PfadnavigationHomeGesundheitStatt TransplantationEin Pflaster mit frischem Gewebe gibt schwachen Herzen neue KraftStand: 07:37 UhrLesedauer: 5 MinutenNach einem Infarkt kann die Pumpleistung des Herzens stark nachlassenQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SEBASTIAN KAULITZKI/SCIENCE PHOTErstmals konnten Forscher in einer Studie zeigen, dass sich die Pumpleistung bei einer Herzinsuffiziens wieder verbessern lässt. Stammzellen machen es möglich.Herzschwäche gehört zu den häufigsten schweren Herzerkrankungen weltweit. In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Herzstiftung rund vier Millionen Menschen mit einer sogenannten Herzinsuffizienz. Häufig entsteht sie infolge eines Herzinfarkts: Wird Herzmuskelgewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, stirbt es ab. Der Körper ersetzt das abgestorbene Muskelgewebe durch Narbengewebe, das sich nicht zusammenziehen kann. Die Folge ist eine dauerhaft nachlassende Pumpkraft des Herzens.Zwar können moderne Medikamente den Krankheitsverlauf oft verlangsamen, zerstörte Herzmuskeln aber bislang nicht ersetzen. In schweren Fällen bleiben häufig nur eine Herztransplantation oder mechanische Herzunterstützungssysteme. Ein neuer Therapieansatz soll diese Lücke schließen: ein aus Stammzellen gezüchtetes Herzpflaster, das geschädigte Herzen stabilisieren und die Pumpfunktion verbessern soll. Untersucht wird das Verfahren in der klinischen Studie BioVAT-HF-DZHK20, die seit Anfang 2021 gemeinsam von der Universitätsmedizin Göttingen und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Universitäres Herzzentrum Lübeck, durchgeführt wird. Wissenschaftlich geleitet wird sie von Professor Wolfram-Hubertus Zimmermann, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie in Göttingen. Die Ergebnisse wurden nun im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.Nach Angaben der Forscher konnte erstmals in einer klinischen Studie gezeigt werden, dass im Labor gezüchtetes Herzmuskelgewebe geschädigte Herzen stabilisieren und sowohl die Pumpfunktion als auch Beschwerden bei Herzmuskelschwäche verbessern kann. Die Studie gilt als bislang umfangreichste klinische Untersuchung in diesem Bereich. Zugleich sehen die Forschenden darin die erste Studie dieses Forschungsfeldes, die einen statistisch gesicherten klinischen Nutzen bei behandelten Patienten zeigen konnte.Zerstörte Herzmuskelzellen ersetzen„Die heute verfügbaren Therapien können den Krankheitsverlauf oft verlangsamen, aber zerstörte Herzmuskeln nicht ersetzen“, sagt Zimmermann. Ziel sei es deshalb, neues, funktionierendes Herzmuskelgewebe herzustellen und damit das geschwächte Herz gezielt zu unterstützen.Lesen Sie auchFür ihren neuen Therapieansatz verwenden die Forscher sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen. Diese werden im Labor aus Blutzellen hergestellt und anschließend zu Herzmuskel- sowie Bindegewebszellen entwickelt. Gemeinsam mit Kollagen als natürlichem Gerüst entsteht daraus schlagendes Herzgewebe. Bis zu 20 solcher Gewebeeinheiten werden anschließend zu einem sogenannten Herzpflaster zusammengesetzt.Die Herstellung erfolgt unter kontrollierten Bedingungen in speziellen Reinräumen mit Unterstützung von Fachleuten des Göttinger Biotechnologieunternehmens Repairon, einer Ausgründung der Universitätsmedizin Göttingen. Implantiert wird das Pflaster über einen minimalinvasiven Zugang. Es wird auf die Außenseite des geschädigten Herzens genäht und soll dort eine neue, etwa drei bis vier Millimeter dicke Herzmuskelschicht bilden. Diese soll die geschwächte Herzwand stabilisieren und langfristig unterstützen.Lesen Sie auchIn der aktuellen Studie wurden insgesamt 20 Frauen und Männer mit schwerer Herzschwäche behandelt. Alle litten trotz umfassender medikamentöser und apparativer Standardtherapie unter stark eingeschränkter Herzfunktion. Ihre linksventrikuläre Auswurffraktion – also der Anteil des Blutes, den das Herz mit jedem Schlag aus der linken Herzkammer in den Körper pumpt – lag bei höchstens 35 Prozent.Zunächst untersuchten die Forscher, welche Höchstdosis des gezüchteten Herzmuskelgewebes sicher transplantiert werden kann. Als höchste sichere Dosis wurden rund 800 Millionen Herzzellen bestimmt. Anschließend wurde die Therapie bei weiteren Patientinnen und Patienten getestet.Die Auswertung der ersten 16 Personen, die diese Dosis erhalten hatten, zeigte drei Monate nach dem Eingriff eine Verdickung der geschädigten Herzwand. Zudem verbesserte sich die Pumpfunktion des Herzens, und die Patienten berichteten über eine bessere Lebensqualität. Auch in der mittlerweile mehr als vierjährigen Nachbeobachtung zeigten sich nach Angaben der Forschenden erste Hinweise auf eine anhaltende Verbesserung der Herzfunktion.Lesen Sie auchNoch handelt es sich um eine frühe klinische Studie mit begrenzter Patientenzahl. Die Daten müssen daher in größeren Untersuchungen bestätigt werden, bevor das Verfahren breiter eingesetzt werden kann. Dennoch bewerten die beteiligten Wissenschaftler die Ergebnisse als wichtigen Schritt. „Unsere Ergebnisse zeigen erstmals in einer größeren klinischen Studie, dass eine Wiederherstellung von Herzmuskelfunktion beim Menschen mit fortgeschrittener Herzmuskelschwäche grundsätzlich möglich ist“, sagt Zimmermann.Was ein solcher Ansatz für Betroffene bedeuten kann, zeigt der Fall von Steffen Eyring, der im Rahmen der Studie behandelt wurde. Im Juli 2020 erlitt er einen schweren Herzinfarkt und lag mehrere Tage im Koma. Nach einer Reha stabilisierte sich sein Zustand zunächst, doch die Herzleistung blieb dauerhaft stark eingeschränkt. Gemeinsam mit seiner Frau Ina versuchte er, den Alltag neu zu strukturieren: Das Ehepaar stellte die Ernährung um und begann, regelmäßig spazieren zu gehen.Doch der Zustand verschlechterte sich schleichend. „Anfangs haben wir 30 Minuten geschafft, dann brauchte er 40 Minuten für dieselbe Strecke – später noch mehr“, erzählt Ina Eyring. Ihr Mann musste immer wieder stehen bleiben und bekam schlecht Luft. Trotz Defibrillator und weiterer Therapien sank seine Pumpfunktion auf nur noch etwa 18 bis 20 Prozent. Ärzte empfahlen ihm ein mechanisches Herzunterstützungssystem. „Der Einsatz eines künstlichen Herzens erschien für mich aber nicht richtig“, sagt Eyring.Durch einen Fernsehbericht wurde das Ehepaar auf die Herzpflaster-Studie aufmerksam. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Eyring. „Wir haben den Bericht gesehen und sofort gedacht: Das könnte vielleicht meine Chance sein.“ Im Juni 2024 wurde er in Göttingen operiert. Seither hat sich seine Herzfunktion leicht verbessert und stabilisiert. „Er kann wieder am Alltag teilnehmen und hat heute wieder mehr gute als schlechte Tage“, sagt Ina Eyring.Für Patienten wie Steffen Eyring ist das Herzpflaster noch keine etablierte Standardtherapie. Es eröffnet aber eine Perspektive auf eine Behandlung, die nicht nur Symptome lindern, sondern geschädigtes Herzmuskelgewebe funktionell ersetzen soll. Entsprechende Folgestudien unter Beteiligung weiterer Zentren in Deutschland, Europa und den USA befinden sich bereits in Vorbereitung.dia