Eine solche Zeitspanne hat noch kein Model überbrückt. Carmen Dell’Orefice war 16 Jahre alt, als sie 1947 auf ihrem ersten „Vogue“-Cover erschien. Zuletzt war sie auf dem Titel der tschechischen „Vogue“-Ausgabe zu sehen, im Jahr 2023, im Alter von 91 Jahren. Den Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ für die „längste Karriere eines Laufstegmodels“ bekam sie schon 2017 – nach 71 Jahren auf den Brettern, die die Welt nur bedeuten.Mehr als ein Dreivierteljahrhundert im Job – das schaffen auch normale Menschen nur in Ausnahmefällen, geschweige denn die freien Mitarbeiter der ungnädigen Modeszene. An diesem Mittwoch wird Carmen Dell’Orefice 95 Jahre alt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie noch Bilder von weiteren Magazin-Shootings auf ihrem Instagram-Kanal wird posten können. Erst im vergangenen Herbst ist das Buch „Carmen Dell’Orefice: The Ultimate Role Model“ des Fotografen Fadil Berisha erschienen.Gut unterwegs: Carmen Dell’Orefice präsentiert im Januar 2013 in Paris einen Haute-Couture-Entwurf des Designers Stéphane Rolland.dpaDie Karriere des womöglich ältesten Models der Welt hatte eben auch früh begonnen. Geboren wurde sie am 3. Juni 1931 in New York als Tochter eines italienischen Violinisten und einer ungarischen Balletttänzerin. Entdeckt wurde sie 1945, da war sie gerade 14 Jahre alt, von der Frau des Modefotografen Hermann Landshoff in einem Bus auf der 57. Straße von Manhattan, als sie von der Tanzschule kam.Nach dem Krieg brauchte die Familie die Model-HonorareSie war groß und dünn, um nicht zu sagen: mager. Während des Kriegs hatte sie für Lebensmittelrationen Schlange gestanden. Am Ende des Kriegs wog sie, bei einer Größe von etwa 1,80 Metern, 45 Kilogramm – „nicht freiwillig“, wie sie einmal mit bitterem Understatement sagte. Jedenfalls bekam ihre Mutter von Landshoff einen Brief, weil die Familie noch kein Telefon hatte, und stimmte der sehr frühen Karriere wohl auch deshalb zu, weil sie die Honorare gut brauchen konnte. Schon nach wenigen Jahren verdiente die Tochter 70 Dollar pro Tag, damals eine schöne Summe.Mit 15 Jahren arbeitete sie bei der „Vogue“ mit Fotograf Cecil Beaton zusammen. Bei einem Mittagessen im St. Regis stellte er sie Salvador Dalí vor, der sie (mit Erlaubnis ihrer Mutter) gleich mal in seiner Hotelsuite malte, von der Taille aufwärts nackt. Was ihr die Natur an Oberweite vorenthalten hatte, so erzählte sie später, hätten Dalís Farben ergänzt. Gekauft hat das Gemälde Louis Mountbatten, Earl Mountbatten of Burma, um es seinem Neffen Prinz Philip und dessen Ehefrau, Königin Elisabeth II., zur Hochzeit zu schenken. Kaum zu glauben, aber dieses Gemälde soll noch irgendwo im Buckingham-Palast hängen oder ruhen.Ein minderjähriges Mädchen oben ohne? Das erinnert an den Film „Falsche Bewegung“ (1975), für den Wim Wenders die 13 Jahre alte Nastassja Kinski halb nackt filmte. Heute würde er es „nie mehr so machen“, bekannte der Regisseur am Wochenende beim Deutschen Filmpreis, aber seinen Film möchte er auch nicht beschnitten sehen. In Kunst und Mode sind die Verdrängungsmechanismen mindestens so ausgeprägt wie im Film. Daher denkt Carmen Dell’Orefice im Nachhinein nicht an ihr jugendliches Alter als Aktmodell – sondern vor allem daran, dass sie Dalís Angebot hätte annehmen sollen, die auf dem Boden liegenden Tierskizzen mitzunehmen. Sie ahnte offenbar gar nicht, wer dieser Mann war.Ein Supermodel, bevor das Wort erfunden warEs waren die Europäer, die dem ursprünglich aus Europa stammenden Mädchen den Weg ebneten, unter ihnen viele Emigranten: Alex Liberman, der Art-Director der amerikanischen „Vogue“, der vor den Nazis aus Paris geflohen war; der Fotograf Horst P. Horst, der als Horst Paul Albert Bohrmann in Sachsen-Anhalt geboren wurde und rechtzeitig Paris verließ; der ebenfalls deutsche Fotograf Erwin Blumenfeld, dem aus Internierungslagern in Frankreich die Flucht nach New York geglückt war. Sie alle machten Dell’Orefice zu einem Supermodel, bevor das Wort überhaupt erfunden war.Auch für den Designer Hu Sheguang auf dem Laufsteg: Carmen Dell’Orefice im Februar 2020 auf der New Yorker Modewochepicture alliance / PhotoshotBei ihrer Karriere half ihr auch der Aufschwung der New Yorker Mode. Die Deutschen hatten Paris von der Welt abgeschnitten. Fotografen, Designer und Autoren waren in die USA geflüchtet. Amerikanische Moderedakteurinnen und Einkäufer konnten während des Kriegs nicht mehr nach Frankreich fahren. Und Amerika wollte zeigen, dass man nicht nur Textilhersteller hatte, sondern auch Modeschöpfer. Also gab es immer mehr Laufstegschauen, und die Modemagazine wuchsen in Umfang und Umsatz. Dell’Orefice nahm diesen Aufschwung mit. Und weil sie diszipliniert lebte („ausreichend Schlaf, keine Zigaretten, kein Alkohol, ein Leben in Balance“), ist ihr Lebenslaufsteg so lang.Nicht, dass immer alles glattgelaufen wäre. Dem Finanzfachmann Bernie Madoff, einem Freund ihres damaligen Manns, vertraute sie Ende des Jahrhunderts ihre Ersparnisse an. Das war ein Fehler, wie sie nach seiner Festnahme 2008 feststellen musste: Ihre Millionen waren futsch. Immerhin: An der Park Avenue lebt sie noch immer.Und die gute Laune hat die Frau, die drei Ehen überstand und eine Tochter zur Welt brachte, auch im Alter nicht verloren. „Ich plane bis 105“, sagte sie der „Harper’s Bazaar“ einmal, „dann schaue ich mal, ob ich mir einen anderen Job suche.“ Und auf die Frage der „New York Times“, ob sie irgendetwas in ihrem Leben bereue, antwortete Carmen Dell’Orefice im vergangenen Jahr: „Ja, sicher – aber mein Gedächtnis ist so schlecht, dass ich mich nicht erinnere, was.“