Interview«Eine normale Katholikin wird nicht mit 14 Jahren unglücklich»: Eine Aussteigerin erzählt vom Leben im sagenumwobenen Opus DeiDas Opus Dei galt als Liebling des Vatikans, Kritiker nennen es eine Sekte. Jüngst prüfte Papst Franziskus schwere Vorwürfe gegen das «Werk Gottes». Nun berichtet Marina Pereda von einem Leben zwischen Putzdienst und Selbstkasteiung – und davon, wie man den Weg hinaus findet.Florian Haupt, Barcelona02.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenMarina Pereda war noch minderjährig, als sie dem Opus Dei offiziell beitrat. Heute ist sie 37 Jahre alt. Ihre Eltern und einige ihrer Geschwister gehören der Organisation bis heute an.Alvaro Barrientos / APDas katholische Opus Dei gehört zu den elitärsten und geheimnisvollsten Organisationen der Welt. Seine Mitglieder bekleiden in Spanien, Italien und Lateinamerika, aber zunehmend auch in den USA wichtige Posten in Politik und Wirtschaft. Dem Opus Dei gehören Kleriker und Laien an, vom Vatikan bekam es 1982 den bisher einzigartigen Sonderstatus als Personalprälatur. Papst Johannes Paul II. sprach den Gründer Josemaría Escrivá de Balaguer heilig und liess das wichtige Pressebüro des Vatikans bis zu seinem Tod von einem Opus-Dei-Angehörigen leiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast so alt wie das vor knapp hundert Jahren in Madrid gegründete Opus ist auch die Kritik an der streng hierarchischen Vereinigung. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf Manipulation, Korruption, Missbrauch und Ausbeutung. Papst Franziskus drängte ab 2022 auf Reformen im «Werk Gottes». Diesen März empfing sein Nachfolger Leo XIV. auf eigene Initiative den Finanzjournalisten Gareth Gore, Autor eines Enthüllungsbuches über Machenschaften des Opus, zu einer 40-minütigen Privataudienz – für Kirchenpolitiker eine Sensation.Im Kernland Spanien hat jetzt Marina Pereda, ein Ex-Mitglied, ein Buch über ihr Leben im Opus Dei veröffentlicht. In «La Obra» («Das Werk») schildert sie, wie sie im Umfeld des Opus Dei aufwuchs und der Organisation mit 14 Jahren beitrat. Bald putzte sie in einer Männerresidenz, legte ein Zölibatsgelübde ab und musste ihr Einkommen sowie ein Testament dem Werk überschreiben. Vor zehn Jahren kehrte sie dem Opus den Rücken und setzt sich seither auf therapeutische, wissenschaftliche und künstlerische Weise mit ihrer Vergangenheit auseinander. Das Testament widerrief sie.Wie hat das Opus Dei auf Ihr Buch reagiert?Mir schrieb ein Mann vom «Büro für Zuhören» (interne Ombudsstelle des Opus Dei, Anm. der Red.). Dass ich mich nun an die Öffentlichkeit gewendet habe, hat dem Mann natürlich missfallen.Was hat er denn geschrieben?Dass ich offenbar eine innere Wunde hätte. Dass ich anscheinend sehr wütend sei und dass nichts diese Wut besänftigen könne. Dass Gott mich heilen möge.Sie haben seit Ihrem 14. Lebensjahr dem Opus Dei gedient. Woher kommt nach der Logik des Werks die «innere Wunde»?Marina Pereda.PDBis vor kurzem nannten sie Leute wie mich noch «rebotado», verirrt. Da war man Verräter, Ausgestossene. Jetzt behandelt man uns eher herablassend und spricht von der Wunde. Aber wenn ich verletzt bin oder wenn wir verletzt sind, wer hat uns dann verletzt? Wer hat den Schaden angerichtet? Darauf erwidern sie: Nun, eine bestimmte Person. In ihrer Argumentation hat nie die Institution versagt, es sind immer einzelne Personen. Aber diese bestimmte Person existiert nicht im leeren Raum, sie ist Teil einer Struktur.Wozu hat Sie die Struktur gezwungen?Als 14-jährigem Mädchen wird einem das Zölibat auferlegt, jeder Kontakt zu männlichen Freunden untersagt. Ich musste strenge Gebetsregeln befolgen, Selbstkasteiungen mit dem Bussgürtel praktizieren, täglich kalt duschen – auch sonntags – und auf jeden Genuss verzichten. All das prägt einen Körper, der sich noch entwickelt. Man entfremdet sich vollständig von den eigenen Bedürfnissen, selbst von so grundlegenden wie Essen, Schlaf oder einer Umarmung. Zugleich wird einem ständig vermittelt, man mache es nicht gut genug oder tue nicht genug. Dieses Schuldempfinden ist ein besonders subtiles Werkzeug, gerade bei Kindern.Sie mussten als Minderjährige schon arbeiten, wie Sie schreiben, und die Unterkünfte der Männer putzen.Natürlich habe ich kein Geld bekommen, und es sind keine Sozialversicherungsbeiträge abgeführt worden. Aber um Geld geht es mir nicht. Sondern um Anerkennung und Wiedergutmachung. Als ich die Ombudsstelle um eine Stellungnahme bat, lautete ihre Antwort: Du hast hier nie gearbeitet. Sie sagten nicht, okay, du hast ohne Vertrag hier gearbeitet, da hat jemand etwas falsch gemacht. Es wurde so getan, als hätte diese Arbeit nie existiert. Wie kann man also von Zuhören oder Wiedergutmachen sprechen, wenn nicht einmal die grundlegenden Fakten anerkannt werden? Wenn ich sage, dass ich mit 14 Jahren beigetreten bin, und sie systematisch leugnen, dass es Minderjährige im Opus Dei gibt?Warum wird das geleugnet?Weil die Kirche die Aufnahme von Minderjährigen nicht zulässt. Rechtlich gesehen trittst du also erst mit 18 ein. Aber mit 14 schreibst du einen Brief, und mündlich sagen sie dir: «Du bist in das Opus Dei aufgenommen, der Pater hat dir die Aufnahme gewährt.» Nicht der Priester oder der Vikar, an den du den Brief geschrieben hast, oder die Person, die dich für den Beitritt angeworben hat – sondern der Pater.Also der Prälat, der Leiter der ganzen Institution.Ja. Aber nur mündlich, damit es keine Beweise gibt, denn rechtlich ist es verboten, dass ein Minderjähriger eine so einschneidende Entscheidung trifft.Haben Ihre Eltern das Einverständnis gegeben?Nein. Weil meine Eltern Mitglieder waren (sogenannte «Supernumerarier»: weltliche Mitglieder, d. Red.), wurde es als gegeben vorausgesetzt. Das läuft wie im Selbstbedienungsladen. Die Numerarier (zölibatäre Vollmitglieder, d. Red.), haben freie Hand, den Kindern zu sagen, was sie wollen. Bei Eltern, die keine Beziehung zum Werk haben oder aus anderen Gründen als problematisch angesehen werden können, wird den Kindern vorher sogar gesagt: «Sag deinen Eltern nichts. Sag es ihnen nicht, denn das sind Versuchungen des Teufels: Der Teufel benutzt deine Eltern, damit du deiner Berufung zuwiderhandelst. Es geht um eine ganz besondere Angelegenheit zwischen Gott und dir.»Wie haben Ihre Eltern dann davon erfahren?Als ich die Entscheidung bereits getroffen und den Brief geschrieben hatte, rief ich sie an. Damals war ich gerade an einem Treffen. Üblicherweise beantragt man die Aufnahme fern von zu Hause, etwa in Zeltlagern oder an speziellen Versammlungen für Kinder, die vom Werk bereits für geeignet gehalten werden. Die Manipulation ist dann meist schon eingesickert.Was Sie schildern, bezeichnen Kritiker als Sekte.Das Phänomen Opus Dei hat verschiedene Ebenen. Einerseits, ja: Die Manipulation und die Spaltung von Eltern und Kindern sind sektenhaft. Dann gibt es den Faktor der Indoktrination, wenn schon die Eltern so erzogen worden sind. Schliesslich kann man auch von einer Art Lobby sprechen. Im Opus Dei gibt es viele Menschen mit Macht und Einfluss in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das bringt viele Betroffene, auch Eltern, dazu zu sagen: «Ich will keinen Ärger.»In den Jahrzehnten nach der Gründung durch Josemaría de Escrivá wurde aus dem «Werk Gottes» eine mächtige Organisation innerhalb der katholischen Kirche.GettyZu Ihrer Geschichte gehört auch Ihr Hintergrund aus einer Familie mit vielen Kindern – wie vom Opus gewünscht – und mit umso weniger Geld.Als ich mit 16 in eine Wohnanlage des Opus Dei in Bilbao zog, hiess es, das sei gut für meine religiöse Berufung und meine Ausbildung. Meine Eltern mussten nichts bezahlen: Die Schule wurde durch ein Stipendium finanziert, die Unterkunft durch meine Arbeit. Das Opus Dei interessiert sich für junge, ehrgeizige Menschen. Doch wer einmal dort ist, wird Schritt für Schritt geschwächt. Man bekommt Schuldgefühle vermittelt und muss Anforderungen erfüllen, die nicht altersgerecht sind. Das kann Psyche und Selbstwertgefühl nachhaltig beschädigen – besonders bei Jugendlichen. Sich davon später zu erholen, ist schwierig.Ist es Ihnen gelungen?Ich widme mich dem Schreiben und der Kunst, auch das Kommunikationsstudium hat mir sehr geholfen. So konnte ich mir das Geld für eine Therapie verdienen, viele Jahre Therapie.Sie haben schon vorher in einem Theaterstück und in einer Fernsehdokumentation zu dem Thema mitgewirkt, jetzt das Buch geschrieben. War das auch therapeutisch, der nächste Schritt, um alle Erfahrungen hinter sich zu lassen?Alles zurücklassen geht bei mir schon deshalb nicht, weil ich Familienmitglieder habe, die mit dem Opus Dei verbunden sind. Die Dinge tun nicht mehr so weh, das schon, und man akzeptiert, dass man damit für immer leben wird. Hoffentlich kann das Buch anderen Menschen helfen, ein Thema sichtbar machen, für Wachsamkeit sorgen. Aber therapeutisch? Das wäre schön, dann hätte ich mir viel Geld gespart.In Spanien ist es nicht leicht, das Opus Dei anzuprangern. Wo liegen Macht und Einfluss?Durch seine Präsenz in Institutionen, Netzwerken, Unternehmen und Regierungen. Etliche Bankiers und Politiker sind eng mit dem Opus Dei verbunden. Die Universität von Navarra und die IESE, Spaniens führende Wirtschaftshochschule, werden vom Opus Dei geleitet. Deshalb gab es zwar schon immer Vorwürfe ehemaliger Mitglieder wegen sektenähnlicher Praktiken, zugleich herrschte aber ein Tabu, ein Kartell des Schweigens. Erst vergangenes Jahr erschien in Spanien eine umfassende TV-Dokumentation, die erstmals systematisch journalistisch aufarbeitete, was in verschiedenen Ländern Europas und Lateinamerikas geschehen ist.Wirkt das Opus überall gleich?Ich denke, dass das in Ländern mit einer anderen, weniger vom Katholizismus geprägten Mentalität stärker hinterfragt wird. In Belgien steht das Opus Dei seit den 1990er Jahren auf der parlamentarischen Liste sektenähnlicher Organisationen. Ob das sinnvoll ist, weiss ich nicht. Aber dort gibt es zumindest einen Anhaltspunkt. Warum macht man nicht öffentlich, welche Amtsträger dem Opus Dei angehören? Das Opus Dei wird sagen, das verstosse gegen die Meinungs- und Religionsfreiheit. Doch bevor ich etwa vor Gericht gegen ein Mitglied des Opus Dei antrete, würde ich gerne wissen, ob der Richter dazugehört. Man weiss einfach sehr wenig – sie sind wie Schattenfiguren, die überall auftauchen können.Das Geheimnisvolle wirkt einschüchternd?Dieses Buch ist das erste einer Tochter von Supernumerariern. Noch immer herrscht grosse Angst, über das Thema zu sprechen. Beruflich ist es ein Risiko. Wenn ich in den Unternehmen geblieben wäre, in denen ich früher gearbeitet habe, hätte ich nicht an die Öffentlichkeit gehen können. Ich verstehe deshalb Menschen, die sich nicht dazu durchringen können. Sie sagen: «Schau, Marina, ich würde gerne sprechen, aber ich kann nicht meinen Job aufgeben, und ich habe Kinder.» Ganz abgesehen davon, dass man dafür wahrlich nicht nur Applaus bekommt.Sondern?Viele Reaktionen aus der spanischen Gesellschaft – nicht nur von Leuten aus dem Opus Dei – lauten immer noch: «Na ja, wenn du da eingetreten bist, dann, weil du es wolltest. Warum greifst du jetzt die Kirche an?» Das Opus Dei wird Hand in Hand mit der Kirche und dem Vatikan gesehen, und das kommt ihm natürlich gelegen. Auf jeden Angriff können sie erwidern: «Nein, nein, wir sind einfach nur normale Katholiken.» Aber eine normale Katholikin wird nicht mit 14 Jahren unglücklich.Sie sagten, Sie hätten immer noch viele Verwandte im Opus Dei. Wie hat Ihr Buch diese familiären Beziehungen beeinflusst?Zu meinen Schlussfolgerungen von heute bin ich erst zehn Jahre nach meinem Austritt gekommen. Ich musste viel lesen, eine Therapie machen, mit vielen Menschen sprechen, nachdenken. Es sind meine Schlussfolgerungen, andere Mitglieder können eine andere Sichtweise haben, und es ist mir wichtig zu betonen, dass ich dafür offen bin.Was meine Familie betrifft: Da haben wir zum Glück starke Bindungen. Auch diejenigen, die im Opus Dei sind, respektieren, dass ich meine Geschichte erzähle. Von ihnen bekomme ich viel mehr Respekt als im «Büro für Zuhören» von Menschen, die sich als katholisch bezeichnen und nicht in der Lage sind, Selbstkritik zu üben. Die stattdessen meine Mutter anriefen und versuchten, Einfluss zu nehmen.Haben Ihre Eltern mit der Zeit die Sicht auf das Opus Dei geändert?Sie haben aus erster Hand erlebt, wie das Opus Dei Einfluss zu nehmen versucht. Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr ignorieren. Sie hoffen zwar, dass sich etwas ändert, doch ihre Priorität sind jetzt ihre Kinder. Was ich ihnen als Mädchen nicht sagen konnte, kann ich heute aussprechen. Und sie sehen den Schaden, den das Opus Dei ihren Kindern zugefügt hat. Darum geht es mir letztlich: dass die Menschen informiert sind und selbst entscheiden können, wie stark sie sich – und besonders ihre Kinder – beeinflussen lassen wollen.Passend zum Artikel
«Eine normale Katholikin wird nicht mit 14 Jahren unglücklich»: Eine Aussteigerin erzählt vom Leben im Opus Dei
Das Opus Dei galt als Liebling des Vatikans, Kritiker nennen es eine Sekte. Jüngst prüfte Papst Franziskus schwere Vorwürfe gegen das «Werk Gottes». Nun berichtet Marina Pereda von einem Leben zwischen Putzdienst und Selbstkasteiung – und davon, wie man den Weg hinaus findet.








