Der Riesensatz von Götzis hätte Simon Ehammer schon zu Olympiagold gereicht. Nun stellt er ihn vor eine schwierige EntscheidungDer Appenzeller führt nicht nur die Jahresweltbestenliste im Zehnkampf an, sondern auch jene im Weitsprung. Doch am wichtigsten Wettkampf dieses Jahres – der EM im Sommer – kann er nicht in beiden Disziplinen starten.04.06.2026, 17.22 Uhr5 LeseminutenSo weit wie er fliegt kaum jemand: Simon Ehammer beim Weitsprung im Rahmen des Zehnkampfs beim Meeting in Götzis.Gian Ehrenzeller / KeystoneSimon Ehammer fliegt und fliegt, und als er landet, denkt er: «Das könnte weiter sein als alles, was ich jemals gesprungen bin.» Die besten Sprünge der Karriere hatten sich für den Leichtathleten immer sehr gut angefühlt, nein, «sehr, sehr, sehr gut», und auch wenn ein paar Zentimeter mehr auf achteinhalb Meter nicht viel sind: Er spürt das.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.8,51 Meter weit flog Ehammer am Sonntag im Rahmen des Zehnkampfes in Götzis, sechs Zentimeter weiter als bei seinem bisherigen Schweizer Rekord aus dem Jahr 2022. Weiter sogar als alle anderen Weitspringer dieses Jahr; bloss sechs andere Spezialisten erreichten den Wert in den vergangenen zehn Jahren.Am Abend vor dem Meeting hatte Ehammer zu seinem Trainer Karl Wyler gesagt: «Karl, nimm das Massband, wir messen das rasch ab.» Bei 8,50 m zog Wyler einen Strich in den Sand, diese Marke verfolgt Ehammer schon lange. Er ist ein Athlet, der seine Ziele gerne visualisiert, oft darüber spricht, sie oft anschaut. Nach diesem Prinzip lebt er schon lange: Schon früh sprach er von Bestmarken, die weit entfernt lagen, von Siegen, die unerreichbar schienen. Er sagt: «Wenn du dich nicht einmal traust, die Zielsetzungen auszusprechen, wie willst du denn selber daran glauben, dass du es kannst?»Wenn er sieht, wohin er fliegen will, scheint es machbar. Dann ist es machbar, wie der Sonntag zeigte.Mittlerweile meistert er brenzlige Situationen souveränSimon Ehammer blickt auf ein phantastisches erstes Halbjahr zurück; am Sonntag verbesserte er nicht nur den Landesrekord im Weitsprung, sondern auch jenen im Zehnkampf. Als erster Schweizer gewann er das berühmte Mehrkampfmeeting in Götzis, gleich an der Schweizer Grenze. Und das war bereits das zweite Ausrufezeichen, nachdem er im März an den Hallen-Weltmeisterschaften in Torun den 14 Jahre alten Weltrekord im Siebenkampf verbessert hatte.Im März brach Simon Ehammer den Weltrekord im Hallen-Mehrkampf.Michael Buholzer / KeystoneDiesen Erfolg zu verarbeiten, brauchte Zeit, nach der WM folgte ein kleines Tief. Eine Medaille, auch ein Weltmeistertitel, ist etwas Reales, das man als Athlet begreifen kann. Dass aber noch kein Mensch vor ihm so gut war – «nicht einmal mein Gott Ashton Eaton», sein Vorgänger und zweimaliger Olympiasieger –, das musste erst einmal einsickern.Fast surreal habe sich angefühlt, wie leicht von der Hand ihm der Wettkampf gegangen sei, sagt Ehammer. Dieses Gefühl der Leichtigkeit habe ihn auch in Götzis getragen, sagt er im Gespräch zwei Tage später. Um 203 Punkte steigerte er seinen Rekord auf 8778 Punkte, im Schnitt holte er pro Disziplin 20 Punkte mehr als bei seinem Rekord vor einem Jahr am selben Ort. Das ist auch abseits seines Riesensatzes im Weitsprung erstaunlich.Das beweist vor allem Ehammers neue Konstanz. Früher machte ihm in einer Sprungdisziplin manches Mal ein Nuller einen Strich durch die Rechnung. In den beiden starken Mehrkämpfen dieses Jahr meisterte er brenzlige Situationen aber souverän. So überquerte der Appenzeller in Torun im Stabhochsprung drei Höhen erst im dritten Versuch.Ehammer erklärt dies vor allem mit seiner Routine. «Ich hatte genügend viele Momente, in denen es in die Hose ging, dass ich vielleicht daraus gelernt habe.» Er konzentriere sich stärker aufs Wesentliche, statt nervös zu werden. «Ich habe gemerkt, dass ich in gewissen Situationen vielleicht etwas mehr Ruhe und Abgeklärtheit ins System bringen muss», sagt er.In Götzis hat er für diese Ruhe erstmals auch während des Meeting-Wochenendes Hypnose eingesetzt – ein Werkzeug, das er schon seit Jahren nutzt. Sein Hypnosetherapeut Adrian Brüngger muss dafür nicht unbedingt vor Ort sein wie am Tag vor dem Wettkampf. Ehammer kann sich inzwischen selbst in diesen entspannenden Zustand versetzen. Oder er nutzt, wie vor dem Einschlafen nach dem ersten Wettkampftag, eine Audiodatei von Brüngger. Ehammer nimmt sich in dem Moment aus allem heraus. «Wenn ein Wettkampf so gut läuft, kommst du gerne in eine Euphorie und bist ein bisschen unruhig. So konnte ich mich sammeln und noch einmal klar definieren: Was wollen wir genau? Was ist das Ziel?»Ehammer ist überzeugt, dass man das Glück irgendwann erzwingt, wenn man konsequent denkt und trainiert. Und er weiss inzwischen, dass er seine Leistung auf diesem Niveau abrufen und selbst unter schwierigen Bedingungen zeigen kann.Die Resultate aus Götzis hätten 30 Mal für Medaillen gereichtDie 8,51 m im Weitsprung und die 8778 Punkte im Zehnkampf hätten an den vergangenen je fünf Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften immer für eine Medaille gereicht, 18 Mal für Gold, 9 Mal für Silber und 3 Mal für Bronze. Das ist natürlich reine Gedankenspielerei, den wenigsten Athleten gelingt am wichtigsten Wettkampf auch die beste Leistung der Karriere. Und die Bedingungen müssen stimmen. Die Statistik verdeutlicht aber, in welcher Situation Ehammer sich momentan befindet. Denn bald entscheidet er, auf welche Disziplin er bei den Europameisterschaften in Birmingham Mitte August setzt.Beides geht nicht aneinander vorbei, ebenso wenig wie an den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028. Im vergangenen Jahr an den WM in Tokio hatte er einen Doppelstart gewagt und verpasste im Weitsprung knapp eine Medaille, im Zehnkampf schied er mit einem Nuller im Hochsprung aus und war schwer enttäuscht; die Weitsprung-Bronzemedaille an den WM 2022 bleibt seine einzige Medaille auf globalem Level. Versucht hätte er es trotzdem wieder – dass der Wettkampfplan einen Doppelstart verunmöglicht, frustriert ihn.«Natürlich ist es ein Riesenprivileg, dass ich in zwei Disziplinen Weltklasse bin», sagt er. «Aber es ist auch extrem unangenehm, dass ich ungewollt in der Situation bin, entscheiden zu müssen. Das Herz hängt momentan zwischen Stuhl und Bank.»Ehammer lässt in dieser Woche den Erfolg von Götzis auf sich wirken, geniesst ihn und bespricht mit seinem Umfeld die bevorstehende Entscheidung. Dann reist er ins Trainingslager nach Los Angeles. Das hat er sich gewünscht, damit ihm die Stadt bei Olympia in zwei Jahren nicht fremd ist. Im Mittelpunkt steht der Aufbau für die zweite Saisonhälfte. Dann hebt er wieder ab – entweder nur über den Sandkasten oder über zehn Disziplinen.Passend zum Artikel
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