Für die Abendplanung hatte der Montenegriner Nebojsa Simic genaue Vorstellungen. Mit angekratzter Stimme referierte der Torwart der MT Melsungen am Mikrofon des Streamingdienstes Dyn von seiner To-do-Liste, wirklich viele Punkte standen nicht darauf. Im Grunde nur, dass er ein Getränk zu sich nehmen werde. Und danach noch eins. Und noch eins. „Bei allem, was heute Abend passiert, gibt es eine gute Chance, dass ich mich morgen nicht erinnere“, sagte Simic. Er schloss mit den Worten: „Ich bin der Champion. Das war’s, Baby. Simic out.“Derlei Überschwang war dem Torhüter definitiv zuzugestehen, denn die Worte „Melsungen“ und „Champion“ hatten bislang selten zusammengepasst. Bis zum Sonntagabend, als die MT im deutschen Finale um den Titel der European League den favorisierten THW Kiel 24:23 bezwang und den ersten bedeutenden Titelgewinn der Vereinsgeschichte einheimste. Ein Pokal für Melsungen, nicht nur Platz zwei, drei oder vier. Das war zu viel für Simic. Er habe „neun Jahre gewartet, das mit Melsungen zu schaffen“, sagte der Torhüter, der bei den Hessen seit 2016 unter Vertrag steht. Jetzt sei er am Ende seiner Kräfte. Simic out.Jahrelang galt das 14 000-Einwohner-Städtchen Melsungen als kleines Überraschungsteam der Liga – freilich großzügig alimentiert von einem ortsansässigen und weltweit erfolgreichen Pharma- und Medizintechnikunternehmen. Oft vorn mit dabei, mal Tabellenführer, regelmäßiger Gast in den Final-Four-Turnieren um den deutschen Pokal und in der European League, dem kleineren europäischen Wettbewerb unterhalb der Champions League. Heraus kamen in all den Jahren trotz aller Bemühungen: null Titel. Bis zu diesem Wochenende in Hamburg: Als Außenseiter war Melsungen ins Final-Four-Turnier gestartet, dort bezwang der nordhessische Klub erst die SG Flensburg-Handewitt überraschend deutlich 37:30, im hart umkämpften Finale schließlich vor mehr als 12 000 Zuschauern den THW Kiel.Und die Verlierer? „Wir sind einfach leer und traurig“, sagt Kiels Trainer Filip JichaDas Endspiel entwickelte sich zu einer Abwehrschlacht, in der wenige Tore fielen, was insbesondere an Simic lag. Elf Paraden zeigte der Montenegriner im Finale; im Halbfinale gegen Flensburg waren es sogar 15 gewesen. Verdient wurde Simic als wertvollster Spieler des Wochenendes ausgezeichnet. „Der Schlusspfiff war der Wahnsinn“, sagte Timo Kastening, der Kapitän und deutsche Nationalspieler, seit 2020 im Verein: „Das war die pure Erlösung. Alle haben danach gelechzt.“Aus den unterlegenen Kielern hingegen brach tiefe Enttäuschung heraus. Sie hatten gehofft, eine missratene Saison (in der Liga liegt der THW auf den für ihn enttäuschenden Platz fünf) durch den Titel im kleinen Europapokal einigermaßen retten zu können. Nun ist auch dieses letzte Saisonziel verpasst. Er spüre „einen großen Schmerz“, sagte Trainer Filip Jicha, „wir sind einfach leer und traurig“. Im kommenden Jahr soll alles besser werden, einige wichtige Transfers haben die Kieler bereits getätigt, im Sommer kommen unter anderem Nationalspieler Julian Köster (aus Gummersbach) und der Slowene Domen Makuc (aus Barcelona) an die Förde. Trotzdem werden sich Trainer Jicha und Geschäftsführer Viktor Szilagyi unangenehmen Fragen stellen müssen.Ganz anders ist die Stimmungslage bei Melsungen. Er fühle „2000 Emotionen“ in sich, jubilierte Torhüter Simic, bevor er sich endgültig seiner To-do-Liste widmete. Wenn alles perfekt läuft, endet die Saison für Melsungen am Ende sogar mit einem Startplatz für die Champions League. Als Titelträger der European League ist der Klub dazu theoretisch berechtigt, wenn die maximale Anzahl deutscher Starter nicht bereits anderweitig ausgeschöpft ist. Klarheit wird diesbezüglich erst nach dem letzten Spieltag der Bundesliga (7. Juni) und dem Champions-League-Final-Four (13./14. Juni) herrschen.
Handball: Die MT Melsungen gewinnt überraschend den Europapokal
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