Mit Gottvertrauen gehe er in die Abstimmung hatte Außenminister Johann Wadephul kurz vor der UN-Sicherheitsratswahl am Mittwoch in New York gesagt – und einen Tag nach der Blamage steht er vor einem Priester und bittet ihn um den Segen für seine Reisegruppe. Wadephul ist am Donnerstag nach Mexiko-Stadt geflogen und lässt sich zuerst durch die Basilika „Unserer Lieben Frau von Guadalupe“ führen, einem katholischen Wallfahrtsort. Nachdem der Priester den Segen gesprochen hat, bedankt sich Wadephul lächelnd und beide umarmen sich. Der Glauben hilft nicht unbedingt bei Wahlen, aber trösten kann er wohl.Einen Tag nach der historischen Niederlage Deutschlands in der Generalversammlung der Vereinten Nationen ist Wadephul in ein Land gereist, in dem sich lange schon kein deutscher Außenminister mehr hat blicken lassen. Während in Deutschland diskutiert wird, was aus dem klaren Scheitern bei der Wahl in den Sicherheitsrat außenpolitisch folgen soll, ist es für Wadephul nach der Schmach auf der multilateralen Bühne die Rückkehr in den bilateralen Alltag. Zwar sitzt auch im Auswärtigen Amt der Schock noch tief, dass man nicht nur verloren hat, sondern auch noch so deutlich. Die Schwundquote bei den Zusagen war offensichtlich noch größer als befürchtet. Aber es muss weitergehen.Wenige Stunden nach dem Priester-Segen steht Wadephul neben Außenminister Roberto Velasco Álvarez vor der Presse und sagt: „Wir setzen weiter auf die UN als unseren Friedensrat.“ Gefragt nach Forderungen auch aus der eigenen Partei, das finanzielle Engagement Deutschlands bei den UN zu überdenken, sagt er, über das finanzielle Engagement entscheide der Haushaltsgesetzgeber. „Meine Empfehlung ist, dass wir bei den UN genauso engagiert bleiben wie bisher.“ Denn es gebe keine bessere Institution, die über eine größere Legitimität verfüge als die UN, wenn es um die Lösung von Krisen und Konflikten gehe. Da stimmt auch Velasco zu. Das ist für Wadephul offensichtlich eine Frage der Überzeugung, keine Frage des Glaubens mehr.Politische Beziehung muss auf wirtschaftliche folgenUnabhängig von der Sicherheitsratswahl war es jedenfalls überfällig, dass sich mal wieder ein deutscher Außenminister in Mexiko blicken lässt – zuletzt war es Heiko Maas 2019 gewesen. Jener Maas, der so spät in das jetzt verlorene Rennen um einen Sicherheitsratssitz gegen Österreich und Portugal eingestiegen ist. Im März war immerhin Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch schon mal da. Dabei ist die wirtschaftliche Verbindung zu Mexiko stark, mit mehr als 2000 Unternehmen ist die deutsche Wirtschaft in Mexiko vertreten, und nach den USA ist das Land der wichtigste Handelspartner in den Amerikas. Nur muss die politische Beziehung der wirtschaftlichen noch folgen.Immerhin gab es in Mexiko-Stadt etwas vorzuweisen. Ende Mai haben Mexiko und die Europäische Union mit dem modernisierten Globalabkommen ein umfassendes Rahmenabkommen über die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit unterzeichnet. Weil das Globalabkommen noch durch die Parlamente muss, wurde der handelspolitische Kern in ein Interimsabkommen ausgegliedert, der bereits anwendbar ist, um beispielsweise Zölle abzubauen.Für Deutschland bringt das vor allem bessere Marktchancen, mehr Rechtssicherheit für Investitionen und breitere Lieferketten. Zölle und Handelsbarrieren sollen sinken, europäische Firmen leichter an öffentliche Aufträge kommen. Für die deutschen Unternehmen ist die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas dabei nicht nur als eigener Markt interessant, sondern vor allem als Industriestandort nahe den USA. Wer in Mexiko produziert, kann unter den Regeln des USMCA für den nordamerikanischen Markt produzieren.Nahtstelle zwischen Europa und NordamerikaFür Deutschland ist Mexiko somit nicht ein gewöhnlicher Partner in Lateinamerika, sondern ein Standort an der Nahtstelle zwischen Europa und Nordamerika. Aufwiegen dürfte das den Rückschlag von New York freilich nicht. Aber der Zeitpunkt erlaubt Berlin zumindest, eine andere Botschaft zu setzen: Deutschland hat und findet wichtige Partner außerhalb der vertrauten westlichen Achsen.Mexikos Position ist nicht minder komplex. Das Land ist extrem von den Vereinigten Staaten abhängig. Der Großteil seiner Exporte geht in die USA, Millionen Arbeitsplätze hängen an nordamerikanischen Lieferketten. Washington nutzt diesen Hebel, um dem Nachbarn im Süden bei Themen wie Migration, organisiertem Verbrechen und Rauschgifthandel Zugeständnisse abzuringen. Die anstehende Überprüfung des USMCA setzt Mexiko zusätzlich unter Druck.Eine vertiefte Partnerschaft mit der EU löst diese Abhängigkeit nicht. Dafür ist die Verflechtung mit den USA zu tief. Aber sie gibt Mexiko zusätzliche Optionen. Europa wird zu einem größeren Absatzmarkt, zu einer wichtigeren Quelle von Investitionen und Technologie und zu einem politischen Gegengewicht, ohne dass Mexiko die nordamerikanische Achse infrage stellen muss. In Mexiko wird die Nähe zu den USA deshalb nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance gesehen. Seine Funktion als Brückenkopf zum US-Markt macht das Land als Industriestandort attraktiv – auch als deutschen Industriestandort. 2024 war Deutschland mit rund 3,9 Milliarden Dollar und einem Anteil von etwa zehn Prozent der drittwichtigste ausländische Investor in Mexiko, hinter den USA und Japan.Die mexikanische Lesart des Globalabkommens geht jedoch über den wirtschaftlichen Nutzen hinaus. Das mexikanische Außenministerium stellt das Abkommen als Paket aus Wirtschaftsöffnung, politischer Koordination und internationaler Zusammenarbeit dar und verweist auf eine ebenfalls unterzeichnete Absichtserklärung für einen strategischen Dialog. Außenminister Velasco sprach von einer „neuen Etappe“, in der Europa nicht nur Markt, sondern auch politischer Partner in einer unsicheren Weltordnung sein soll.Mexiko ersetzt keinen Sitz im Sicherheitsrat. Doch in Mexiko-Stadt kann Wadephul eine andere Geschichte erzählen. Der Trost liegt weniger im priesterlichen Segen der Basilika als in der nüchternen Erkenntnis, dass Deutschland auch nach der Niederlage von New York nicht isoliert ist, sondern wirtschaftlich und politisch gefragt bleibt.