Der neue Oberbürgermeister von Erlangen, Jörg Volleth, hat schaurig-schöne Tage hinter sich. Natürlich ist es schön, in den ersten Wochen der Amtszeit ein Volksfest eröffnen zu dürfen, bei seinem ersten Fassanstich auf der Bergkirchweih hat sich der CSU-Mann auch formidabel angestellt. Dass sich freilich auf einer Liste der städtischen Gleichstellungsstelle als unerwünschtes Kirchweih-Liedgut auch der „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang fand und das bundesweit nur so mittelgut ankam – dürfte sich eher schaurig angefühlt haben.Gewiss doch, Volleth hat diese Lieber-nicht-Liste nicht zusammengestellt. Aber als Rathauschef verantwortet er sie natürlich. Ein CSU-Politiker als gouvernantenhafter Bevormunder vom Bierfest? Das passt zwar überhaupt nicht zu Volleth als Person. Mit der Wahrnehmung jedoch muss er jetzt leben.Zum Glück gibt es aber auch Dinge, die ein OB ganz und gar selbst verantwortet. Ein Wortlaut-Interview in der Lokalzeitung etwa. Am 2. Juni 2026, einen Monat nach Dienstantritt, ist eines in den Erlanger Nachrichten erschienen. Thema ist, wie Volleth es formuliert, die in Teilen „beinahe als katastrophal“ zu bezeichnende Haushaltslage der Stadt. Es geht also ums Sparen.Das Gespräch mäandert auch zur Kultur, den „Standard“, sagt Volleth, müsse man halten. Das Poetenfest, mithin das renommierteste Literaturfestival des deutschen Bücherherbstes? Dass dieses nur noch alle zwei Jahre stattfinden soll, wird der OB zitiert, „das wurde ja schon beschlossen“.Jedes Jahr im Spätsommer findet das Poetenfest statt – eines der größten und wichtigsten Literaturfestivals im deutschsprachigen Raum. Foto: Poetenfest, Erich MalterPardon? Man selbst, das als persönlicher Einblick, ist nach Lektüre dieser Einlassung die Getränkeliste der vergangenen Stunden durchgegangen. Wurde einem Hochprozentiges untergejubelt? Stimmt etwas mit dem eigenen Tablet nicht? Befindet man sich im Zeitloch – und liest ein Interview aus dem Jahr 2032?Tatsache ist, das bestätigen danach mehrere Nachfragen in der Stadt: Das steht da wirklich, und zwar per Wortlaut-Interview, das ja üblicherweise autorisiert wird. Bei Betroffenen stünden seither die Telefone nicht mehr still, die Leute seien „komplett verwirrt“ und fühlten sich, betont vornehm gesprochen, „zutiefst veralbert“. Immerhin rufe man ja gerade parallel zu privaten Spenden auf – eben um in der Haushaltskrise tiefe Einschnitte beim alljährlich stattfindenden Poetenfest zu verhindern.Nur: Es gebe, anders als vom OB behauptet, definitiv keinen städtischen Beschluss in der Sache. Nicht mal ein entsprechender Stadtratsantrag sei bekannt. Es findet sich auch kein Wort davon in der Vereinbarung des schwarz-grünen Rathausbündnisses.Sehr verständlich im Übrigen, schließlich wäre dergleichen komplett widersinnig: Ein Festival der literarischen Neuerscheinungen – alle zwei Jahre? Sehen Sie hier, dieses Buch ist seit 20 Monaten auf dem Markt! Und wir hier in Erlangen, auf unserem Festival mit Anspruch auf bundesweite Ausstrahlung, stellen Ihnen das nun mal als eine Neuerscheinung vor.Hat der OB das so gesagt, so gemeint? Und falls ja: Wer genau hat das im demokratischen Gemeinwesen Erlangen angeblich so beschlossen - und wann? Leider sei der OB gerade im Urlaub, heißt es am Mittwochabend aus der Pressestelle. Vorläufig keine Antworten.