Es ist ein regnerischer Sommertag in Reykjavík. Die Nationalgalerie Islands befindet sich in einem alten Eishaus direkt gegenüber dem Stadtteich im Zentrum der isländischen Hauptstadt. So konnten vor hundert Jahren die Eisblöcke aus dem See direkt in das Lager transportiert werden, um später Fisch und Köder zu kühlen. Viele Orte in der noch jungen Hauptstadt verweisen auf eine Vergangenheit, in der das Überleben der Natur abgerungen werden musste und sich alle wirtschaftlichen Unternehmungen auf das Meer konzentrierten.An diesem Sonntag steht vor dem ehemaligen Eishaus eine gut besuchte, leuchtend bunte Hüpfburg. Der Lärm der Kinder dringt bis in den Eingangsraum des Museums, vermischt sich mit den Klängen der gerade eröffneten zwei Ausstellungen „Echolalia“ von Björk und „Metamorphlings“ ihres langjährigen Arbeitspartners James Merry.Ineinanderfließende Animationen, typisch für KIBjörk ist seit Dekaden eine Art Epizentrum isländischer Kreativität und dabei zu einer Art Symbol für die Nordatlantikinsel selbst geworden. James Merry zeigt in „Metamorphlings“ seine für Björk produzierten Masken, die das transformative Potential ihrer Kreativität zeigen. Die Ausstellung „Echolalia“ mit Arbeiten von Björk setzt sich aus drei raumfüllenden Installationen, „Ancestress“, „Sorrowful Soil“ und „Nerve Bloom“, zusammen. Die ersten beiden verwenden Lieder aus dem 2022 erschienenen Album „Fossora“ und sind Björks verstorbener Mutter gewidmet. Die Installation „Nerve Bloom“ ist eine Videoinstallation mit Ausblick auf das kommende Album.Der neue Song und die verwendete Videoästhetik verursachten bereits wenige Stunden nach der Eröffnung der Ausstellung Diskussionen im Internet. Die dominante Ästhetik der von der CGI-Künstlerin Natalie Liu umgesetzten, ineinanderfließenden Animationen, verbunden mit den xenomorphen Gemälden von Natalia Kleszczewska, erinnert nämlich massiv an KI-generierte Bilder und Videos. Dieser Stil wird mittlerweile auch Latent-Space-Ästhetik genannt, um das unheimliche Ineinanderbluten eigentlich getrennter Bildobjekte, die Inkohärenz sich auflösender Oberflächen in Verbindung mit einer falsch wirkenden Glätte zu bezeichnen. Greenman, 2017 aus der Ausstellung „Metamorphlings“ von James MerryTim WalkerDiese Eigenschaften haben generierte Bildwelten, weil Diffusionsmodelle eben in einem Vektorraum, dem Latent Space, Prompts nicht direkt abbilden, sondern aus riesigen Datenmengen interpolieren, also zwischen bekannten Bildern vermitteln. Ein Prompt wird nicht umgesetzt, sondern aus den Trainingsdaten zusammengesetzt. Die Bildwelten, die so entstehen, erzeugen bei manchen Menschen – im Zuge zunehmender Skepsis gegenüber KI – mittlerweile erheblichen Widerwillen, selbst wenn sie gar nicht wirklich generiert, sondern analog produziert wurden.Die Diskussionen, die „Nerve Bloom“ im Internet auslöst, verweisen auf etwas, das in der Ausstellung in der Nationalgalerie insgesamt spürbar wird: Das gesellschaftliche Verhältnis zur Technologie kippt gerade ins Negative – und das hat auch einen Effekt auf die Wahrnehmung von Kunst. Das trifft auf interessante Weise das Werk einer Künstlerin wie Björk, die sich von Anfang an so neugierig und optimistisch auf Technologie eingelassen hat wie kaum jemand anderes. Das Musikvideo zu „All is Full of Love“ von 1999 etwa, in dem ihr Gesicht mit CGI auf einen Roboter aufgesetzt wird, zeigt das exemplarisch.Sie veröffentlichte ihre Musikvideos bereits auf DVD, als die Abspielgeräte noch vollständig neu auf dem Markt waren, produzierte 2011 mit „Biophilia“ ein vollständiges App-Album und experimentierte schon früh mit virtueller Realität für ihre Musikvideos und Performances. Dazu gehört auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, beispielsweise im Musikvideo zu ihrem 2023 mit Rosalía veröffentlichten Song „Oral“.Diese offene Haltung ist eines der genuin isländischen Elemente ihres Werks. Island ist eine Gesellschaft, die sich – vielleicht als Kompensation für viele Jahrhunderte an der Peripherie – mit einer fast hemmungslosen Leidenschaft auf alles Neue stürzt.Vor diesem Hintergrund wirkte es tatsächlich überraschend, dass sich so viele Menschen im Netz über die an KI erinnernde Ästhetik in „Nerve Bloom“ beschwerten – und mit immer stärker eskalierender Paranoia auf Spurensuche gingen. Björk gab schließlich am 1. Juni ein Statement auf Instagram ab, um über den Arbeitsprozess mit den zwei beteiligten Künstlerinnen aufzuklären. Sie schreibt, dass sie, wie schon früher, alte Dinge mit Technologie vermischen wollte und den Avatar in den Sequenzen der Installation als moderne Marionette sehen würde.Paranoid geführte Debatte um generierte KunstGerade die Ästhetik des Avatars sorgte jedoch für viel Spott. Björk wurde vorgeworfen, sich nun in ihre V-Tube-Ära hineinbegeben zu haben. V-Tube ist die am häufigsten eingesetzte Software für Streamer und Youtuber, die sich hinter Avataren verbergen. Was noch 2022, als das Album „Fossora“ erschien, innovativ und radikal wirkte, ist mittlerweile zu einer omnipräsenten Internetästhetik geworden, die nicht mehr die Wirkung erzielt, die Björks künstlerische Pionierleistungen früher auszeichneten.Zwischen den späten Neunzigerjahren und unserer Gegenwart haben sich die Vorzeichen von Technologie offensichtlich für viele verändert. Was früher Befreiung und schöpferische Freude versprach, ist heute mit dystopischer Machtkonzentration in den Händen weniger Techmilliardäre verbunden. Technologische Fortschrittserzählungen sind nicht mehr glaubwürdig. Das bedeutet, Björk trifft mit ihrem hyperrealen Surrealismus auf eine zunehmend paranoid geführte Debatte um generierte Kunst.