Ökonomen fordern mehr Wahlfreiheit bei der Rente. Wer später in Rente geht, soll niedrige Beiträge zahlenZwei Ökonomen aus Halle haben ein Reformkonzept für die Rentenversicherung in Deutschland entwickelt. Es sieht mehr individuelle Wahlfreiheit, finanzielle Eigenverantwortung und Generationengerechtigkeit vor.03.06.2026, 14.06 Uhr5 LeseminutenAktualisiertNiedrigere Beiträge zur Rentenversicherung könnten die Menschen motivieren, künftig bis zum Alter von 70 Jahren zu arbeiten.imagoEnde dieses Monats will die von der Bundesregierung beauftragte Rentenkommission ihre Vorschläge für eine Reform der deutschen Alterssicherung vorlegen. Dann wird es um die Frage gehen, ob die Deutschen künftig länger arbeiten, höhere Beiträge zahlen oder weniger Rente erhalten sollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass eine Reform des nach dem Umlageverfahren konzipierten Rentensystems angesichts der Alterung der deutschen Bevölkerung unumgänglich ist, ist unter Ökonomen unumstritten. Derzeit kommen auf 100 erwerbsfähige Personen 33 Personen im Rentenalter. Ende der Dekade werden es nach Schätzung des Statistischen Bundesamtes bei moderater Entwicklung von Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderungssaldo bereits 38 Rentner sein. Bis 2040 steigt das Verhältnis von Alt zu Jung auf über 44 zu 100. Im Jahr 2070 stehen jedem Rentner nur noch zwei Personen im Erwerbsalter gegenüber.Das Kippen der Alterspyramide hat weitreichende Folgen für die Gesetzliche Rentenversicherung. In ihrer Frühjahrsfinanzschätzung 2026 geht die Rentenversicherung davon aus, dass der Beitragssatz von derzeit 18,6 Prozent des Bruttoeinkommens, den sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen, bereits 2028 auf 19,9 Prozent klettern wird. Bis 2035 steigt der Satz weiter auf 20,9 Prozent, 2040 wird er 21,1 Prozent betragen.Höhere Beiträge verteuern den Einsatz von Arbeitskräften und gefährden Jobs. So reduziert ein Anstieg der Arbeitskosten um ein Prozent die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften um 0,4 Prozent, hat Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs «Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen» beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, ausgerechnet.Mehr Freiheit, mehr EigenverantwortungDie Wahrscheinlichkeit ist daher hoch, dass die Rentenkommission eine längere Lebensarbeitszeit und eine Absenkung des Rentenniveaus ins Spiel bringen wird, um den Anstieg der Beitragssätze zu dämpfen. Beides dürfte bei den Bürgern nicht gut ankommen. Wer will schon finanzielle Einbussen bei der Altersversorgung hinnehmen? Zudem kann nicht jeder bis zum 70. Lebensjahr arbeiten.Zwei Ökonomen aus Halle haben deshalb ein Konzept entwickelt, das das Rentenniveau bei 48 Prozent stabil hält und den Arbeitnehmern zugleich die Freiheit der Wahl lässt, wie lange sie arbeiten wollen. Bei dem Rentenniveau von 48 Prozent handelt es sich um eine Rechengrösse. Sie gibt das Verhältnis der Rente eines Standardrentners (45 Beitragsjahre bei durchschnittlichem Verdienst) zum Durchschnittseinkommen eines Erwerbstätigen an. Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet daher nicht, dass die Renten in absoluter Grösse sinken, sondern dass sie langsamer wachsen als die Durchschnittseinkommen.Die Autoren des Konzepts, Thomas Brockmeier, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Halle-Wittenberg und Sascha Glässer, Vorstandschef der Volksbank Halle, wollen ihr Konzept am morgigen Donnerstag der Öffentlichkeit vorstellen. Es liegt der NZZ vorab vor.Rente zwischen 65 und 70 JahrenIm Kern sieht das Konzept der Hallenser Ökonomen vor, dass Versicherte die Wahl ihres Rentenalters künftig stärker selbst bestimmen können als bisher. Im Gegenzug kommt es nicht zu Abschlägen beziehungsweise Aufschlägen bei der Rente, sondern bei den Beiträgen.Konkret soll sich jeder versicherte Arbeitnehmer erstmals im Alter von 25 Jahren entscheiden, wann er in Rente gehen will. Dabei kann er einen Renteneintritt zwischen 65 und 70 Jahren wählen. Seine Entscheidung kann er alle 5 Jahre ändern, um den gewünschten Renteneintritt an veränderte Lebensumstände anzupassen.Wer einen frühen Renteneintritt wählt, muss im Gegenzug einen höheren Beitrag entrichten. Wer sich für einen späteren Renteneintritt entscheidet, zahlt einen geringeren Beitrag. Dadurch trägt jeder Bürger «fair die berechneten Konsequenzen seiner Wahl», sagt Brockmeier.Das Zeitfenster für einen möglichen Rentenbeginn soll laut dem Konzept nicht fix sein, sondern sich an die Lebenserwartung, die wirtschaftliche Entwicklung sowie die Finanzlage der Rentenversicherung anpassen.Mehr GenerationengerechtigkeitDie Anreize für Versicherte, einen späteren Renteneintritt zu wählen, sind beträchtlich. Wählt ein Versicherter mit 25 Jahren einen Renteneintritt mit 70, muss er gemäss den Berechnungen von Brockmeier und Glässer nur einen Beitragssatz von 14,5 Prozent zahlen. Das ist deutlich weniger als der aktuelle Beitragssatz von 18,6 Prozent.Entscheidet er sich hingegen für einen frühen Renteneintritt mit 65 Jahren, steigt der Beitragssatz auf 21,7 Prozent.Wählt ein Arbeitnehmer einen Renteneintritt mit 70, ändert später seine Entscheidung jedoch zugunsten eines früheren Renteneintritts, muss er fortan einen deutlich höheren Beitrag entrichten. Das wirkt der Versuchung entgegen, zunächst ein späteres Rentenalter zu wählen, um von einem niedrigen Beitragssatz zu profitieren und im vorgerückten Lebensalter dann für ein früheres Rentenalter zu optieren.Die Anpassung des Beitrags an das gewählte Rentenalter macht die Kosten eines früheren Renteneintritts für jeden einzelnen spürbar, sagt Brockmeier. Statt die finanziellen Folgen eines früheren Renteneintritts den nachfolgenden Generationen aufzubürden wie im bisherigen System, trägt sie jeder einzelne selbst in Form höherer Beiträge. Das sorgt für mehr Generationengerechtigkeit.Ab einem Alter von 40 Jahren dürfen die Versicherten laut dem Konzept den Rentenbeginn allerdings nur noch um ein Jahr verschieben. Das soll verhindern, dass die Beiträge stark auseinanderlaufen. Mit 55 Jahren haben die Versicherten dann zum letzten Mal die Möglichkeit, den gewünschten Zeitpunkt für den Renteneintritt zu ändern.Finanzielle Entlastung von ElternFür Versicherte mit körperlich belastenden Berufen und für erwerbsunfähige Personen sehen die Hallenser Ökonomen ergänzende Schutzmassnahmen vor. Betroffene könnten etwa zusätzliche Rentenpunkte erhalten, schreiben sie in ihrem Konzeptpapier. Diese wirken den finanziellen Einbussen durch einen früheren Renteneintritt entgegen.Eltern wollen die Hallenser Ökonomen ebenfalls entlasten. Familien und Eltern übernehmen eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe, heisst es in ihrem Papier. Kinder seien als «nachwachsende Beitragszahler der entscheidende Faktor für die Stabilität eines umlagefinanzierten gesetzlichen Rentensystems», schreiben sie. Deshalb sollen Eltern durch höhere Rentenbezüge, niedrigere Beiträge oder frühere Renteneintritte für die Erziehung von Kindern belohnt werden.Eltern sollen künftig bei der Rente Vorteile geniessen.Natalia Deriabina / ImagoKredite und RücklagenWas aber, wenn sich sehr viele Versicherte für einen späteren Renteneintritt entscheiden und dadurch niedrigere Beiträge zahlen? In diesem Fall fehlen der Rentenversicherung kurzfristig Einnahmen. Die Lücke muss sie laut dem Konzept durch die Aufnahme von Krediten schliessen. Später sollen die Kredite aus den zusätzlichen Einnahmen der Rentenversicherung durch die längere Lebensarbeitszeit getilgt werden.Entscheiden sich hingegen viele Versicherte für einen frühen Renteneintritt und zahlen deshalb hohe Beiträge, müssen daraus Rücklagen gebildet werden, um den früheren Rentenbezug der Versicherten zu finanzieren. Unklar ist jedoch, wie die Rücklagen vor einem Zugriff durch die Politik geschützt werden können.Gleichwohl ist Glässer überzeugt, dass das Konzept grosse Vorteile bietet. Es ermögliche «die Auflösung festgefahrener politischer Debatten über ein starres einheitliches Renteneintrittsalter, das allen Bürgern ohne Wahlfreiheit aufgezwungen wird», sagt er. Die Bürger erhielten mehr Einfluss auf ihre finanzielle Lebensplanung. Zugleich werde die Rentenversicherung langfristig stabilisiert.Die beiden Ökonomen setzen darauf, dass ihre Ideen noch Eingang in die politische Diskussion finden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Noch hat die Rentenkommission ihre Vorschläge nicht vorgelegt und die Politik keine Entscheidungen getroffen.Passend zum Artikel
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