Gaza liegt in Trümmern. Trotzdem gewinnt die Hamas wieder an Macht. Wie macht sie das?Die Hamas ist aus den Ruinen auferstanden, nun wendet sie sich der Zukunft zu. Israel stellt das vor ein strategisches Dilemma.Richard C. Schneider04.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Hamas wurde durch den zurückliegenden Krieg geschwächt, doch nun baut sie ihre Macht wieder auf.Abdel Kareem Hana / APDer Krieg ist eigentlich vorbei. Doch unter den Trümmern des Gazastreifens hat längst der nächste begonnen. Während die internationale Aufmerksamkeit derzeit vor allem auf Iran gerichtet ist, läuft in Gaza ein Prozess, den israelische Sicherheitskreise inzwischen offen als «militärische Rekonstitution» der Hamas bezeichnen: die schrittweise Wiederbewaffnung einer Organisation, die Israel eigentlich zerschlagen wollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Viele von ihnen seien schlecht ausgebildete Rekruten, Jugendliche oder lokale Zellen, die während des Krieges angeworben worden seien und deswegen nicht die Professionalität früherer Brigaden hätten. Genau darin sehen israelische Militärs jedoch die neue Gefahr: Die Hamas entwickelt sich von einer quasiregulären Streitkraft zurück zu einer klassischen Guerillabewegung. Kleine autonome Gruppen, improvisierte Sprengsätze, mobile Waffenlager und eine primitive Raketenproduktion ersetzen die früheren Bataillonsstrukturen.Das eigentliche Rückgrat dieser Rekonstruktion ist jedoch nicht der Schmuggel fertiger Waffen, sondern die Fähigkeit, Waffen selbst herzustellen. Genau hier liegt die wichtigste Lehre, welche die Hamas aus zwei Jahrzehnten der Blockade im Gazastreifen gezogen hat. Die Organisation hat ihre militärische Infrastruktur Schritt für Schritt auf einer lokalen Produktion aufgebaut. Der Krieg hat diese Fähigkeit beschädigt, aber nicht ausgelöscht.Besonders makaber ist dabei die wichtigste Rohstoffquelle der Hamas: Israels Bomben. Nach israelischen Schätzungen explodierten während des Krieges 5 bis 10 Prozent der auf Gaza abgeworfenen Munition nicht. Tausende Blindgänger liegen deshalb bis heute unter den Trümmern. Hamas-Kommandos sammeln sie systematisch ein. Aus Sprengstoffresten entstehen improvisierte Sprengsätze, aus Metallteilen Mörsergranaten, aus alten Raketenteilen neue primitive Geschosse.Die Hamas schmuggelt Waffen jetzt mit DrohnenDer zweite entscheidende Faktor ist die Anpassungsfähigkeit der Schmuggelnetzwerke. Lange galt die Abriegelung des Philadelphi-Korridors entlang der Grenze zu Ägypten als entscheidender Schlag gegen die Hamas. Tatsächlich wurden die klassischen Schmuggeltunnel unter Rafah seit dem Machtantritt von Ägyptens Präsident Abdelfatah al-Sisi weitgehend zerstört. Doch die Schmuggelrouten verschwanden nicht, sondern veränderten sich.Heute spielen Drohnen eine zentrale Rolle. Kleine zivile Drohnen transportieren Waffen, Munition, elektronische Bauteile oder Sprengstoff Richtung Gaza. Teilweise fliegen sie direkt bis Khan Yunis oder Deir al-Balah. Israelische Sicherheitsdienste berichten von Hunderten Schmuggelversuchen aus Ägypten innerhalb weniger Monate. Sicherheitskreise warnen auch vor grösseren Drohnen, die angeblich Lasten von bis zu hundert Kilogramm transportieren könnten.Hinzu kommt eine neue maritime Methode. Nach israelischen Angaben nutzt die Hamas sogenannte Drift-Container: wasserdichte Behälter, die knapp unter der Wasseroberfläche treiben und von der Mittelmeerströmung aus dem nördlichen Sinai an die Küste Gazas getragen werden. Darin befinden sich offenbar Komponenten für die Raketenproduktion, darunter Chemikalien für Feststofftreibstoffe, elektronische Bauteile und Spezialmaterialien. Parallel dazu starten Schmuggler Drohnen an der ägyptischen Grenze, um israelische Überwachungssysteme abzulenken.Bemerkenswert ist, dass heute offenbar deutlich weniger fertige Waffen aus Iran nach Gaza gelangen als noch vor einigen Jahren. Früher verlief ein Grossteil des Schmuggels über den Sudan und den Sinai. Iranische Raketen, Panzerabwehrwaffen oder Komponenten wurden über Afrika Richtung Ägypten transportiert und durch Tunnel nach Gaza gebracht. Nach dem Arabischen Frühling kamen zusätzlich Waffen aus libyschen Arsenalen hinzu. Doch diese Routen wurden durch die Zerstörung der Tunnel massiv eingeschränkt.Iran bleibt weiterhin ein wichtiger Partner der HamasDas bedeutet allerdings nicht, dass Iran unwichtig geworden wäre. Teheran dürfte der wichtigste strategische Sponsor der Hamas bleiben. Laut verschiedenen Dokumenten, die israelische Truppen in Gaza fanden, hat Iran zwischen 2014 und 2020 mindestens 154 Millionen Dollar an die Hamas-Führung gesendet. Weitere Dokumente sollen zusätzliche Zahlungen in Höhe von mehr als 220 Millionen Dollar belegen. Die Transfers liefen offenbar über die Revolutionswächter, Bargeldnetzwerke und Mittelsmänner.Daneben schätzen westliche Analysen, dass Iran während langer Zeit jährlich rund 100 Millionen Dollar an die Hamas, den Islamischen Jihad und andere palästinensische Gruppen gezahlt hat. Allerdings schwankte diese Unterstützung stark: Während des syrischen Bürgerkriegs kühlten die Beziehungen zeitweise ab, weil sich die Hamas gegen Bashar al-Asad stellte, während Iran Asad unterstützte. Erst etwa ab 2017 verbesserten sich die Beziehungen wieder.Doch Geld aus Iran war nie die einzige Finanzquelle der Hamas. Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielte Katar. Doha überwies über Jahre hinweg Hunderte Millionen Dollar nach Gaza, offiziell für Beamtengehälter, Treibstoff, Sozialhilfe oder humanitäre Programme. Zwischen 2018 und 2023 gelangten monatlich rund 30 Millionen Dollar aus Katar in den Gazastreifen, mit Zustimmung Israels und der USA. Insgesamt sollen sich die Transfers auf weit über eine Milliarde Dollar belaufen haben.Formal waren diese Gelder nicht für Waffen bestimmt. Israel argumentierte damals, die Zahlungen dienten der Stabilisierung Gazas und sollten einen Kollaps verhindern. Kritiker werfen der israelischen Regierung heute jedoch vor, dadurch indirekt die Hamas stabilisiert zu haben. Denn selbst wenn katarische Gelder offiziell zivilen Zwecken dienten, schufen sie finanzielle Spielräume. Wenn Katar Beamtengehälter und Sozialprogramme finanzierte, konnte die Hamas eigene Einnahmen stärker in Tunnelbau, Raketenproduktion und Waffen investieren.Die Hamas nutzt zivile Lieferungen für ihre ZweckeDie Hamas profitiert von einem strukturellen Problem. Gaza ist selbst unter strengster Kontrolle kaum vollständig abzuriegeln. Zum Wiederaufbau benötigt Gaza Zement, Metall und Elektronik. Doch all diese Güter besitzen zugleich zivile und militärische Verwendungsmöglichkeiten. Schon vor dem Krieg baute die Hamas Raketen aus Wasserrohren und gewann Explosivstoffe aus industriellen Chemikalien. Heute geschieht Ähnliches unter noch primitiveren Bedingungen.Israelische Behörden werfen der Hamas auch vor, humanitäre Hilfe systematisch auszunutzen. Nach israelischen Angaben kontrolliert die Organisation weiterhin grosse Teile der Verteilungssysteme, erhebt Steuern auf Waren und beschlagnahmt Teile der Lieferungen. Das verschafft der Hamas nicht nur Einnahmen in Millionenhöhe, sondern auch politische Kontrolle über die Bevölkerung.Gleichzeitig behaupten israelische Stellen, dass immer wieder Dual-Use-Komponenten in Hilfslieferungen versteckt würden – etwa Elektronik, Batterien oder Material für Raketenproduktion. Die Hamas weist diese Vorwürfe zurück und argumentiert, Israel nutze sie als Vorwand für eine Wiederaufnahme des Krieges.Die entscheidende Veränderung liegt jedoch woanders: Die Hamas ist heute weniger abhängig von iranischen Waffenlieferungen als früher. Iran liefert inzwischen offenbar vor allem technische Expertise, Spezialkomponenten und bildet Hamas-Kämpfer aus. Inwiefern das Regime in Teheran dies auch während des Krieges seit dem 28. Februar leisten konnte, ist unklar. Aber die Hamas hat längst gelernt, mit improvisierten Mitteln Krieg zu führen.Israel steht vor einem strategischen ProblemDas eigentliche Problem für Israel ist deshalb strategischer Natur. Selbst eine nahezu vollständige Abriegelung Gazas verhindert nicht die Wiederbewaffnung einer Organisation, die gelernt hat, aus Ruinen Kriegsmaterial zu machen. Solange die Hamas über organisatorische Strukturen, technisches Fachwissen und eine Mindestmenge an Ressourcen verfügt, kann sie militärische Fähigkeiten regenerieren: langsam, improvisiert und begrenzt, aber ausreichend für einen neuen asymmetrischen Konflikt.Der Gazastreifen befindet sich deshalb in einem gefährlichen Zwischenzustand: Er ist weder befriedet noch entmilitarisiert. Unter den Trümmern entsteht eine widerstandsfähige Untergrundstruktur, die selbst unter Blockade weiter existieren kann. Und nach wie vor ist völlig unklar, wer die Islamisten eigentlich entwaffnen soll, wie dies der Friedensplan von Donald Trump vorsieht.Passend zum Artikel