Die Frage aller Fragen, zumindest wenn es um Nathaniel Brown und seine Zukunft bei Eintracht Frankfurt geht, bleibt einstweilen unbeantwortet. Der Nationalspieler, der bald 23 Jahre alt wird, retournierte sie am Donnerstag wie ein Fußballspieler, der nicht am Beginn einer verheißungsvollen Karriere steht, sondern vor seinem letzten Vertrag.Im grünen deutschen Retroshirt von der Weltmeisterschaft 1994 saß Brown für eine Medienrunde im Hotel in Chicago vor der Bildschirmkamera und sagte, dass er nichts sagen möchte, zumindest nicht zu diesem Thema.Eine Summe von 60 Millionen Euro steht im RaumDas hatte wenige Stunden zuvor an Bedeutung gewonnen, weil es nach Berichten von Sky, Sport1 und der „Bild“-Zeitung zur mündlichen Einigung zwischen Brown und dem FC Bayern über eine gemeinsame Zukunft von nächster Saison an gekommen sei; der Vertrag soll bis ins Jahr 2031 währen.Nun würden Sportvorstand Markus Krösche für die Eintracht und sein Münchner Kollege Max Eberl besprechen, ob der gebürtige Amberger Brown von seinem Frankfurter Vertrag, der Mitte 2030 endet, vorzeitig entbunden wird. Billig würde das nicht: Eine Summe von 60 Millionen Euro steht im Raum. Mindestens.Das große Preisschild am schmächtigen Brown illustriert eine Wertsteigerung um den Faktor 20 in gerade zwei Jahren. 2024 kam er aus der zweiten Liga vom 1. FC Nürnberg für drei Millionen Euro zur Eintracht und entwickelte sich zu einem Bundesligaspieler mit dem X-Faktor, der in Zukunft Stammspielern wie Alphonso Davies oder auch Konrad Laimer ihre Plätze beim größten deutschen Fußballverein streitig machen könnte – und das in der Gegenwart schon bei Stammspieler David Raum in der ersten deutschen Fußballmannschaft macht.Wenn Julian Nagelsmanns Nationalauswahl an diesem Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu DFB-Länderspielen und bei RTL) in Chicago im letzten Test vor der WM auf die USA trifft und gut eine Woche später gegen Curaçao ins Weltturnier starten wird, ist gar nicht mehr selbstverständlich, dass Raum beginnen und Brown der Ersatzmann sein wird.Markus Krösche sagte die Zukunft genau vorausPlötzlich gibt es einen Konkurrenzkampf auf einer Position, die seit einem Jahr fest vergeben schien. Das liegt ein wenig an Raums Gesundheitsproblemen zum Saisonende in Leipzig. Das liegt aber vor allem an Browns erstaunlicher Entwicklung in Frankfurt.Als Brown dorthin kam, war er zunächst gar nicht gefragt. Nach wenigen Minuten im DFB-Pokal spielte er erst Ende Oktober erstmals in der Bundesliga für die Eintracht, im Europa-League-Kader fehlte sein Name. Da überraschte es, als Krösche schon damals völlig überzeugt sagte: „Nene wird der nächste Linksverteidiger der Nationalmannschaft.“Er sollte recht behalten. Den Weg dorthin versperrten auch die Turbulenzen mit der Trennung von Dino Toppmöller und das Missverständnis mit Nachfolger Albert Riera nicht. Während die Eintracht durch die Saison stolperte, beschleunigte der schnelle Brown noch einmal.Riera gab ihm beim Spiel in München die Kapitänsbinde, danach ob seiner Vielseitigkeit in zwei Partien die Aufgabe als Rechtsverteidiger. Damit der Frankfurter Flankenwechsel überhaupt möglich ist für den Linksfüßer, brauchte es einige Entwicklungsschritte, die er vor allem in seiner ersten Eintracht-Saison ging. „Da habe ich nicht so viel gespielt, als ich aus Nürnberg kam, weil ich noch sehr Defensivprobleme hatte.“ Anschließend habe er sehr viel gelernt.Albert Riera für Brown ein „sehr, sehr guter Trainer“Wie viel, zeigte er etwa im Dezember in der Champions League beim Spiel in Barcelona. Jungstar Lamine Yamal war irgendwann so genervt, dass er sich zu einem Frustfoul an Brown hinreißen ließ, weil er einfach nicht an ihm vorbeikam. Das Verinnerlichen der Prioritäten – „verteidigen, zu null und den Gegner nicht vorbeilassen“ – hat Brown in die Position gebracht, in der er nun ist.Selbst die kurze, für den Klub erfolglose Zeit unter Riera, den er dennoch als „sehr, sehr guten Trainer“ bezeichnet, will Brown nicht missen, denn „ich durfte noch mehr im Zentrum spielen, was mir sehr, sehr liegt“. Ob das unter dem neuen Coach Adi Hütter auch so wäre? Womöglich kommt es nicht mehr zum Kennenlernen in Frankfurt.Lamine Yamal (links) hatte wenig Spaß an den Duellen mit Brown in der Champions League.dpaDiese zentrumsnähere Positionierung gibt es auch in der Nationalelf, zumindest wenn es nach vorne geht. Bei Ballbesitz wurde zuletzt beim 4:0 im Testspiel in Mainz gegen Finnland aus dem Linksverteidiger Brown der halblinke Mittelfeldspieler Brown. Dort agierte er ballsicher, dynamisch, spielfreudig, harmonierte gut mit Florian Wirtz. Der Bundestrainer sieht in Brown „einen der talentiertesten Linksverteidiger, die es gibt“.Besonders imponierte Nagelsmann seine Leistung trotz der Frankfurter Probleme. „Er hatte immer ein konstantes Niveau. Das ist in seinem Alter mit der Situation im Klub beachtlich.“ Der Eintracht-Absturz, konstatierte Nagelsmann, verursachte bei Brown „keine bleibenden Schäden“.„Ein wissbegieriger und lernwilliger Typ“Beim ersten Gespräch mit Toppmöller sagte der damalige Frankfurter Coach, welch „wissbegieriger und lernwilliger Typ“ Brown sei, wie Nagelsmann verriet. „Das kann ich zu 1000 Prozent bestätigen.“ Nur eine Eigenschaft, sagte Brown in Chicago, möchte der Bundestrainer forcieren. „Er will, dass ich noch mehr aus mir rauskomme, weil ich eher ein ruhigerer Typ bin.“Das ist viel Lob für einen, der erst im Oktober erstmals von Nagelsmann eingeladen wurde und vier Länderspiele hat. Verdrängt hat er Maximilian Mittelstädt, der mit Raum das linke Duo bei der EM bildete. Der Stuttgarter habe „einmal kurz geschwächelt, als es Richtung WM-Quali ging“, sagte Nagelsmann, während es Raum und Brown „sehr gut gemacht“ hätten.Nur in einer Sache liegt der Ältere weit vorne: bei der Zahl der Tattoos. Raum hat unzählige, Brown kein einziges. Dabei gab es den Plan einmal, nur umgesetzt wurde er bisher nicht: „Ich drücke mich ein bisschen vor den Schmerzen.“Nun steht Brown kurz vor seiner ersten Teilnahme am Weltturnier in dem Land, dessen Pass er neben dem deutschen besitzt. Das liegt am amerikanischen Vater, zu dem er derzeit keinen Kontakt hat. Infrage kam für Brown sowieso nur eine Nationalelf: die deutsche. Auch dort wird er Nene gerufen. Den Spitznamen gab ihm seine Mutter, bei der er aufwuchs, im Kleinkindalter. Nathaniel war für viele zu lang und kaum aussprechbar.Browns Mutter war es auch, die seine Nominierung im persönlichen Video, das für jeden WM-Fahrer produziert wurde, verkündete. Dabei erinnerte sie ihn ans Familienmotto: „Es kommt, wie es kommt – und es kommt gut.“ Vielleicht, wer weiß, kommt es diesen Sommer für Brown noch besser.