Das größte Energieunternehmen Polens, der halbstaatliche Konzern Orlen, will seine wachsenden geschäftlichen Beziehungen mit der Ukraine nun auch durch eine Kapitalbeteiligung unterfüttern. Generaldirektor Ireneusz Fąfara sagte, man habe Gespräche über eine mögliche Beteiligung an dem staatlichen ukrainischen Ölkonzern Ukrnafta begonnen. Es wäre nicht die erste Beteiligung eines polnischen Unternehmens in der Ukraine in diesem Jahr.Das wachsende Investoreninteresse könnte eine Trendwende anzeigen. Im vergangenen Jahr hatten vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs und großflächiger Ausfälle in der Stromversorgung die ausländischen Direktinvestitionen in der Ukraine insgesamt noch um ein Viertel unter Vorjahresniveau gelegen, wie eine neue Untersuchung des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche zeigt.Keine Chancen beim Wiederaufbau entgehen lassenAuch Investitionsversprechungen im Zuge des Abkommens über kritische Rohstoffe mit Washington haben sich nicht erfüllt. Doch offenbar herrscht unter den Geldgebern inzwischen der Eindruck vor, dass sich das Kriegsglück zugunsten der Ukraine gewandelt hat und man sich keine Chancen beim Wiederaufbau entgehen lassen sollte.Orlen-CEO Fąfara jedenfalls sagt: „Wir glauben, dass der Krieg enden und die Ukraine als Sieger hervorgehen wird.“ Orlen wolle sich deshalb in der Ukraine stärker engagieren. „Wir sind einer der wichtigsten Treibstofflieferanten für die Ukraine und möchten diese Position weiter ausbauen.“ Allerdings befinden sich die Gespräche noch am Anfang. „Ob und wie diese Beteiligung aussehen wird, ist Gegenstand von Verhandlungen mit der ukrainischen Seite.“ Man sei einer von mehreren Partnern.Größter Betreiber von Tankstellen in der UkraineJSC Ukrnafta ist nach eigenen Angaben der größte Ölproduzent der Ukraine, die mit (nominell) 36 Millionen Einwohnern etwa so viele Bürger zählt wie Polen, allerdings auch vor dem Krieg längst nicht die Wirtschaftskraft Polens hatte. Die gleichnamige Kette betreibt 662 Tankstellen im ganzen Land. Faktisch befinde sich das Unternehmen in Staatsbesitz: 50 Prozent plus eine Aktie hält der staatliche Kiewer Gaskonzern Naftogaz; ein großer Teil der restlichen Ukrnafta-Anteile wurde 2022 vom Staat eingezogen und wird vom Verteidigungsministerium verwaltet.Orlen unterhält schon umfangreiche Beziehungen zur Ukraine. Knapp ein Fünftel der Produktion seiner litauischen Raffinerie Mažeikiai geht in die Ukraine. Laut Fąfara verkauft der Konzern jährlich etwa anderthalb Millionen Tonnen Raffinerieprodukte dorthin. Auch im Gasgeschäft war man sich in den vergangenen Jahren nähergekommen. Orlen importiert etwa LNG und verkauft es an die Ukraine. Erst im März war mit Naftogaz ein Vertrag über die Lieferung von 100 Millionen Kubikmetern Gas unterzeichnet worden.Das Unternehmen ist auch in Deutschland aktiv und unterhält mehr als 600 Tankstellen, unter anderem unter dem Namen „Star“. Im vergangenen Jahr hatte der börsennotierte Konzern einen Umsatz von 63 Milliarden Euro bilanziert. Im ersten Quartal dieses Jahres war der Gewinn vor dem Hintergrund des Irankriegs um 22,8 Prozent und damit stärker gewachsen als von Analysten erwartet.Eine Frau tankt an einer Tankstelle von Orlen.EPAGrößte ukrainische Lebensversicherung ist in polnischer HandMehrere polnische Unternehmen hatten in den vergangenen Monaten mit Beteiligungen oder Übernahmen in der Ukraine von sich reden gemacht. Im Mai hatte PZU, der größte Versicherungskonzern Polens, die ukrainische Tochtergesellschaft des amerikanischen Versicherungsunternehmens Metlife vollständig übernommen. Mit deren 50-prozentigem Marktanteil katapultierte sich PUZ auf den ersten Platz im Geschäft mit Lebens- und Krankenversicherungen in der Ukraine.Im April hatte das polnische Fintech ZEN.com die verstaatliche, insolvente ukrainische JSC First Investment Bank (Pinbank) erworben. Die Bank betreut nach eigenen Angaben Hunderttausende ukrainische Flüchtlinge in Europa. Seit Jahren sind polnische Logistikunternehmen wie Laude und der IT-Dienstleister Euvic in der Ukraine aktiv.Steigende DirektinvestitionenPolen zählt zu den größten ausländischen Direktinvestoren in der Ukraine. Laut der Nationalbank der Ukraine stiegen die polnischen Direktinvestitionen in der Ukraine in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 215 Millionen Dollar. Im Jahr 2024 hatten sie um 21 Prozent auf 231 Millionen Dollar zugelegt. Das kumulierte Volumen der Direktinvestitionen belief sich laut Angaben der ukrainischen Internetseite GMK-Center zum 30. September 2025 auf 1,46 Milliarden Dollar.Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Ukraine und Polen haben sich seit dem russischen Überfall trotz mancher Streitigkeiten wie um die Einfuhr von Agrarprodukten aus der Ukraine stetig ausgeweitet. Vor allem sind die polnischen Exporte seit 2021 von fünf auf acht Milliarden Dollar gestiegen. Polen profitiert auch von der internationalen Unterstützung der Ukraine, viele Unternehmen haben sich in Sonderwirtschaftszonen an der östlichen Grenze angesiedelt, um von hier aus und in Sicherheit Geschäfte in der Ukraine vorzubereiten und zu betreiben.Polen beherbergt nicht nur Millionen ukrainischer Arbeiter und Flüchtlinge, es ist auch Ausrichter zweier internationaler Veranstaltungen zum Wiederaufbau der Ukraine in diesem Jahr: die ranghoch besetzte Ukraine Recovery Conference Ende Juni in Danzig und die Fachmesse Rebuild Ukraine im November in Warschau.