USA und Mexiko: In der Politik sind die beiden Länder zerstritten, im Fussball hingegen enger, als ihnen lieb istDie USA und Mexiko bilden im Fussball seit langem einen gemeinsamen Markt. Verbände und Vereine konkurrieren aber um dieselben Fans, Spieler und Sponsoren.Ronny Blaschke04.06.2026, 14.09 Uhr5 LeseminutenDas mexikanische Nationalteam der WM 2026, zu Hause in den USA und in Mexiko.ImagoDas vorletzte Testspiel vor der WM hat die mexikanische Nationalmannschaft auswärts in den USA bestritten. Und doch konnte man es als Heimspiel bezeichnen. Im Rose-Bowl-Stadion in Pasadena, im Grossraum Los Angeles, gewann Mexiko gegen Australien 1:0. In dieser Metropolregion haben von insgesamt 19 Millionen Menschen rund ein Drittel biografische Wurzeln in Mexiko.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Anfang der 2000er Jahre arbeitet der mexikanische Fussballverband mit einer amerikanischen Agentur zusammen. Jedes Jahr bestreitet das mexikanische Nationalteam mindestens sechs Spiele in den USA, meist in Gliedstaaten, in denen viele Latinos leben. Tickets für diese «Mextour», die oft in ausverkauften NFL-Stadien stattfindet, kosten oft mehr als 200 Dollar. Die Einnahmen sind drei- bis viermal so hoch wie bei Heimspielen in Mexiko-Stadt oder Guadalajara. Und ein Teil davon verbleibt beim amerikanischen Fussballverband.Die USA und Mexiko sind Nachbarn, Handelspartner, Rivalen. In der Ära von Donald Trump werden oft die Unterschiede betont. Im Fussball aber bilden die USA und Mexiko seit langem einen gemeinsamen Markt. Doch auch im Fussball gibt es Hierarchien und Konkurrenz um Fans, Spieler und Erlöse. Wie wird sich die WM in den USA, Mexiko und Kanada darauf auswirken?Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenUndurchdachtes Werben um HispanicsRund 40 Millionen Menschen in den USA sind mexikanischer Abstammung, 12 Prozent der Bevölkerung, und dieser Anteil wächst weiter an. Lange war die mexikanische Profiliga die meistgesehene Fussballliga im amerikanischen Fernsehen. Latinos freuten sich auf Gastspiele der mexikanischen Nationalmannschaft, und sie mieden die Klubs der Profiliga der USA. Und das hat historische Gründe.Bereits im späten 19. Jahrhundert brachten britische Einwanderer den Fussball in die USA. Bei der WM 1930 in Uruguay belegte die Mannschaft der USA mit ausnahmslos weissen Spielern den dritten Platz. Auf Jahrzehnte hinaus prägten europäische Einwanderer den Fussball in den Vereinigten Staaten. Latinos, die häufig Rassismus erlebten, organisierten ab den 1950er Jahren eigene kleine Ligen.Ab den 1970er Jahren wurden in den USA Profiligen gegründet, die sich aber nicht lange halten konnten. 1974 warben in der North American Soccer League die Los Angeles Aztecs mit ihrem Namen um Latinos, in Anlehnung an die Hochkultur der Azteken im vorkolonialen Mexiko. Doch auf der anderen Seite vermarktete die Liga den Fussball als europäischen Sport. Die Aztecs verpflichteten berühmte Spieler wie George Best und Johan Cruyff. Die Kosten stiegen, der Erfolg blieb aus, die Zuschauerzahlen gingen zurück. 1984 wurde die Liga eingestellt.Mexikanische Fans beim Testspiel gegen Australien beim Stadion Rose Bowl in Kalifornien. Quasi ein Heimspiel.Arturo Cordero / ImagoDas Werben um die mexikanischstämmige Minderheit war nicht durchdacht. Nach der erfolgreichen WM 1994, die in den USA im Durchschnitt fast 70 000 Zuschauer pro Spiel angelockt hatte, ging die Major League Soccer (MLS) an den Start. Einer ihrer Klubs war im Grossraum Los Angeles für eine Weile Chivas USA, ein Ableger des mexikanischen Traditionsvereins Deportivo Guadalajara.Der mexikanische Unternehmer Jorge Vergara wollte die Chivas zu einem «echten Team für die Hispanics in Südkalifornien» formen. Aber bei der Verpflichtung von Spielern und im Umgang mit Mitarbeitenden traten Konflikte auf. Der Klub konnte die Erwartungen sportlich und kommerziell nicht erfüllen, 2014 war Schluss.Mexikanische Influencer für US-KlubsFrüher waren es die Aztecs und die Chivas, heute sind es LA Galaxy und LAFC: Die Fussballklubs in Los Angeles stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Wirtschaftszweige in Kalifornien. Sie wollen Jahrzehnte, die von Rassismus und verpassten Integrationsversuchen geprägt waren, hinter sich lassen und Latinos als Kundschaft gewinnen. Laut einer Studie der Stanford University wuchs das Einkommen von Latinos in den USA seit der Jahrtausendwende stärker als in jeder anderen grossen Bevölkerungsgruppe. Insgesamt sind 60 Prozent der Latinos jünger als 35.Seit einigen Jahren öffnet sich die Major League Soccer. Etliche amerikanische Klubs veröffentlichen Videos und Botschaften auch auf Spanisch. Sie verkaufen Fanartikel in mexikanischen Landesfarben und laden mexikanische Influencer ein. Sie organisieren Autogrammstunden in Stadtvierteln mit hoher Latino-Bevölkerung und veranstalten Pokalwettbewerbe wie den «Leagues Cup», an denen Vereine aus den USA und Mexiko teilnehmen. So ist der Anteil von Fans mexikanischer Herkunft gewachsen, insbesondere in Kalifornien und Texas.Doch diese Vielfalt beschränkt sich auf die Tribünen. Das Antidiskriminierungsnetzwerk Fare hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Beteiligung von Latinos in Führungsgremien und Trainerstäben der amerikanischen Klubs kaum über einstellige Prozentpunkte hinausgeht. Und auch auf den Spielfeldern scheinen die USA ein grosses Potenzial nicht wahrzunehmen, sportlich und damit auch ökonomisch.Fussball gilt in den USA vielerorts als Sport einer weissen Mittelschicht. Erhebungen zeigen, dass Talentakademien eher in einkommensstarken Gemeinden liegen. Ein Netzwerk mit gemeinnützigen Amateurvereinen wie in Deutschland oder der Schweiz gibt es nicht. Reisekosten, Übernachtung, Ausrüstung: Für die Eltern können in den USA schnell Tausende Dollar zusammenkommen.Latinos, die im Schnitt geringere Einkommen haben als weisse Amerikaner, sind im Nachteil. Aber nicht nur das. Allein im Grossraum Los Angeles leben schätzungsweise 800 000 Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Viele Eltern lateinamerikanischer Herkunft wollen ihre Kinder nicht bei Klubs anmelden und ihre Daten hinterlegen. So schaffen es Latinos selten an die Spitze. Für die WM wurden nur zwei Spieler mit mexikanischen Wurzeln ins USA-Team berufen: Ricardo Pepi vom PSV Eindhoven und Alejandro Zendejas von Club América in Mexiko-Stadt.Mexiko nutzt Vakuum in den USA für sichDiese Zweiklassengesellschaft ist immer wieder Thema. Zum Beispiel, wenn die amerikanische Mannschaft die WM verpasst, so wie 2018. Der Fussballverband und die MLS reagieren auf Kritik, indem sie mehr Stipendien ausschreiben oder spanischsprechende Scouts beauftragen. Doch in der Regel ebbt die Debatte wieder ab. Eine Arbeitsgruppe für Diversität beim Verband US Soccer wurde wieder aufgelöst.Es ist ein Vakuum, das der mexikanische Fussballverband für sich nutzt. Dutzende Scouts suchen in den südlichen Gliedstaaten der USA nach Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft. Im mexikanischen Team standen in diesem Jahr fünf Spieler, die in den USA aufgewachsen sind. Unter ihnen ist Obed Vargas, geboren in Alaska und seit kurzem für Atlético Madrid aktiv.Sollen sie doch ruhig alle nach Mexiko gehen, so ist zumindest die Haltung von vielen Anhängern Donald Trumps. Mehrfach trafen die Nationalteams der USA und Mexikos in den vergangenen Jahren auch in Los Angeles aufeinander. Und meist fühlten sich die Gastgeber wie bei einem Auswärtsspiel, denn die Mehrheit des Publikums jubelte für die Mexikaner. Konservative Kommentatoren werteten das als Zeichen dafür, dass sich viele Amerikaner mexikanischer Herkunft nicht mit den USA identifizieren würden.Dem amerikanischen Fussballverband geht es derweil um das sportliche Ergebnis. Um mehr Unterstützung für die eigene Mannschaft zu erhalten, verlegte der Verband wichtige Pflichtspiele gegen Mexiko in Städte, wo vergleichsweise wenige Latinos leben, zum Beispiel nach Columbus im nordöstlichen Gliedstaat Ohio. Dort ist die mexikanische Grenze 2400 Kilometer entfernt.Passend zum Artikel