InterviewAstronautin Peggy Whitson: «Wir alle müssen als grosse Crew zusammenarbeiten»Nur wenige Menschen haben sich länger im Weltall aufgehalten als Peggy Whitson. Die Astronautin spricht über ihre Sicht auf die Erde aus dem All, über Führung in einer lebensfeindlichen Umgebung und die Zukunftschancen der privaten Raumfahrt.Erstellt im Auftrag von NZZ Connect01.06.2026, 20.00 UhrPeggy Whitson ist Vice President of Human Spaceflight beim Raumfahrtunternehmen Axiom Space.Axiom spaceDieser Artikel ist im Rahmen der NZZ-Verlagsbeilage «Swiss Economic Forum» erschienen. Er wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von NZZ Connect erstellt. Der Auftraggeber trägt die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag. Hier geht es zu den NZZ-Richtlinien für Native Advertising.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Sie war Biochemikerin, und da ich dieselbe Leidenschaft für Biologie und Chemie teilte, war für mich noch klarer, dass dieser Weg auch meiner sein könnte. Ich habe folglich Biochemie studiert, promoviert, eine Stelle am Johnson Space Center der NASA erhalten und bin schliesslich als Astronautin ausgewählt worden.Ich nehme an, dass Resilienz eine typische Eigenschaft von Astronauten ist. Sie mussten zehn Jahre warten, bis Sie den Sprung zur Astronautin schafften. Was hat Sie in dieser Zeit der Ungewissheit und der Ablehnungen so unbeugsam gemacht?Ablehnung gehört einfach zum Leben. Ich bin so erzogen worden, dass ich niemals aufgeben soll, nur weil etwas schwierig ist. Jeder kann ein Nein akzeptieren, aber daran zu wachsen, das erfordert echten Mut. Jede Ablehnung hat mich dazu gebracht, aus dem Misserfolg zu lernen, sowohl persönlich als auch beruflich. Deswegen waren diese langen Jahre keine verschwendete Zeit, sondern halfen mir, eine noch stärkere Astronautenkandidatin und schliesslich Astronautin zu werden.Auf der ISS lebt man monatelang in extremer Isolation. Welche Techniken halfen Ihnen, mental stabil zu bleiben, wenn Ihre gewohnte Freiheit und Ihr soziales Umfeld fehlen?Meine drei NASA-Missionen dauerten jeweils sehr lange, und ich wollte jeden Moment dieser Zeit geniessen. Die Erfahrung und die Neuartigkeit der Umgebung wertzuschätzen – das machte die Zeit im Orbit zu etwas Wertvollem und nicht zu einer Belastung. Am meisten half es mir jedoch, alles im richtigen Verhältnis zu sehen; der Sinn dessen, was man dort oben tut, ist wichtiger als jedes Unbehagen. Und tief im Inneren weiss man immer, dass man nach Hause zurückkehren wird, und wenn es dann so weit ist, wird man den Ort, an dem man sich noch befindet, sehr vermissen.Als erste weibliche Kommandantin der ISS mussten Sie Teams in einer lebensfeindlichen Umgebung führen. Wie baut man ein effektives Team auf, das unter Druck zusammenarbeiten kann?Vertrauen ist die Grundlage jedes starken Teams, und im Weltraum entsteht dieses Vertrauen lange bevor man die Erde verlässt. Man trainiert intensiv zusammen, sodass man in stressigen Situationen nicht improvisieren muss, sondern auf bereits etablierte Strategien zurückgreifen kann. Kommunikation ist genauso wichtig. Jeder muss sich gehört und wertgeschätzt fühlen, unabhängig von Rolle, Herkunft oder Geschlecht. In den besten Teams, denen ich angehörte, war das der Standard.Aus dem Weltraum wirkt die Erde klein und verletzlich. Wie hat diese Sicht auf unseren Planeten Ihre Perspektive verändert?Es ist eine Sache zu verstehen, dass die Erde zerbrechlich ist, eine ganz andere, sie aus 400 Kilometern Höhe zu sehen. Als Biochemikerin fasziniert mich, wie eng alles miteinander verbunden ist: die Ökosysteme, die Atmosphäre und das empfindliche Gleichgewicht, das Leben ermöglicht. Diese Perspektive lässt mich unseren Planeten wie ein unglaubliches Raumschiff empfinden, das uns am Leben erhält – und nährt den Gedanken, dass wir wohl alle besser als grosse Crew zusammenarbeiten müssen!Sie arbeiten jetzt für ein privates Raumfahrtunternehmen. Welche Erfahrungen machen Sie in der Zusammenarbeit mit privaten Astronauten, die die Schwerelosigkeit nutzen, um nationale Forschungsziele zu erreichen?Da ich sowohl an der Axiom-Mission 2 (Ax-2) als auch an der Axiom-Mission 4 (Ax-4) beteiligt war, konnte ich aus erster Hand erleben, wie gut unsere privaten Astronauten auf jede Mission vorbereitet sind. Sie verfolgen konkrete nationale Forschungsziele, die nur in der Schwerelosigkeit erreicht werden können. Die kommerzielle bemannte Raumfahrt hat die Grenzen des Möglichen grundlegend verschoben, und es ist bemerkenswert, wie verschiedene Nationen dadurch bedeutende wissenschaftliche Fortschritte erzielen.Die Schweiz ist bekannt für Präzision und Stabilität. Wie beurteilen Sie die Rolle der Schweizer Innovationskraft in der internationalen Weltraumforschung?Der Ruf der Schweiz für Präzision trägt massgeblich zur Weltraumforschung bei. Das erste wissenschaftliche Experiment einer bemannten Mission auf dem Mond wurde in der Schweiz konzipiert! Diese Geschichte spricht für sich. Die Schweiz ist seit jeher führend in Sachen Innovation, und genau darauf baut die Weltraumforschung auf.Wie wird Axiom Space eine kontinuierliche menschliche Präsenz im erdnahen Orbit gewährleisten?Axiom Space ist das einzige Unternehmen, das von der NASA autorisiert wurde, ein kommerzielles Modul an die Internationale Raumstation (ISS) anzudocken. Das Andocken des ersten Moduls der Axiom Station an die ISS ist für 2028 geplant. Das zweite Modul soll weniger als ein Jahr nach dem ersten startbereit sein und im Orbit verbleiben, bis es an das erste Modul andocken kann. Nach der Abtrennung des ersten Moduls von der ISS dockt es an das zweite Modul an, um eine von vier Besatzungsmitgliedern dauerhaft bewohnbare Raumstation zu bilden.«Der Sinn dessen, was man dort oben tut, ist wichtiger als jedes Unbehagen.»Die Axiom Station wird Forschung und Produktion ermöglichen und so die Entwicklung zahlreicher Branchen fördern. Zur Anwendung kommen dabei Techniken, die nur in der Schwerelosigkeit verfügbar sind. Die Axiom Station ist die einzige kommerzielle Raumstation, die eine kontinuierliche menschliche Präsenz der USA im All gewährleisten kann – und damit den ununterbrochenen Zugang zur Mikrogravitation für Kunden weltweit sicherstellt. Die Station wird privaten Unternehmen sowie nationalen Regierungen eine Plattform bieten, um Forschung und Entwicklung bahnbrechender Innovationen zu betreiben.Damit beginnt das nächste Kapitel nach der ISS, und wir starten nicht bei null; wir bauen auf dem auf, was sich bewährt hat. Dieselbe Philosophie prägt auch unsere Raumanzugentwicklung. Das innovative Design der Axiom Extravehicular Mobility Unit mit einheitlicher Architektur bietet Astronauten fortschrittliche Fähigkeiten, die funktionsorientiert sind und bei denen Sicherheit oberste Priorität hat. Dieser neue Raumanzug ermöglicht auch Aussenbordeinsätze im All. Als alleiniger Anbieter von Raumanzügen der nächsten Generation für die NASA liefert Axiom Space kommerziell entwickelte Systeme für den Menschen, die für das Leben und Arbeiten in der Schwerelosigkeit sowie auf und um den Mond benötigt werden.Wie sehen Sie die Zukunft der Industrieentwicklung im erdnahen Orbit? Welche Sektoren oder Aktivitäten werden Ihrer Meinung nach am meisten davon profitieren?Die Schwerelosigkeit eröffnet Möglichkeiten, die es auf der Erde schlichtweg nicht gibt, und ich denke, wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung. Besonders die Bereiche Fertigung und Pharmazie begeistern mich, da bestimmte Materialien und Medikamente in Mikrogravitation auf eine Weise hergestellt werden können, die auf der Erde nicht möglich ist. Allein die potenziellen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind bemerkenswert. Die grössten Entdeckungen im erdnahen Orbit stehen wahrscheinlich noch bevor, und das ist für mich der wichtigste Grund, die Forschung weiter voranzutreiben.Interview: Felix E. MüllerZur PersonPeggy Whitson ist ehemalige NASA-Astronautin und hielt lange den US-Rekord für die meisten Tage im All. Sie war die erste weibliche Kommandantin der Internationalen Raumstation ISS. Sie ist heute Vice President of Human Spaceflight beim privaten Raumfahrtunternehmen Axiom Space
Raumfahrtpionierin Whitson: Zusammenarbeit als Schlüssel für die Zukunft
Nur wenige Menschen haben sich länger im Weltall aufgehalten als Peggy Whitson. Die Astronautin spricht über ihre Sicht auf die Erde aus dem All, über Führung in einer lebensfeindlichen Umgebung und die Zukunftschancen der privaten Raumfahrt.







