Kambodscha pflegt sein Image und gibt sich milde gegenüber seinem prominentesten OppositionellenDie Regierung entlässt auf Druck des Westens einen wichtigen Kritiker aus dem Gefängnis. Die strukturellen Probleme aber bleiben.03.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKem Sokha, hier während seines Gerichtsprozesses im Jahr 2022, wurde begnadigt.Kith Serey / EPAVergangene Woche durfte der kambodschanische Oppositionelle Kem Sokha das Gefängnis verlassen, er wurde begnadigt. Das schien wie ein rarer Lichtblick in dem südostasiatischen Land, das in den vergangenen Jahren mehr und mehr autokratische Tendenzen offenbarte – im Demokratie-Index der Stiftung Freedom House verliert das Land Punkte und ist als «unfrei» klassifiziert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Oppositionelle Kem Sokha hatte es 2013 gewagt, die regierende Familie herauszufordern. Seit vier Jahrzehnten wird das Land vom ehemaligen Khmer-Rouge-Mitglied Hun Sen regiert. Dieser war einst Teil der kommunistischen Rebellen um Pol Pot, löste sich aber noch während dessen Lebenszeit von dem berüchtigten Massenmörder.Zwar hat 2023 Hun Sens Sohn Hun Manet offiziell das Amt des Ministerpräsidenten übernommen. Aber die Regierung gibt sich wenig Mühe zu verstecken, wer im Hintergrund tatsächlich die Fäden zieht: Als sich Kambodscha und der Nachbar Thailand vergangenes Jahr in einen monatelangen Grenzkonflikt verstrickten, waren es Hun Sens Facebook-Posts, die den Takt vorgaben.Kein Symbol für ÖffnungKem Sokha und seine mittlerweile aufgelöste Cambodian National Rescue Party waren bei den Wahlen 2013 nahe dran an einem Überraschungssieg. Bei den nächsten Wahlen liess Hun Sen seinen Rivalen gar nicht erst antreten: Sokha wurde 2017 verhaftet, weil er angeblich von ausländischen Mächten gesteuert war – er hatte zuvor in einem Video gesagt, dass er Geld von amerikanischen NGO erhalten habe. Später verurteilte ihn ein Gericht zu einer 27-jährigen Gefängnisstrafe.Jetzt ist Kem Sokha vorerst frei, darf allerdings das Land nicht verlassen und sich nicht an der Politik beteiligen. Er sagte, er werde wohl eine Zeitlang als buddhistischer Mönch in einem Kloster leben. Die nächsten Wahlen in Kambodscha finden 2028 statt, und Kem Sokha ist bereits 72 Jahre alt.Beobachter sind sich einig: Ein Symbol für eine Öffnung Kambodschas ist die Freilassung nicht, eher eine Geste gegenüber den westlichen Diplomaten.Kambodscha war in den vergangenen Monaten immer stärker unter Druck geraten. Ende 2025 erliessen die USA und Grossbritannien Sanktionen, weil die Regierung kriminelle Betrügerbanden im Land gewähren liess: In fabrikähnlichen Betrugszentren wurden Europäer, Amerikaner und Chinesen mittels Online-Betrug um ihr Erspartes gebracht. Ermittlungen der amerikanischen Behörden offenbarten, wie eng diese Betrüger mit lokalen Politikern verstrickt sind. Kambodschanische Politiker erhielten teure Geschenke, die Chefs der kriminellen Netzwerke bekamen Beraterfunktionen in der Regierung.Seither versucht Kambodscha vieles, um sein Image in diplomatischen Kreisen zu verbessern. Der Ministerpräsident Hun Manet, der nur sehr selten Interviews gibt, sprach mit westlichen Nachrichtenagenturen und beteuerte, nichts von den kriminellen Machenschaften im Land gewusst zu haben. Die Freilassung des Oppositionellen Kem Sokha ist Teil der jüngsten Zugeständnisse. Staaten wie die USA, Kanada, Australien, Deutschland und Frankreich begrüssten den Schritt.Angeblich 91 Betrugszentren geschlossenEs ist allerdings noch unklar, ob in Kambodscha im Rahmen dieser Imagepflege wirklich tiefgreifende Änderungen geschehen werden. Die Betrugsindustrie in Kambodscha generiert laut Schätzungen zwischen 12 und 19 Milliarden Dollar – eine Summe, die ungefähr der Hälfte des kambodschanischen Bruttoinlandprodukts entspricht. Zwar hat die Regierung in den vergangenen Monaten laut eigener Aussage 91 Betrugszentren stillgelegt und 300 000 Zwangsarbeiter befreit – laut kambodschanischen Medien war Hun Sen «sehr überrascht» zu hören, dass sich die Betrugsindustrie in Kambodscha angesiedelt hatte, was angesichts seiner Machtfülle unglaubwürdig erscheint.Die Umstände, unter denen der Betrug florierte, existieren allerdings weiterhin: Kambodscha rangiert im Korruptionsindex von Transparency International auf Rang 163 von 181 Ländern. In Asien sind nur Nordkorea und das Bürgerkriegsland Myanmar tiefer klassiert.Dutzende Oppositionelle sind weiterhin hinter Gittern. Erst im April verurteilte ein Gericht 33 Aktivisten zu Gefängnisstrafen, sie hatten 2024 gegen Infrastrukturprojekte im Grenzgebiet zu Laos und Vietnam protestiert. Ebenfalls im April wurden ein Fabrikarbeiter und ein Schuldirektor verhaftet, sie hatten sich auf Facebook kritisch über die Regierung und den Grenzkonflikt mit Thailand geäussert. Ausser wenigen Online-Portalen gibt es im Land kaum noch freie Medien.Passend zum Artikel
Kambodscha: Oppositioneller Kem Sokha aus Haft entlassen
Die Regierung entlässt auf Druck des Westens einen wichtigen Kritiker aus dem Gefängnis. Die strukturellen Probleme aber bleiben.







