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Als Kind floh Raul Hilberg vor den Nazis, als amerikanischer Soldat stieß er auf Hitlers in Kisten verpackte Bibliothek. Doch während Deutschland online den Nazi-Opa sucht, scheint der große Pionier der Holocaust-Forschung vergessen.

Vor einem unscheinbaren Gründerzeitbau im 20. Wiener Gemeindebezirk Brigittenau hat sich eine kleine Menschengruppe versammelt. Die gelbliche Fassade der Wallensteinstraße 9 strahlt in der Vormittagssonne. Die Ecke zur Treustraße ist seit Kurzem autofrei, mit den neuen Bänken wirkt sie inzwischen wie ein kleiner Platz. Doch nichts erinnert hier daran, dass vor 100 Jahren der später weltberühmte Holocaust-Forscher Raul Hilberg in diesem Haus geboren wurde und aufwuchs. Keine Gedenktafel, kein Denkmal, keine Straßen- oder Platzbenennung. Nur diese Menschen, die für einen Rundgang auf Hilbergs Spuren gekommen sind, unter ihnen viele Hilberg-Forscher und -Schüler, manche sogar aus den USA oder Kanada.

Die Brigittenau war vor 100 Jahren ein Zentrum des jüdischen Lebens in Wien. Hilbergs Eltern waren Juden aus Galizien, die sich in Wien kennenlernten. Sie waren nicht sehr religiös, selten gingen sie in die nur wenige Schritte entfernte Synagoge. Der kleine Raul, das einzige Kind der Hilbergs, nach dem damaligen Burgtheater-Star Raoul Aslan benannt, hielt lieber Ausschau nach den Schiffen am nahegelegenen Donaukanal, schaute sich die Züge am Nordwestbahnhof an oder streifte durch den Augarten.