze-Koops.Danach geht es darum, den nächsten Anfall zu verhindern. Dafür müsse der Harnsäurespiegel dauerhaft unter sechs Milligramm pro Deziliter gesenkt werden, etwa mit Medikamenten wie Allopurinol. Unterhalb dieses Werts lösen sich die Harnsäurekristalle im Körper langsam wieder auf. Das dauert allerdings. Wirkliche Effekte zeigen sich frühestens nach zwölf Monaten.Wie aufmerksam Ärzte auf erhöhte Harnsäurewerte schauen sollten, darüber wird allerdings noch diskutiert. Für Gekle könnte ein Wert im oberen Normbereich bei Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder in den Wechseljahren bereits ein Warnsignal sein.Schulze-Koops sieht das zurückhaltender. Harnsäure habe als Antioxidans auch schützende Funktionen. Studien aus den USA deuteten sogar auf ein möglicherweise geringeres Risiko für Parkinson oder Alzheimer hin. Nicht jeder erhöhte Wert müsse deshalb sofort behandelt werden, sagt der Rheumatologe.Ist Harnsäure tatsächlich selbst der Auslöser für Gefäßschäden – oder nur ein Marker dafür, dass im Körper bereits etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist? Noch lässt sich das wissenschaftlich nicht eindeutig beantworten.Fest steht jedoch: Wer Bluthochdruck hat, Diabetes oder gerade in die Wechseljahre kommt, sollte seinen Wert kennen. Nicht wegen der Gicht, sondern weil der Körper manchmal still leidet, lange bevor der erste Zeh sich meldet.