Herr Schilling, in Staffel zwei der Serienadaption der Bestsellerreihe „Achtsam Morden“ spielen Sie wieder die Hauptfigur, den Anwalt Björn Diemel. Diesmal geht es neben Achtsamkeit vor allen Dingen um das „innere Kind“. Was halten Sie von diesem therapeutischen Konzept?Damit kann ich ehrlich gesagt noch mehr anfangen als mit dieser Achtsamkeitsmethode. Es interessiert mich einfach mehr, zu verstehen, warum ich bin, wie ich bin, was mich geprägt und meine Persönlichkeit geformt hat. Das ist auch Teil meiner Arbeit als Schauspieler. Solchen Dingen auf den Grund zu gehen, reicht viel tiefer als Eigenheiten, die man hat und die zu Problemen im Alltag führen, mit einer Technik zu bewältigen. Und als Schauspieler habe ich mir auch eine Art kindlichen Spieltrieb erhalten. Dieses Konzept ist eindeutig näher an meiner Erfahrungswelt.Björn Diemel verbringt viel Zeit beim Therapeuten. Kann Schauspielen auch eine Art Therapie sein?Unbedingt. Spielen kann sehr therapeutisch sein. Was ich beim Spielen vor der Kamera empfinde, sind letztlich meine Gefühle. Die erfinde ich nicht. Ich versuche, mich in der Spielsituation mit der Figur abzugleichen. In „Achtsam Morden“ geht es oft um unterdrückte Wut und Frustration. Ich stelle mir vor, wie es mir in solchen Situationen ginge, und dann kommen ganz eigene Emotionen hoch. Ich erlebe diese Szene dann wirklich, lasse sie aber anschließend wieder gehen. Und das hat etwas Therapeutisches.Apropos „inneres Kind“. Sie sind mit fünf Jahren in einem Kindergarten in der DDR entdeckt worden und standen für den Film „Stunde der Wahrheit“ vor der Kamera. Wie haben Sie das erlebt?Es ist eigenartig, aber ich kann mich nicht an die Dreharbeiten erinnern. Man hat mir diesen Film einmal netterweise aus einem Archiv besorgt. Und der ist echt gut. Aber irgendwie hat er mich auch betroffen gemacht, muss ich sagen. Es kann gut daran liegen, dass der Film auch traurig ist. Aber ich fand dieses Kind dort ein bisschen verloren.„Spielen kann sehr therapeutisch sein“: Tom Schilling in einer Szene aus „Achtsam Morden“.dpaWarum?Ich war nicht das Kind, das sich im Kindergarten in den Vordergrund gedrängt hätte und unbedingt vor die Kamera wollte. Es war wohl häufig so in der DDR, man wurde für irgendetwas ausgewählt. Ich wurde auch mal fürs Turmspringen ausgesucht, aber das fanden meine Eltern zu gefährlich. Sie wollten nicht, dass ich viermal die Woche nach Hohenschönhausen sollte, um da vom Zehnmeterbrett zu springen. Aber Film fanden sie ganz spannend.Schauspielen ist ja auch ein bisschen wie Turmspringen, oder?Emotional auf jeden Fall. Und ich habe dann in diesem Zusammenhang noch einmal überlegt, wie dieser Beruf zu mir gekommen ist, nämlich von außen. Und mit diesem Rückblick verbinde ich eben nicht nur positive Emotionen. Ich will jetzt aber auch nicht jammern. Für mich ist es ein ganz wunderbarer Beruf. Mittlerweile liebe ich auch genau diese Herausforderungen, mich irgendwie durchzubeißen.Mit elf Jahren haben Sie dann auch Theater gespielt. Sie haben viel Zeit mit Erwachsenen verbracht. Wie hat Sie das geprägt?Als Kind habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht. Ich habe fürsorgliche, nette, lustige und empathische Erwachsene erlebt. Andere haben mich wie eine Schachfigur genervt von hier nach dort gestellt. Es kam auch vor, dass ich am Arm gepackt wurde und es hieß: Du machst das jetzt hier so. Manches hat mich ein bisschen verstört.So gesehen sind Sie jetzt seit 38 Jahren im Geschäft.Das ist schon eine lange Zeit. Aber meistens meinte man es richtig gut mit mir, und da hatte ich sehr viel Glück. Sonst hätte ich auch nicht weitergemacht. Es war auf jeden Fall ein Gamechanger, einen Film wie „Crazy“ zu drehen. Da habe ich eine völlig andere Filmwelt kennengelernt, mit großartigen Produzenten und einem tollen Regisseur wie Hans-Christian Schmid. Aber es existiert auch diese andere Filmwelt, die für mich wahrscheinlich nicht so gut gewesen wäre.Sie konnten immer jünger spielen, als sie eigentlich waren. War das ein Segen oder manchmal auch ein Fluch, weil man Sie nicht für erwachsenere Rollen gecastet hat?Das war eindeutig auch ein Fluch in meinem Leben. Ich habe lange darunter gelitten, dass ich sehr klein war, und dazu noch sehr zart. Manchmal wurde ich für ein Mädchen gehalten. Das war damals noch ein großes Thema. Damit konnte man Jungs noch verletzen, wenn man sagte: Du siehst ja aus wie ein Mädchen.Mit der Kollegin Karoline Herfurth: Tom Schilling bei der Premiere des Films „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ im Januar in MünchendpaHeute ist das ein bisschen anders.Gott sei Dank. Aber du bist eben immer exponiert, wenn du so klein bist und so jung wirkst. Ich erinnere mich noch gut an die Presse-Tour zu „Crazy“. Wir gingen nach der Vorführung in den Kinos auf die Bühne, und dann kam immer die Frage: Ja, wie alt seid ihr? Und wenn ich dann gesagt habe, ich bin 18 Jahre alt, kam das große Erstaunen, und ein Megakinosaal voller Teenager lachte. Die haben das gar nicht böse gemeint, aber sie dachten, wir sind wie unsere Filmfiguren und keine echten Menschen dort auf der Bühne. Und ich habe mir das damals oft zu Herzen genommen.Wie sind Sie damit umgegangen?Mit der Zeit hat sich das relativiert, und dieses Gefühl ist verschwunden. Aber in meinen Zwanzigern war es doch immer noch so, dass ich sehr jung wirkte, aber schon Vater war. Da hätte ich gern schon mal andere Konflikte gespielt. Ich habe viele Projekte abgelehnt, durch die ich mich nur wiederholt hätte, zum Beispiel Coming-of-Age-Filme. Dadurch sind natürlich Rollen an mir vorbeigegangen, aber letztlich hat es sich ausgezahlt. Ich habe gemerkt, es kommen andere Rollen, und ich muss nicht immer drehen. Ich wollte mich nicht in eine Schublade stecken lassen. Und vielleicht hat mich gerade das interessanter gemacht.Können Sie gut Nein sagen?Darin war ich schon immer gut. Ich sage immer lieber Nein als Ja.Die Reihe „Achtsam Morden“ hat mittlerweile fünf Bände. Das ist ja noch Stoff für weitere Staffeln. Wird Björn Diemel Ihr Alterswerk?Ich war noch nie gut, wenn es darum ging, in die Zukunft zu schauen. Ich bin schon sehr dem Hier und Jetzt verhaftet. Also weder der Blick nach vorn noch der nach hinten ist der meine. Deswegen kann ich diese Frage noch nicht beantworten. Ich halte es da wie die Tennisspieler: Wir spielen das von Punkt zu Punkt.„Zeitgeist hat für mich oft etwas Einfältiges“: Tom Schilling und seine Frau Amelie im Januar beim Deutschen Filmball in Münchendpa„Achtsam Morden“ ist eine Parodie auf den Trend zur Selbstoptimierung. Popkulturelle Strömungen, Zeitgeist oder Trends scheinen an Ihnen spurlos vorüberzugehen. Als alle Welt in Sweatshirts und Sneakern durch die Gegend rannte, trugen Sie maßgeschneiderte Anzüge. Schwimmen Sie gern gegen den Strom?Zeitgeist hat für mich oft etwas Einfältiges, weil es den Blick so verengt. Gerade die Sachen, die immer hochgejazzt werden. Es gibt so einen großen Schatz aus all dem, was kulturell schon geschöpft wurde. Und manchmal sieht man erst mit ein bisschen Abstand, was wirklich länger trägt und gut altert. Aber tatsächlich begegne ich Strömungen wie Selbstoptimierung mit einer gewissen Skepsis. Ich bin erst mal lieber dagegen, und oft finde ich es auch ein bisschen peinlich. Bei der Water-Bucket-Challenge hätten Sie mich nicht in der ersten Reihe gefunden. Keine Ahnung, was man heute gerade macht, aber ich schaue lieber zu.Wo finden Sie Ihren inneren Frieden?Auf dem Tennisplatz. Wobei ich da auch manchmal an meine Grenzen komme. Aber das ist ein Ort, wo ich mich richtig wohlfühle und ganz im Moment lebe. In diesen zwei Stunden zählt nur der nächste Ballwechsel. Und am besten spiele ich, wenn ich alle anderen Gedanken komplett ausblende. Deswegen liebe ich diesen Sport.Lars Eidinger behauptet, er habe Sie beim Tennis geschlagen.Er hatte einmal einen guten Tag. Normalerweise gewinne ich. Aber ich kann neidlos anerkennen, dass er ein sehr guter Tennisspieler ist. Er spielt sehr ruhig, kann seinen Gegner gut lesen und antizipieren. Er hat ein feines Händchen.Das letzte Album Ihrer Band Die Andere Seite ist jetzt vier Jahre alt. Wird es nicht langsam wieder Zeit für neue Musik?Wir könnten mal wieder spielen, aber im Moment sind meine Gedanken und meine kreative Energie in anderen Bereichen aktiv. Ich muss mir immer etwas Neues suchen. Ich schreibe gerade an Drehbüchern für eine Serie, die ich auch gern selbst inszenieren würde. Ich mag Serien wie „Beef“ oder „The White Lotus“. Die inspirieren mich gerade.