Nikol Paschinjan habe Krebs und nur noch Monate zu leben; ein Flugzeug sei aus Frankreich gekommen, um den armenischen Ministerpräsidenten und seine Familie zu evakuieren; ukrainische Oligarchen hätten ihm 20 Millionen Euro gegeben.Keine dieser Geschichten stimmt. Sie sind Fake News, stammen von dem prorussischen Social-Media-Bot-Netz „Matrjoschka“ und gehören zu einer Rekordwelle der Desinformation vor den Parlamentswahlen am 7. Juni in Armenien. Das Beispiel des südkaukasischen Landes zeigt, wie russische Einflussoperationen ablaufen, die auch auf andere Länder abzielen. So auf Deutschland.„Matrjoschka“ verbreitet seit 2023 insbesondere auf der Plattform X und mit dem Messenger Telegram gefälschte Kurzclips. Typischerweise imitieren sie Materialien bekannter Medien und Organisationen, legen Prominenten und Professoren nie getätigte Aussagen in den Mund, die mithilfe Künstlicher Intelligenz verfertigt werden. Bis Freitag haben die Aktivisten vom Projekt Antibot4Navalny, das einst im Kampf gegen Desinformation über den russischen Antikorruptionsaktivisten entstanden ist, schon 435 solcher Machwerke allein dieses Bot-Netzes gefunden, die auf den armenischen Wahlkampf abzielen, wie ein Vertreter der Gruppe der F.A.Z. mitteilt.Mehr Fakes als je zuvorDamit sind es bereits mehr als vor den Parlamentswahlen in der Republik Moldau Ende September vorigen Jahres, für die Antibot4Navalny 409 „Matrjoschka“-Clips dokumentiert hat. Und an jedem Arbeitstag kommen üblicherweise fünf bis zehn, bisweilen bis zu 20 hinzu. Außerdem begann die Armenien-Kampagne früher als andere: Im Juni vorigen Jahres wurde Paschinjan erstmals zum Ziel von „Matrjoschka“, am 7. Oktober und damit 243 Tage vor der Abstimmung starteten laut Antibot4Navalny die Fakes mit Bezug zur Wahl. In Moldau waren es nur 168 Tage Vorlauf gewesen.Die Aktivisten haben den Namen des Netzes nach der mehrschichtigen russischen Puppe gewählt, weil „Matrjoschkas“ Falschnachrichten auf verschiedenen Plattformen zirkulieren; ein Account veröffentlicht einen Clip, andere verbreiten ihn weiter. Die Bots sind auf vielen Feldern aktiv, versuchten jüngst etwa, den Europäern mit Fakes Angst vor einer Hantavirus-Epidemie zu machen. Der Vertreter von Antibot4Navalny erläutert, mit Blick auf Armenien werde stets Paschinjan diskreditiert, in den vergangenen Woche zudem dessen Partei „Zivilvertrag“.Reaktionen auf reale EreignisseBei „Matrjoschka“ ging es zu Beginn darum, Paschinjan vorzuwerfen, dass er korrupt sei, starke Beruhigungsmittel nehme oder den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs verschweige. Im Herbst wurde Paschinjan dann vorgeworfen, „Armeniens kulturellen Code zu zerstören“ und dem Land „nichttraditionelle Werte der Toleranz aufzuerlegen“. Hinzu kamen KI-generierte Bilder, die Paschinjan in erniedrigenden Posen vor dem aserbaidschanischen Machthaber Ilham Alijew und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zeigen. Seit Anfang März verbreiten die „Matrjoschka“-Bots Clips dazu, dass Paschinjan nach der Wahl einen Krieg mit Russland anzetteln werde, als Gegenleistung für Hilfen aus Frankreich.Das Bot-Netz reagiert auch auf reale Entwicklungen: In den Vereinigten Staaten riefen im April die demokratische Senatorin Jeanne Shaheen und ihr republikanischer Kollege Thom Tillis die IT-Konzerne Meta und Google in einem Brief dazu auf, mehr zu tun, um russische Desinformation vor den Parlamentswahlen in Armenien zu verhindern. Daraufhin veröffentlichten die „Matrjoschka“-Bots Clips, die zum Beispiel behaupteten, Shaheen und Tillis kauften mit Paschinjans Hilfe Land in Armenien auf.Am 11. Mai tauchte ein Clip auf, der Paschinjans Sprecherin in den Mund legte, es seien NATO-Ausbilder im Land, auch jetzt wieder mit der Aussage, der Regierungschef werde nach der Wahl „einen militärischen Konflikt mit Russland provozieren“.Paschinjan strebt ein friedliches Auskommen mit Armeniens Erzfeinden an: Er reicht Erdogan die Hand.APAntibot4Navalny hat gerade ein zusätzliches Bot-Netz enthüllt, das erst seit Mitte Februar für Paschinjans Gegner wirbt. Viele der Posts dieses Netzes sind zuerst auf Russisch, oft tauchen auch in englischen Texten russische Begriffe auf, was auf eine Übersetzung hindeute, wie der Vertreter der Gruppe erläutert. Hier erscheine Paschinjan ebenfalls negativ, zugleich würden aber verschiedene prorussische Oppositionspolitiker und -parteien gelobt.Außerdem arbeiten die Bots der dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordneten Gruppe „Storm-1516“ gegen den armenischen Regierungschef. Die Bezeichnung „Storm-1516“ hat einst das Bedrohungsanalysezentrum des Konzerns Microsoft gewählt. Antibot4Navalny hebt hervor, dass es sich bei „Matrjoschka“ und „Storm-1516“ um zwei getrennte Einflussoperationen handele, die zudem unterschiedliche „pseudojournalistische Genres“ imitierten. „Storm-1516“ mimt investigativen Journalismus, erfindet Whistleblower, Fachleute und Leaks, um kremltreue Botschaften zu verbreiten. Gemein ist den Fakes, dass sie reale Konflikte auskosten und vertiefen wollen. Dass sie die Logos von Medien und Rechercheprojekten wie Bellingcat missbrauchen, sät zudem Misstrauen.Hand in Hand mit innenpolitischen AkteurenDie Faktencheckerin Nane Manasjan von der armenischen Fact Investigation Plattform (FIP) hebt gegenüber der F.A.Z. hervor, dass zugleich die armenischen politischen Kräfte falsche und manipulative Narrative verbreiten, die zwar „um Diskussionen oder Fakten aus der echten Welt konstruiert sind“, aber „auf Angst und emotionalen Druck“ auf die Wähler setzten und daher als „verschwörungstheoretisch“ gälten.So verbreitet Paschinjans Lager, die Wähler sollten zwischen einem Frieden wählen, den die Regierungspartei garantiere, und einer „Partei des Krieges“, seinen Gegnern. Sollten diese gewinnen, könnten Hunderttausende Armenier gezwungen werden, in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zu kämpfen. Dieses Narrativ transportieren nach einer Recherche des armenischen Portals Hetq Dutzende Websites und Youtube-Kanäle.Paschinjans innenpolitische Gegner behaupten dagegen etwa, sollte der Regierungschef wiedergewählt werden, würden „sich etwa 300.000 Aserbaidschaner in Armenien ansiedeln“. Ihre Botschaften decken sich mit denen der Bots von „Storm-1516“, das schon länger etwa über X-Accounts und Fake-Medien-Websites Geschichten wie die verbreitet, Paschinjan wolle Teile Armeniens an Aserbaidschan oder die Türkei verkaufen. Also an eben die traditionellen Erzfeinde des Landes, mit denen Paschinjan jetzt ein friedliches Auskommen anstrebt. Gerade haben Bots von „Storm-1516“ die Falschnachricht verbreitet, Paschinjan plane gar, „600.000 Aserbaidschaner“ in Armenien anzusiedeln.Die Taktik bleibt gleich: Der Funktionär Sergej Kirijenko bei einem Treffen im Jahr 2025.EPAIm Kreml unterstehen Einflussoperationen im Ausland dem mächtigen Funktionär Sergej Kirijenko. Dass die Operation zur Wahlbeeinflussung in der Republik Moldau im vergangenen Jahr nicht erfolgreich war und sich proeuropäische Kräfte durchsetzten, führt offenkundig nicht dazu, dass sich die Taktik ändern würde. Nane Manasjan und ihre FIP-Kollegen berichteten vor Kurzem über ein Datenleck aus der Kirijenko zuarbeitenden Moskauer „Social Design Agency“ (SDA), die im vergangenen Jahr Paschinjan über eine französische Fake-Website eine Villa im französischen Marseille zuschrieb. Eine SDA-Auswertung hielt fest, insgesamt seien Materialien zu dem „Case“, der falschen Geschichte, gut 10,6 Millionen Mal aufgerufen worden, die Dementis hingegen nur knapp 1,1 Millionen Mal.Das könnte stimmen: Fake News werden typischerweise stärker aufgenommen als ihre Widerlegung. Faktenchecker konzentrieren sich daher meist darauf, nur solche Fakes zu enttarnen, die schon „viral“ gegangen sind, um unbekannte Falschnachrichten nicht noch zusätzlich zu verbreiten. Dabei erhalten sie selbst seit einiger Zeit zahlreiche E-Mails von unbekannten Adressen, die sie auffordern, Links mit russischsprachigen Inhalten zu „prüfen“. Vermutlich geht es den Absendern um Prämien für den Fall, dass etwas veröffentlicht wird, oder schlicht darum, die Faktenchecker zu beschäftigen.Prorussische Websites verbreiten Fake russischer PropagandistinIn der Verbreitung gefälschter Inhalte können sich überraschende Bündnisse bilden. Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Anfang Mai in Eriwan zum Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft empfangen wurde, veröffentlichte ein X-Account namens „Nasha Canada“ (Unser Kanada) einen Clip, in dem Margarita Simonjan, die Chefin des russischen Staatssenders RT, scheinbar Armenien Undankbarkeit vorwirft und „Maßnahmen“ ankündigt, die Putin oder ein Nachfolger gegen das Land ergreifen würden.Simonjan hetzt seit Langem gegen Paschinjan und die armenische Regierung. Doch wie die FIP-Faktenchecker herausfanden, war der Clip eine KI-Fälschung auf Grundlage einer im April veröffentlichten Sendung im russischen Sender NTV, in der Simonjan über persönliche Themen spricht. Rasch fand die vorgebliche Aussage einen Weg von dem russischsprachigen, aber proukrainische und kremlkritische Inhalte verbreitenden X-Account auf aserbaidschanische und armenische Portale.Letztere, Yerevan Today und 5TV, gelten laut Nane Manasjan von FIP weithin als eng mit dem von Putin geschätzten, früheren Präsidenten Robert Kotscharjan verbunden. Laut Manasjan werden sie „von Personen aus seinem engsten Umfeld finanziert und sind in Armenien als Quellen für Desinformation und politische Propaganda mit prorussischen Meinungen bekannt“. Als der Clip als Fälschung entlarvt war, löschten Medien die Meldung; auch die F.A.Z. musste eine Korrektur veröffentlichen.Für „Matrjoschkas“ Kampagne zur Beeinflussung der jüngsten Bundestagswahl fand Antibot4Navalny noch vergleichsweise wenige Inhalte der Bots: 97. Darunter waren kurz vor der Wahl im Februar vorigen Jahres Fake-Clips, in denen Hochschullehrer aus Kanada, Frankreich und Großbritannien scheinbar dazu aufriefen, die AfD zu wählen. Jetzt legt der armenische Desinformationsrekord den Schluss nahe, dass diese Zahlen steigen dürften, bei konstanter Präferenz Putins: Auch aus dem Leak der Moskauer SDA wird klar, dass der Kreml auf die AfD setzt, um die öffentliche Meinung in Deutschland zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
Armenien: Wie Putin mit Bots Wahlen beeinflussen will
Prorussische Bot-Netze wie „Matrjoschka“ überschwemmen Armeniens Wahlkampf mit KI-Fälschungen. Auch Deutschland ist ihr Ziel.












