Für die meisten Menschen in der Ukraine war der massive Luftangriff Russlands in der Nacht zum Dienstag keine Überraschung mehr. Die Geheimdienste sind über die Vorbereitungen einer so massiven Attacke inzwischen früh im Bilde und warnten deshalb schon am Montagabend vor dem, was dann in der Nacht folgte. Es war, auch wenn sich der Begriff abnutzt, abermals einer der größten Luftangriffe seit dem russischen Überfall auf das Land vor vier Jahren. Abermals war die Hauptstadt Kiew Hauptziel der Angriffe. Vier Tote zählte der staatliche Katastrophendienst bis zum Mittag, 64 weitere Menschen wurden verletzt, 38 davon schwer.In der südostukrainischen Industriegroßstadt Dnipro starben neun Menschen, darunter ein Kind, 35 wurden verletzt. Hier suchten Rettungskräfte am Dienstag in einem teilweise eingestürzten, vierstöckigen Wohnblock nach Vermissten. Bürgermeister Borys Filatow erklärte gegenüber dem Portal Kyiv Independent, dass 49 Wohngebäude beschädigt worden seien, davon sieben praktisch vollständig zerstört. In Kiew wurden mehrere Wohnhochhäuser sowie ein Kindergarten, ein Krankenhaus und mehrere Geschäfte beschädigt.Moskau verliere und räche sich mit RaketenDer ukrainischen Luftwaffe zufolge feuerte Russland 73 Raketen und 656 Drohnen auf die Ukraine ab. Davon seien 40 Raketen und 602 Drohnen abgefangen worden. 30 Raketen und 33 Drohnen seien an 38 Orten eingeschlagen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete, dass mehr als 500 Rettungskräfte landesweit im Einsatz seien. Dieser Großangriff sei eine weitere „absolut klare Botschaft aus Russland: Wenn die Ukraine nicht vor ballistischen und anderen Raketen geschützt wird, werden diese Angriffe weitergehen“. Bereits in der vergangenen Woche hatte Selenskyj auf fehlende Flugabwehrsysteme und -raketen vor allem des Typs Patriot hingewiesen, das als einziges zuverlässig Raketen unschädlich machen kann.„Europa braucht sein eigenes Anti-Ballistik-System, damit dieser Krieg endlich beendet werden kann“, erklärte Selenskyj auf der Plattform X. Zugleich seien Patriot-Lieferungen aus den USA „absolut notwendig“. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sagte, der einzige Grund für den Angriff sei, „dass Putin ein Kriegsverbrecher ist, der keine Karten außer Terror hat“. Moskau verliere auf dem Schlachtfeld und müsse endlich erkennen, dass diese brutalen Angriffe nirgendwohin führten. „Der einzige Ausweg für Putin besteht darin, diesen Krieg sofort zu beenden.“Explosionen und Rauchwolken in Kiew am 2. JuniReutersBudanow sieht Chance für Kriegsende vor dem WinterTatsächlich ist die Lage an der Front für Russland schwierig. Die Frühjahrsoffensive ist praktisch ausgefallen, stattdessen verlor Russland im Mai erstmals wieder mehr Territorium in der Ukraine, als es erobern konnte, berichtet die unabhängige Analyseplattform Deepstate. „Wir können mit Sicherheit sagen, dass dies der erste Monat seit der ukrainischen Gegenoffensive 2023 ist, in dem der Zuwachs an besetztem Gebiet für die Russen negativ ausfiel“, schreiben die Analysten. Trotz Zunahme der russischen Sturmangriffe um 37,5 Prozent müsse Russland Rückschläge hinnehmen; die Mehrheit der Sturmtruppen sei vernichtet worden. Der Krieg trete in eine neue Phase ein, für die Ukraine komme es nun darauf an, die Initiative nicht zu verlieren.Selenskyjs Stabschef Kyrylo Budanow erklärte in Kiew, dass ein Ende des Krieges möglich sei, sofern Moskau weiter die Initiative auf dem Schlachtfeld verliere und die Ukraine weiterhin mit Langstreckendrohnen Ziele im russischen Hinterland zerstöre. Kiew hoffe, dass sich so ein Zeitfenster für effektive Friedensgespräche schaffen lasse, um den Krieg vor dem Winter zu beenden, sagte Budanow dem Kyiv Independent. Dieses Ziel sei „absolut richtig, rechtzeitig und gut durchdacht“. Ähnlich hatte sich zuvor auch Selenskyj geäußert.Der russische Herrscher lässt dagegen bisher keine Signale in dieser Richtung erkennen. Er hatte den neuerlichen Angriff auf Kiew am Montag gleichsam angekündigt: Auf einer Sitzung mit Funktionären zum ukrainischen Drohnenangriff auf die besetzte Stadt Starobilsk vom 22. Mai, bei dem nach russischen Angaben 21 junge Menschen getötet wurden, warf Wladimir Putin der Regierung in Kiew vor, sie habe „entschieden, ein neues Kapitel in der Abfolge ihrer Verbrechen aufzuschlagen, dem Konflikt insgesamt eine neue Qualität zu geben“. Der Leiter des Ermittlungskomitees, Alexandr Bastrykin, sagte, die ukrainischen Soldaten hätten die Drohnen über das satellitengestützte Starlink-Netz „vorsätzlich“ ins Ziel gesteuert.Nach ukrainischen Angaben galt der Starobilsker Angriff einer russischen Drohneneinheit, Beobachter vermuten hingegen einen Irrtum bei der Zielauswahl. Moskau hatte den Angriff schon als Vorwand für seinen vorangegangenen größeren Drohnen- und Raketenangriff auf Kiew und Umgebung aus der Nacht auf den 24. Mai genommen. Russlands Militär bezeichnete den neuen Schlag nun als „Antwort auf Terrorakte des Kiewer Regimes“ und behauptete, er sei gegen militärische Ziele gerichtet gewesen.