Wer in den vergangenen fünf Jahren in San Francisco oder Peking unterwegs war, der kennt schon, was am Montag auf der Technologiekonferenz GTC in Taipeh verkündet wurde. Für eine deutsche Großstadt wäre es aber eine große Sache – sollte alles klappen wie geplant. Der Fahrdienstvermittler Uber und das israelische KI-Unternehmen Autobrains starten ein gemeinsames Robotaxi-Programm in München. Das Projekt basiert technisch auf der Rechenplattform des Chip-Konzerns Nvidia.Wenn die Behörden grünes Licht geben, sollen Gäste mit Autos durch den Münchner Verkehr chauffiert werden, ohne dass ein Mensch am Steuer sitzt. Technologisch gesprochen handelt es sich um Fahrzeuge der Autonomie-Stufe 4. Das bedeutet, das Auto kann bestimmte Strecken völlig selbständig bewältigen.Dennoch ist das Einsatzgebiet zunächst begrenzt. Für München könnte das zum Beispiel bedeuten, dass die Robotaxis nur innerhalb des Mittleren Rings oder auf bestimmten Autobahnabschnitten fahren dürfen. Zu Beginn werden wohl auch die Uber-Fahrzeuge noch einen menschlichen Sicherheitsfahrer an Bord haben, wie es auch bei anderen Robotaxi-Projekten üblich ist. Der Weg zum echten Robotaxi dürfte also trotz der Ankündigung noch mindestens mehrere Monate, vielleicht sogar länger als ein Jahr dauern.Das amerikanisch-israelische Projekt ist nicht die erste Ankündigung dieser Art für München. Auf der Autoausstellung IAA im Herbst 2023 hatte Sixt gemeinsam mit Mobileye – ebenfalls ein Tech-Unternehmen aus Israel – Robotaxi-Pläne für die bayerische Landeshauptstadt präsentiert. Damals hieß es, schon 2024 sollten fahrerlose Autos Menschen durch München transportieren. Aus dem Vorhaben ist bis heute nichts geworden.In Deutschland testet die VW-Tochter Moia seit geraumer Zeit autonome Shuttles in Hamburg. Bisher sitzt auch in diesen noch ein Sicherheitsfahrer. Doch bereits in diesem Jahr will das Unternehmen ohne Aufpasser hinter dem Steuer auskommen. Der Fahrbetrieb soll aus der Ferne überwacht und im Notfall auch teilweise gesteuert werden können. Von der Realität in einigen amerikanischen oder chinesischen Städten, wo sich einfach per App ein Taxi ohne Fahrer bestellen lässt, ist Deutschland weiterhin noch entfernt.Das neue Projekt in München ist aus einem anderen Grund besonders: welche Autos am Ende als Robotaxi herhalten, spielt dort keine Rolle mehr. Der klassische Autohersteller liefert nur noch die Blechhülle, ausgestattet mit Standardsensoren, wie sie mittlerweile auch in jedem Privatauto verbaut sind. Bisherige Robotaxi-Dienste, wie etwa die Google-Tochter Waymo, setzen hingegen auf hochgradig individualisierte Fahrzeugflotten mit komplexen Sensoraufbauten auf dem Dach. Für diese Sonderanfertigungen gehen die Firmen gezielt Kooperationen mit einzelnen Autobauern ein. Autobrains will zudem seine Flotte nur über günstige Kameras steuern, nicht mit teurer Lidar-Sensoren, die viele in der Autobranche bisher für unabdingbar halten, damit die Robotaxis unter allen Bedingungen sicher unterwegs sind.Man könnte es so sehen: Autohersteller wie BMW, Mercedes oder VW haben dadurch die Möglichkeit, eigene Fahrzeuge ohne immensen Entwicklungsaufwand für Hardware und Software in ein autonomes Fahrdienste-Netzwerk einzubringen. Aber es gibt auch eine andere Sichtweise: Das Geld mit der zukünftigen Mobilität verdienen am Ende Betreiberfirmen wie Uber, Lyft oder chinesische Anbieter wie Baidu oder PonyAI. Die Hersteller der Fahrzeuge selbst sind austauschbar. Lediglich Tesla setzt darauf, sowohl Autohersteller als auch alleiniger Betreiber von eigenen Robotaxi-Flotten zu sein.Für Uber ist die Partnerschaft mit Autobrains nur eine von vielen rund um das autonome Fahren. In den USA lassen sich beispielsweise Robotaxis von Waymo über die Uber-App buchen. In einem Projekt mit VW sollen schon bald autonome VW-Busse in Los Angeles per App geordert werden können. Auch mit den US-Autobauern Lucid und Rivian unterhält der Fahrdienstvermittler eigene Kooperationen. Nicht nur die Automarken unterscheiden sich in diesen Projekten, sondern auch die Firmen, die die jeweilige Software zum autonomen Fahren liefern. Besonders spannend: sogar in München hat Uber bereits Robotaxi-Tests mit einer anderen Firma laufen: dem chinesischen Technologieunternehmen Momenta.„Agentic AI“ steuert durch MünchenDie neue Partnerschaft für München basiert auf einem anderen technologischen Ansatz. Herzstück ist bei Autobrains die sogenannte „Agentic AI“. Im Gegensatz zu herkömmlichen Ende-zu-Ende-KI-Modellen, die die gesamte Fahraufgabe als ein einziges großes System verarbeiten, zerlegt der Ansatz von Autobrains den Fahrvorgang in spezialisierte, eigenständige Software-Agenten. Ei KI-Agent ist ein Softwareprogramm, das komplett eigenständig plant, organisiert und ausführt, ohne dass ein Mensch jeden einzelnen Zwischenschritt vorgeben muss. Bei Autobrains bedeutet das: Ein KI-Agent bewertet Vorfahrtsregeln, ein anderer achtet auf die Fußgänger, andere Agenten sind für Aufgaben wie den Spurwechsel zuständig. Ein übergeordnetes System bewertet diese Dimensionen des Verkehrsgeschehens parallel und trifft in Echtzeit verbindliche Entscheidungen, wie sich das Auto in der jeweiligen Fahrsituation verhält.München dient dem Konsortium als Testlabor in Europa. Ausschlaggebend für die Standortwahl waren neben der dichten urbanen Infrastruktur und der Nähe zu führenden Automobilkonzernen vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland. Das deutsche Gesetz zum autonomen Fahren erlaubt den fahrerlosen Betrieb unter bestimmten Voraussetzungen in festgelegten Geschäftsbereichen. Dennoch fahren kommerzielle Robotaxi-Flotten bisher nur in Städten außerhalb Deutschlands – insbesondere in den USA und China.