InterviewBauunternehmer Balz Halter unterstützt die 10-Millionen-Initiative: «Es ist gut, wenn es schwerer wird, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen»Die Branche von Balz Halter gehört zu den Gewinnern des rasanten Wachstums. Trotzdem plädiert der Immobilienunternehmer für einen Bevölkerungsdeckel – auch damit Firmen agiler werden.02.06.2026, 05.01 Uhr9 Leseminuten«Der Markt steuert auf eine Unterversorgung zu», sagt Balz Halter.Eleni Kougionis für NZZ«Baulöwe», «Immohai» – Balz Halter hat einige Übernamen. Fakt ist: Der Zürcher ist einer der umtriebigsten und erfolgreichsten Bau- und Immobilienunternehmer der Schweiz. Immer wieder bringt er sich mit Beiträgen in die öffentliche Debatte ein. Im Interview äussert er sich zu Kritik an ihm und sagt, was in der Wohnpolitik aus seiner Sicht falsch läuft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Balz Halter, für linke Politiker und manche Medien sind Sie der «Immobilienhai» schlechthin. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?Wer Immobilien entwickelt, steht oft unter Beschuss. Man wird für dieses und jenes verantwortlich gemacht: Entweder baut man zu viel oder zu wenig, hässlich oder zu teuer. Das bringt unser Metier mit sich. Ich kann damit leben.Was man festhalten muss: Sie äussern sich wenigstens öffentlich und prononciert zu wohnpolitischen Fragen. Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Branche schweigen.Dafür habe ich ein gewisses Verständnis. Man gerät schnell unter Beschuss, wird einseitig dargestellt. Das muss man aushalten können. Es wäre natürlich wertvoll, gäbe es mehr Stimmen, die unsere Position erklären. Sonst überlassen wir das Feld ausschliesslich der Politik.Dort kritisiert man Unternehmer wie Sie. Sie würden nur an den Profit denken. Was ist aus Ihrer Sicht die gesellschaftliche Verantwortung eines Immobilienunternehmers?Die Verantwortung jedes Unternehmers ist zuerst einmal, sein Unternehmen voranzubringen. Das heisst auch, dass er eine gewisse Rendite erzielen muss, um den Fortbestand zu sichern. Immobilienunternehmen erbringen ihre Leistungen auf sehr sichtbare Weise.Wie meinen Sie das?Bauten, die wir jetzt erstellen, stehen in Jahrzehnten, vielleicht in hundert Jahren noch. Das verpflichtet – dessen ist man sich in unserer Branche bewusst. Sie erbringt ihre Leistungen in einem anspruchsvollen Geflecht von Gesetzen und Marktmechanismen. Über lange Zeit hat der Immobilienmarkt auf diese Weise gut funktioniert – zum Wohle aller. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist er aus dem Gleichgewicht geraten.Innovator in der Baubranchedfr. Balz Halter, Jahrgang 1961, ist Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsident der Halter Gruppe AG, ein in der Schweiz führendes Unternehmen der Bau- und Immobilienindustrie. Der Ingenieur ETH und Jurist engagiert sich seit Jahren für Innovationen in der Baubranche und initiierte 2023 Urbanistica mit, eine Vereinigung für nachhaltige Raumplanung und guten Städtebau.Sie sprechen von der grassierenden Wohnungsknappheit und den hohen Angebotsmieten.Ja, der Markt steuert auf eine Unterversorgung zu.Ist das Angebot zu klein – oder nicht vielmehr die Nachfrage zu hoch?Beides. Das Ungleichgewicht ist das Problem. Wegen der enormen Zuwanderung gab es eine entsprechende Nachfragesteigerung. Gleichzeitig sind wir nicht in der Lage, so viel zu bauen, wie nötig wäre.Was ist das Hauptproblem aus Ihrer Sicht?Das Stimmvolk hat 2013 mit der Revision des Raumplanungsgesetzes beschlossen, nach innen zu verdichten. Wir können somit kein zusätzliches Bauland mehr einzonen. Dass das zum Problem werden könnte, wenn die Nachfrage steigt, war schon vor zehn Jahren absehbar.Das heisst: Wir müssten die Zuwanderung beschränken?Ja. Um das Wachstum raumplanerisch zu absorbieren, brauchen wir viel mehr Zeit. Die Raumplanung funktioniert in langen Zyklen von zwanzig, dreissig Jahren. Die Zuwanderung muss sich diesem Tempo angleichen. Wenn jetzt nichts passiert, werden sich die Probleme weiter zuspitzen, die Wohnungsnot wird sich ausbreiten. Statt nur in den Städten und Agglomerationen wird es auch in der Peripherie eng werden.Ein Vorschlag liegt auf dem Tisch: die SVP-Initiative zur «10-Millionen-Schweiz». Ihre Haltung dazu?Ich stimme entschieden Ja. Ohne eine solche Limite fehlt der Druck, die Zuwanderung wirklich zu steuern. Solche Grenzen kennen wir auch aus anderen Gebieten – beispielsweise mit der Schuldenbremse. Damit sind wir in der Vergangenheit gut gefahren.Ist diese Position für Sie nicht geschäftsschädigend? Ihr Unternehmen profitiert ja von der Zuwanderung und der hohen Nachfrage im Wohnungswesen.Natürlich kann ich als Immobilienunternehmer profitieren, wenn die Nachfrage rasch steigt. Aber das führt nicht zum Guten. Gesellschaftliche Spannungen dienen niemandem.Sprechen Sie nun als Privatperson oder als Unternehmer?Als Bürger. Aber auch als Unternehmer ist das für mich wichtig. Viele unserer Bauprojekte werden vom Volk in Abstimmungen abgelehnt – nicht weil die Bevölkerung sich an den Projekten stört, sondern weil die Menschen nicht noch mehr Wachstum wollen. Das ist für unsere Branche langfristig ein erhebliches Problem.Würde es Ihnen nicht auch schaden, wenn Sie keine Mitarbeiter aus dem Ausland mehr rekrutieren könnten?Wir werden auch mit einem 10-Millionen-Deckel gewisse Arbeitskräfte aus dem Ausland holen können. Es ist aber gut, wenn dies in Zukunft schwieriger wird. Heute kann man sehr leicht günstige Arbeitskräfte aus der EU rekrutieren. Das senkt den Druck für Unternehmen und die Verwaltung, effizienter zu werden. Das müssen wir aber, wenn wir den Wohlstand pro Kopf steigern wollen.Sie sagen, viele seien wütend wegen des Wachstums. Viele sind aber auch wütend auf die Immobilienbesitzer. Ist Ihr Fokus auf die Zuwanderung auch ein Ablenkungsmanöver?Ich muss nicht ablenken. An vielen Orten sind Immobilienentwickler, die investieren und etwas realisieren, noch immer sehr willkommen. Das wird auch in Zukunft so sein. An den Orten, wo das nicht so ist, engagieren wir uns halt entsprechend weniger.Konkret: In der Stadt Zürich, wo die Widerstände sehr gross sind, realisieren Sie weniger?Ja. Es ist für unsere Engagements wichtig, dass wir politischen und öffentlichen Support geniessen. In Zürich ist das nicht immer der Fall.In der Stadt sind tatsächlich viele besorgt wegen Leerkündigungen. Sie haben auch schon Liegenschaften leer gekündigt – zum Beispiel auf dem Areal Letzigarten, wo nun 735 Personen ausziehen müssen. Ist das verantwortungsbewusst?Niemand macht gerne Leerkündigungen. Man nimmt den Betroffenen ihr Zuhause. Aber wenn man zusätzlichen Wohnraum schaffen will, geht das mit unserer heutigen Raumplanung der inneren Verdichtung meistens zulasten von bestehenden Wohnungen. Verantwortungsbewusst ist es dann, wenn man mit dem Neubauprojekt tatsächlich deutlich mehr Wohnraum schafft.Das Beispiel, das von den linken Parteien immer wieder kommt, ist jenes der «Sugus»-Häuser: Die Eigentümerin hat Hunderten Mietern kurz vor Weihnachten mit drei Monaten Frist ihre Wohnung gekündigt. Die Empörung war riesig.Dieser unsägliche Vorfall ist eine absolute Ausnahme. Wir geben unseren Mietern immer viel Vorlauf und unterstützen sie dabei, etwas Neues zu finden. Das machen übrigens auch die meisten anderen Immobilienbesitzer. Würde so etwas wie bei den «Sugus»-Häusern öfter passieren, wären die Medien voll davon.Zürich stimmt bald über die Wohnschutzinitiative ab, die einen Mietendeckel nach Sanierungen und eine Bewilligungspflicht für Leerkündigungen vorsieht. Sie sind dagegen.Mit der Annahme der Wohnschutzinitiative würde sich die Wohnungsknappheit weiter verschärfen. Werden Mieten gedeckelt, steigt der Anreiz für Mieter, mehr Raum zu konsumieren, was wir ja heute schon bei den Bestandesmieten beobachten können. Für die Investoren senkt der Mietdeckel den Anreiz, neue Wohnungen zu bauen oder bestehende zu sanieren. Die Wohnungsnot wird so leider nur bewirtschaftet, aber nicht gelöst.In Basel gibt es bereits eine Wohnschutzverordnung. Dort sind die Baugesuche eingebrochen, nachdem die Regelung in Kraft getreten ist. Überlegen Sie auch, Projekte in Zürich zurückzustellen, sollte die Initiative angenommen werden?Selbstverständlich. Wenn mir bereits in der Baubewilligung vorgegeben wird, wie viel Miete ich einnehmen darf, rechne ich: Komme ich noch auf die Rendite, die ich brauche? Wenn nicht, investiere ich an anderen Orten.Die Gegner der Initiative sagen, dass Gebäude vergammeln würden, wenn die Initiative komme. Ist das nicht übertrieben?Nein, wenn ein Hausbesitzer die für die Renovation notwendigen Mittel nicht erwirtschaften kann, zögert er die Renovation hinaus. Das kann man in Basel oder Genf leider gut beobachten.Hat man als Eigentümer nicht auch eine Verantwortung für seine Gebäude?Selbstverständlich. Aber das Geld für Renovationen muss auch von irgendwoher kommen. Wenn man es nicht über Mieten erwirtschaften kann, bekommt man es auch nicht von der Bank. Zudem ist es so, dass die bestehende Gesetzgebung schon heute keine überzogenen Renditen zulässt.Wie erklären Sie sich dann, dass in Zürich zurzeit gewisse 2,5-Zimmer-Wohnungen für 7500 Franken pro Monat vermietet werden?Die Bodenpreise sind wegen der Knappheit extrem hoch. Wer ein Renditeobjekt erstellt, ist deshalb schnell bei enorm hohen Mieten.Und wer soll solche Mieten zahlen?Das ist eine gute Frage. Die hohen Mieten überfordern bereits einen ansehnlichen Teil unseres Mittelstandes.Was braucht es, damit sich wieder mehr Leute die Miete gut leisten können – auch in Neubauwohnungen?Wir müssen die Zuwanderung steuern und die raumplanerischen Voraussetzungen schaffen, um den Markt wieder ins Lot zu bringen. Das heisst: nach innen verdichten und dies vor allem da, wo es Sinn ergibt: in regionalen Zentren, die gut erschlossen sind – etwa in Uster, Wetzikon, aber auch in Olten oder Aarau. Diese Zentren werden durch die urbane Entwicklung auch für Unternehmen, Dienstleister sowie Bildungs- und Gesundheitsanbieter interessanter.Es muss nicht alles in der Kernstadt stattfinden.Genau. Denn dort herrscht heute zu oft eine Blockadehaltung. Es müsste wieder Stadtplanung betrieben werden wie vor hundert Jahren in Zürich, als der sozialdemokratische Stadtrat und spätere Stadtpräsident Emil Klöti einen internationalen Wettbewerb initiierte. Eine übergeordnete Planung mit den umliegenden Gemeinden wäre hilfreich und für alle gewinnbringend. Das sind Ideen und Diskussionen, die wir mit unserer Vereinigung Urbanistica anstossen wollen.Mehrere Flughafengemeinden wollen sich jetzt zusammenschliessen und zu einem «New Zurich» werden. Ist das sinnvoll?Ja, denn es ist wichtig, dass im regionalen Kontext gedacht und geplant wird. Dasselbe müsste beispielsweise auch im Limmattal geschehen. Diese Region sollte sich als entstehende Stadt begreifen. Die umliegenden Agglomerationen sind noch nicht so stark verbaut wie die Stadt Zürich, und dieses Potenzial müssten wir städtebaulich nutzen. Auch politisch sind die Agglogemeinden noch agiler als das ideologisch geprägte Zürich.Die Stadt Zürich hat gerade begonnen, ihre Bau- und Zonenordnung (BZO) zu revidieren. Diese sollte eigentlich auch weiter Verdichtung ermöglichen – tut es aber kaum.Bei der BZO werfe ich dem Zürcher Stadtrat schlicht Arbeitsverweigerung vor. Er hätte in der BZO den bestehenden, behördenverbindlichen Richtplan umsetzen müssen. Dieser sieht Altstetten und Zürich Nord explizit als Verdichtungsgebiete vor. Das wurde im BZO-Entwurf aber nicht konsequent getan. Die Ausnützungsziffer steigt gerade einmal um 11 Prozent. Bei diesen 11 Prozent sind neu Mehrwertabgaben zu leisten und 75 Prozent gemeinnütziger Wohnraum zu erstellen.Das wird nicht funktionieren?Es würde mich überraschen, wenn mehr als ein Bruchteil des eigentlichen Potenzials genützt würde. Zum Vergleich: Die Nutzungsreserven aus der BZO 2016 wurden in zehn Jahren gerade einmal zu 15 Prozent genutzt, trotz enormer Nachfrage, hohen Preisen und wesentlich geringeren Restriktionen.Setzt der Stadtrat nicht einfach um, was die Bevölkerung will? Es gibt vermehrt Stimmen, die sich gegen mehr Wachstum stemmen – und das rechts wie links.Der begrenzte Raum der Schweiz ist eine der wichtigsten Ressourcen, die wir haben. Ihm müssen wir Sorge tragen. Zürich ist die Stadt, die am besten erschlossen, am besten versorgt ist. Es ist genau der Ort, wo substanzielle Verdichtung stattfinden müsste. Da sehe ich es schon als Pflicht der Stadtregierung, Voraussetzungen zu schaffen für ein adäquates Bevölkerungswachstum.Was schlagen Sie vor, um das zu erreichen?In den Verdichtungszonen des Richtplans sollte es möglich sein, konsequent um bis zu zwei zusätzliche Etagen aufzustocken. So könnte der Anteil gemeinnütziger Wohnungen sogar auf 40 Prozent gesenkt werden, und es würde trotzdem bis dreimal mehr günstiger Wohnraum entstehen als mit dem vorliegenden Entwurf.Und diese zwei Etagen würden dann umgesetzt?Auf jeden Fall in relevanterem Umfang, weil der Anreiz zur Nutzung gross genug wäre. Natürlich würde das bedeuten, dass auch manche Gebäude abgerissen werden müssten. Aber stattdessen würden erheblich mehr Wohnungen gebaut. Wie eine Studie von Sotomo zeigt, entlastet dies die Quartiere, indem durch Umzüge in Neubauwohnungen günstigere Bestandeswohnungen frei werden.Um dem Mittelstand Wohnungen anzubieten, sind Sie selbst aktiv geworden: Sie gründeten Genossenschaften und haben eine «Gesellschaft für erschwingliches Wohnen» ins Leben gerufen. Nicht unbedingt ein Engagement, das man mit Ihnen in Verbindung brächte.Wieso nicht?«Immobilienhaie» betreiben doch keine Genossenschaften.Schon mein Vater und mein Grossvater haben Genossenschaften initiiert. Mit der Gesellschaft für erschwingliches Wohnen wollen wir Wohnraum schaffen für Menschen aus dem unteren Mittelstand. Weil wir sehr effizient bauen und entwickeln, werden wir auch mit solchen Wohnungen eine ansprechende Rendite generieren können.Was heisst dabei «ansprechende Rendite»?Da sprechen wir von gegen 2 Prozent über dem Referenzzinssatz.Sie sagen: Man kann also auch mit günstigem Wohnen ein Geschäft machen.Durchaus. Aber das steht bei der Gesellschaft für erschwingliches Wohnen nicht im Vordergrund.Ihr Grossvater hat das Unternehmen gegründet, das Sie heute führen. Was würde er zum Immobilienmarkt der Gegenwart sagen?Mein Grossvater war ein Unternehmer wie ich. Er war angetrieben davon, etwas zu erschaffen, das Bestand hat und Nutzen stiftet. Bereits damals – in der Zwischenkriegszeit – herrschte Wohnungsmangel, aber es war genügend Bauland vorhanden. Er würde es wohl kaum glauben, in welche Höhen sich die Marktpreise in der Zwischenzeit entwickelt haben.NZZ-Experten diskutieren am 8. Juni die möglichen Auswirkungen der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz. Tickets und weitere Informationen unter nzz.ch/live.Passend zum Artikel