Europa fürchtet Trumps «kill switch» und will sich von den amerikanischen Tech-Giganten befreienDer Kontinent ist bei allen IT-Dienstleistungen stark von den USA abhängig. Die EU schlägt Massnahmen vor, um das zu ändern. Am grundlegenden Problem wird das nicht viel ändern.04.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie EU will mehr solche Projekte: Der taiwanische Chip-Hersteller TSMC baut in Dresden für mehrere Milliarden Euro eine Fabrik.Robert Michael / DPAEuropa hängt von den Launen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ab, nicht nur beim Handel, sondern auch technologisch. EU-Vertreter veranschaulichen das Risiko gerne mit einer Zahl: Für über 260 Milliarden Euro hätten europäische Regierungen und Firmen 2025 Software-Produkte aus Drittländern bezogen. Die grössten Nutzniesser waren amerikanische Unternehmen wie Google, Microsoft, Amazon und Meta. Sie beherrschen das Geschäft mit Software, künstlicher Intelligenz (KI) und der Cloud.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn Europa angesichts dessen nicht handle, laufe es Gefahr, eine digitale Kolonie zu werden, sagt der polnische EU-Parlamentarier Michal Kobosko. In Brüssel geistert dazu das Schlagwort des «kill switch» herum: Die USA, aber auch China könnten Europa durch Sanktionen oder Exportrestriktionen elektronisch teilweise lahmlegen.Die EU-Kommission will mit einem umfangreichen Massnahmenpaket gegensteuern. Heikle Daten sollen vermehrt in Europa gespeichert werden. Firmen und Organisationen werden ermuntert, stärker auf Open-Source-Lösungen zu wechseln, etwa Linux. Und der Bau von Rechenzentren soll dazu führen, dass in Europa auch mehr Chip-Fabriken entstehen.Für die Mitgliedsländer sind diese in der Theorie gut klingenden Vorschläge allerdings nicht verbindlich. Auch wird die EU vorerst kaum viel Geld haben, um Initiativen der Mitgliedsländer finanziell zu unterstützen.Europa hat eine Schlüsselfirma, ist aber ein kleiner FischChips und KI sind ein spezielles Geschäft. Es ist globalisiert wie kein zweites. Die Produktionskette reicht von den USA über Europa bis in den Fernen Osten. Jede Region hat ihre Stärken, keine kann zum Beispiel die modernsten Chips autonom produzieren.Entwickelt werden solche in erster Linie von Nvidia, einer amerikanischen Firma. Die Herstellung findet zu einem grossen Teil bei der taiwanischen Gesellschaft TSMC statt. Sie wiederum ist dafür auf die Maschinen des niederländischen Herstellers ASML angewiesen.Europa ist somit ebenfalls eine Schlüsselregion im Chip-Sektor, aber letztlich ein kleiner Fisch. Die Verkaufszahlen der Firma ASML spiegeln das. Nur 1 Prozent des Umsatzes erzielt sie in Europa. Diese Schwäche im Chip-Sektor stellt laut der EU-Kommission nicht nur ein Sicherheitsproblem dar. Europa entgehen auch lukrative Geschäfte.Ob die EU-Kommission als bürokratische Organisation daran aber etwas ändern kann, scheint fraglich. Versucht hat sie es schon einmal. 2023 lancierte sie die Chips Act, die Finanzhilfen für Chip-Hersteller vorsah.Die Absicht dahinter war, die Kapazitäten für die Halbleiterproduktion in Europa zu vergrössern. Das gelang zwar, etwa weil sich TSMC bereit erklärte, in Dresden eine Fabrik zu bauen, und dafür hohe Subventionen erhielt. Da der Chip-Sektor global aber noch rascher wuchs als in Europa und wegen KI eine ungeheure Dynamik entstand, hat der Marktanteil des Kontinents stagniert.Das EU-Parlament setzt auf Qwant statt auf GoogleDie Bedeutung Europas im Halbleitergeschäft dürfte nur langsam zunehmen, wenn überhaupt. Hier fehlen die grossen Anbieter, wie es sie in den USA gibt. So existiert mit der französischen Mistral AI nur eine bedeutende Software-Firma, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt.Regierungen und Organisationen unternehmen zwar zaghafte Schritte, vermehrt auf Open-Source-Software umzustellen und sich von amerikanischen Produkten zu emanzipieren. Das kleine deutsche Bundesland Schleswig-Holstein verfolgt gerade ein solches Projekt. Und das Europäische Parlament gab am Mittwoch bekannt, dass man auf die französische Suchmaschine Qwant wechseln werde. Bis anhin setzt man auf Google.Vielleicht entfalten solche Initiativen eine Vorbildwirkung. Private Unternehmen scheuen das Risiko einer IT-Umstellung aber möglicherweise. Ihre IT-Verantwortlichen sind mit den bewährten Anbietern aus den USA gross geworden. Den Wechsel auf Open-Source-Lösungen könnten sie für ein schwer kalkulierbares Risiko halten.Passend zum Artikel