»Seit meinem neunten Lebensjahr schreibe ich Tagebuch. Es half und hilft mir durchs Leben. Mittlerweile bin ich bei Tagebuch Nummer 73 und werde demnächst 71 Jahre alt. Mir stellt sich immer mal wieder die Frage, was mit diesen teilweise doch sehr persönlichen Notizen einmal wird. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass meine Kinder / Enkelkinder eines Tages intime Dinge über mich (und über sich) erfahren. Aber diese Bücher zu schreddern kommt mir vor, als würde ich mein Leben in die Tonne stopfen. Gibt es einen Rat?« Isolde B., WielenbachWollen wir erst einmal festhalten: Sie sind am Leben. Und haben das Gefühl, dass in Ihren Tagebüchern Ihr Leben steckt. Es beruhigt Sie, diese Bücher bei sich zu wissen. Nichts spricht also dafür, sich von ihnen zu trennen. Es gab doch vor einigen Jahren die Mode, eher radikal Sachen wegzuwerfen. Das basierte hauptsächlich auf dem Bestseller einer Japanerin, Marie Kondo, die darin Anleitungen zum Ausmisten gab. (Sie empfahl ein Vorgehen nach der Frage: »Does it spark joy?«, löst es Freude aus?) Sie selbst gab aber später, nachdem sich auf der ganzen Welt ihretwegen Wohnungen und Kleiderschränke massiv geleert hatten, zu, es mit dem Wegwerfen wohl ein bisschen übertrieben zu haben. Sie sei inzwischen nicht mehr so streng und vermisse auch das eine oder andere übereilt weggeworfene Stück. Man muss nämlich aufpassen, sich beim Sich-Trennen von Dingen nicht zu überfordern.In Ihrem Fall jedenfalls sind verschiedene Szenarien vorstellbar, die relativ sicher verhindern würden, dass jemand Ihre Tagebücher liest. Sie könnten auf die Einbände den Hinweis anbringen, dass niemand sie nach Ihrem Tod lesen möge. Wer würde sich darüber ernstlich hinwegsetzen wollen? Sie könnten dasselbe auch testamentarisch festhalten, das muss dann zwar auch noch beherzigt werden, macht es aber offizieller. Sie könnten die privatesten Stellen schwärzen. Oder verfügen, zusammen mit Ihren Tagebüchern bestattet zu werden. Oder Sie beauftragen eine Person Ihres Vertrauens damit, die Tagebücher nach Ihrem Tod ungelesen zu vernichten. Zwar haben solche Bitten nicht immer Erfolg (siehe Franz Kafka), aber man kann eben auch nicht alles kontrollieren, was nach dem eigenen Ableben passiert. Im schlimmsten Fall werden Sie vielleicht posthum weltberühmt. Und falls Sie das dann noch stört, wäre das doch eigentlich auch eine gute Nachricht.Johanna Adorján Illustration: Grafilu
Was passiert mit meinen Tagebüchern, wenn ich sterbe?
Mehr als 70 Tagebücher hat eine Leserin Zeit ihres Lebens geschrieben. Sie möchte nicht, dass ihre Kinder ihre intimsten Gedanken kennen - bringt es aber auch nicht übers Herz, diese zu schreddern. Was tun?






