Er soll in Bombenanschläge verwickelt sein und geheime Kontakte zur Reagan-Regierung gepflegt haben: Wer ist Ahmad Vahidi, der neue starke Mann in Teheran?Die Ermordung des Revolutionsführers Ali Khamenei hat die Macht der Revolutionswächter gestärkt. Ihr neuer Oberbefehlshaber ist ein Hardliner mit Geheimdienstvergangenheit, schreibt die Autorin Natalie Amiri.Natalie Amiri04.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFür Ahmad Vahidi ist die Islamische Republik kein Staat, sondern eine Revolution im Dauermodus. Die Islamische Revolution bezeichnet er als «Lichtausbruch».Morteza Nikoubazl / NurPhoto via GettyDie Macht hat kein Gesicht mehr in Iran. Ayatollah Ali Khamenei ist tot. Sein Sohn Mojtaba, der Nachfolger, ist seit mehr als neunzig Tagen nicht öffentlich aufgetreten. Was von ihm existiert, sind schriftliche Botschaften, verlesen von unterschiedlichen Sprechern. Wo er sich befindet, in welchem Zustand, ob er überhaupt noch lebt: Darüber kursieren Gerüchte, Gewissheit gibt es keine.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dennoch wurde das Vakuum an der Spitze ohne Skandale gefüllt. Das Regime verstand es schon immer, Konflikte zu verbergen. Nicht ein sichtbarer Führer und nicht eine gewählte Regierung traten an die Spitze, sondern ein militärisch-geheimdienstlicher Kern, der seit Jahren auf genau diesen Moment hingearbeitet hat. Der tiefe Staat stellt ab nun weitgehend den Staat.Realpolitiker gegen apokalyptisch denkende HardlinerDas System der Islamischen Republik Iran ist keine zentralisierte Machtstruktur mehr, in der alles auf eine Person zuläuft. Laut Verfassung ist der Oberste Rat für nationale Sicherheit eines der wichtigsten sicherheitspolitischen Entscheidungsorgane des Landes. Er besteht aus den drei Staatsgewalten, mehreren Ministern und Militärkommandanten der Revolutionswächter, unter Vorsitz des Präsidenten.Alle Beschlüsse müssen vom Obersten Führer unterzeichnet werden – sofern dieser dazu in der Lage ist. Formal wäre es eine klare Hierarchie. In der Realität herrscht, neben dem unsichtbaren Führer, ein permanenter Machtkampf zwischen Fraktionen, Netzwerken und Institutionen, die gleichzeitig kooperieren und konkurrieren. Konkurrenz gab es schon immer, doch heute fehlt die ausgleichende Führungsfigur.Mohsen Sazegara kennt dieses System von innen. Er war dabei, als die Revolutionswächter 1979 gegründet wurden. Heute lebt er im Exil und beschreibt, was er beobachtet: «Die Machtstruktur der Islamischen Republik funktioniert grundsätzlich anders, als viele glauben.» Seit der Revolution habe es immer zwei Lager gegeben: Pragmatiker und Realpolitiker auf der einen Seite, Ideologen und apokalyptisch denkende Hardliner auf der anderen.Ali Khamenei hielt diese Lager drei Jahrzehnte im Gleichgewicht, öffentlich auf der Seite der Hardliner, hinter den Kulissen gelegentlich pragmatischer, ohne dafür je Verantwortung übernehmen zu müssen. Jetzt, da er fehlt, wird dieser Kampf offensichtlicher, schärfer. Wie scharf, zeigt sich gerade in diesen Tagen.Radikaler MachtzirkelWährend Iran und die USA erkennbar um ein Abkommen ringen, sabotiert eine kleine, aber laute Hardliner-Fraktion die Verhandlungen offen: durch Kundgebungen, staatsnahe Medien, öffentliche Briefe.Eine iranische Quelle, mit grosser Nähe zum Machtzirkel, zeichnet das Bild eines Regimes, das nach seiner Einschätzung heute von einer relativ kleinen Gruppe besonders ideologischer Hardliner kontrolliert wird. Reformorientierte oder pragmatische Kräfte wie Hassan Rohani oder Mohammad Javad Zarif seien weitgehend marginalisiert worden. Die eigentliche Macht liege inzwischen bei radikaleren Kreisen um Ahmad Vahidi, Saeed Jalili und die Paydari-Strömung. Die politische Führung werde mittlerweile von diesem engen Zirkel bestimmt; Mojtaba Khamenei sei faktisch nicht mehr handlungsfähig.Nach Einschätzung dieser Quelle besteht das eigentliche Machtzentrum aus etwa 60 bis 80 Personen. Diese Gruppe sei ideologisch verhärtet, teilweise von apokalyptischen Vorstellungen geprägt und weitgehend losgelöst von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten des Landes. Ein Krieg gegen Iran sei der falsche Ansatz. Sinnvoller wäre es gewesen, diese kleine Gruppe gezielt zu isolieren oder festzusetzen. Man hätte die Verantwortlichen «in einen Sack stecken und nach Guantánamo bringen» sollen, statt das ganze Land zu bombardieren.Das iranische System war nie bloss eine Theokratie, in der sich jeder an die Spielregeln hält. Es ist ein Geflecht mafiöser Netzwerke, deren Interessen sich teilweise widersprechen. Für manche sind Sanktionen ruinös, für andere, die von Öl- oder anderem Schmuggel profitieren, ein Geschäftsmodell. Innerhalb der Revolutionswächter existieren parallele Machtzentren, die nicht hierarchisch untergeordnet sind, sondern konkurrierend nebeneinander bestehen.Der Geheimdienst der Revolutionswächter könne situativ mächtiger sein als der Oberbefehlshaber selbst, meint Mohsen Sazegara. Der Zentralstab Khatam al-Anbiya trage die operative Kriegsführung, seine Befehle liefen nicht allein über Ahmad Vahidi, den neuen Oberbefehlshaber der Revolutionswächter.Vahidi, mit bürgerlichem Namen Vahid Shahcheraghi, geboren 1958 in Schiras, steht exemplarisch für den Typus, der dieses Netzwerk prägt: kein Feldherr im klassischen Sinne, sondern ein Geheimdienstmann. Er wurde 1981 stellvertretender Geheimdienstchef der Revolutionswächter, baute 1988 als erster Kommandant die Kuds-Einheit auf, den Auslandsoperationsarm der Revolutionswächter, und übergab 1997 das Kommando an Kassem Soleimani. Vahidi hat die Struktur gebaut, die Soleimani zur Legende machte.Mutmasslicher Drahtzieher einer Terrorattacke gegen JudenEin kaum bekanntes Detail: 1985 war er an geheimen Kontakten mit Vertretern der Reagan-Regierung beteiligt, mitten in der Iran-Contra-Affäre. Der Mann auf allen westlichen Sanktionslisten hat einmal mit Washington verhandelt. Waffen gegen amerikanische Geiseln. Seine Akte ist lang.Auch der 18. Juli 1994 gehört zu Vahidis Akte. Damals zerstörte ein Bombenanschlag das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos Aires. 85 Menschen starben, es war der tödlichste antisemitische Anschlag in der westlichen Hemisphäre seit dem Zweiten Weltkrieg. Die argentinische Justiz zählt Vahidi zu den mutmasslichen Drahtziehern des Anschlags. Seit 2007 besteht eine Interpol Red Notice gegen ihn, 2022 wurde sie erneuert.Als Vahidi 2009 iranischer Verteidigungsminister und 2021 Innenminister wurde, protestierte Argentinien jeweils formal – und wurde ignoriert. Vahidis Name wird auch immer wieder im Zusammenhang mit iranischen Aktivitäten im Libanon der achtziger Jahre sowie mit Netzwerken genannt, die später an der Vorbereitung des Anschlags auf die Khobar-Towers 1996 in Saudiarabien beteiligt gewesen sein sollen.Vahidi ist ein Wächter der Revolution. Ein Mann, der überzeugt scheint, dass die Islamische Republik nur überlebt, solange sie sich im permanenten Widerstand gegen ihre Feinde definiert. Seine öffentlichen Aussagen sind selten charismatisch oder visionär. Fast immer kreisen sie um ideologische Standhaftigkeit, Abschreckung, Geduld und den Kampf gegen äussere Feinde. Kompromisse erscheinen bei ihm eher taktisch als strategisch.Brutale Gewalt gegen die eigene BevölkerungFür Vahidi ist die Islamische Republik kein Staat, sondern eine Revolution im Dauermodus. Die Islamische Revolution bezeichnet er in religiös-messianischer Manier als «Lichtausbruch», der die Geschichte und das Schicksal der Region, ja der ganzen Welt verändert habe. Entsprechend ist es «eine der grössten Tugenden der Welt», diese Revolution zu bewahren, wie er 2025 erklärte, als das Regime bereits schwer angeschlagen war.Diese Sprache findet man häufig bei der ersten Generation der Revolutionswächter. Mohsen Sazegara beschreibt Ahmad Vahidi als Veteranen und langjährigen Vertrauten Mojtaba Khameneis. Bereits bei der Niederschlagung der Grünen Bewegung 2009 und der Proteste von 2019 habe er eine wichtige Rolle gespielt. Mit der vollen Unterstützung von Mojtaba Khamenei.Gleichzeitig warnt Sazegara davor, Vahidis Einfluss zu überschätzen. Die Islamische Republik funktioniere (noch) nicht wie die Militärregime in Ägypten oder Pakistan, in denen einzelne Generäle die Macht an sich gerissen haben. Vahidi sei zwar Teil des inneren Machtzirkels und ein wichtiger Akteur, bestimme die strategische Richtung des Systems aber nicht allein. Zudem hält Sazegara es für möglich, dass Mojtaba Khamenei langfristig Vertreter seiner eigenen Generation bevorzugen und Vahidis Einfluss begrenzen wird. Wenn er dazu jemals gesundheitlich fähig ist.Der amerikanische Think-Tank Institute for the Study of War (ISW) kommt zu dem Schluss, dass Vahidi und sein Umfeld nicht nur die militärische Strategie Irans im Krieg mit den USA und Israel prägen, sondern auch die Verhandlungsposition Teherans. Das ISW geht davon aus, dass die Revolutionswächter inzwischen grösseren Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben als zuvor. Und dass Vahidi zu einem kleinen Machtzirkel mit direktem Zugang zu Mojtaba Khamenei gehört. Seine kompromisslose Haltung gegenüber den USA habe dazu beigetragen, den Spielraum für eine Verhandlungslösung zu verkleinern.Wird Vahidi zum Ziel eines Angriffs oder zum Dealmaker?Vahidi hält all jene für korrumpiert, die einer Einigung positiver gegenüberstehen. Deshalb strebt sein Machtzirkel eine Marginalisierung von pragmatischeren und opportunistischen Figuren wie Mohammad Bagher Ghalibaf (dem Parlamentspräsidenten und Verhandlungsführer in Islamabad) oder dem Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadinejad an.Das ist ein Problem für die USA. Sie brauchen ein Abkommen, und die Schlüsselfiguren der Islamischen Republik brauchen derzeit die USA als Gegner. Für Vahidi und seinen Zirkel könnte es gefährlich werden.In den letzten Wochen spekulierten einige israelnahe Kommentatoren und Sicherheitsexperten offen, er könne zu den «nächsten Zielen» gehören. Ein Beitrag in der «Times of Israel» bezeichnete ihn explizit als möglichen Kandidaten für amerikanisch-israelische Angriffe. Es klingt widersprüchlich, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Ahmad Vahidi trotz aller Ideologie derjenige sein könnte, der eine Vereinbarung mit den Amerikanern eingeht.Bereits während des Wiener Abkommens über das iranische Atomprogramm von 2015 ging es nicht darum, ob es einen Deal gibt, sondern wer ihn abschliesst. Es ist wie ein Hütchenspiel. Die Irritation, die Teil des Spiels ist, führt zur Zeitverzögerung, bis die Amerikaner herausfinden, unter welchem Hütchen der richtige Dealmaker sitzt. Solange dies nicht geschehen ist, hat das angeschlagene Regime in Iran gewonnen. Denn seine Vertreter wissen: Die Seeblockade der Amerikaner kostet sie Milliarden, aber die wirtschaftlichen Schäden für die Welt sind grösser.Natalie Amiri ist eine deutsch-iranische Journalistin. Sie leitete von 2015 bis April 2020 das ARD-Studio in Teheran.Passend zum Artikel
Ist Ahmad Vahidi der neue starke Mann Irans?
Die Ermordung des Revolutionsführers Ali Khamenei hat die Macht der Revolutionswächter gestärkt. Ihr neuer Oberbefehlshaber ist ein Hardliner mit Geheimdienstvergangenheit, schreibt die Autorin Natalie Amiri.









