Rund um Mailand werden viele neue Rechenzentren gebaut. Aktivisten schlagen Alarm. Politiker halten sich zurück. Wie stark die neuen Anlagen Umwelt und Wasserressourcen belasten, weiss jedoch niemand genau. Verlässliche Daten fehlen — und das für ganz Europa. Eine «NZZ Pro»-Serie.01.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenMailand steht für Mode und Aperol Spritz, für den Dom und die Scala. Doch schon wenige Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums beginnt eine andere Welt. Dort reihen sich Lagerhallen, Fabriken und Gewerbezonen aneinander, oft direkt neben Ackerflächen. Stahl und Beton prägen die Landschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Lombardei zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Industrieregionen Europas. Doch wo früher Maschinen gebaut wurden, wächst eine neue Industrielandschaft heran, gebaut für Daten. In Mailand und seiner Umgebung ballen sich die Rechenzentren geradezu, mit noch unabsehbaren Folgen für Land und Leute.In den betroffenen Gemeinden brodelt es jedoch schon. Anwohner sorgen sich um die Auswirkungen vor Ort — Wasserverbrauch und Wärmebelastung, Lärm, Luft- und Umweltverschmutzung.«Der springende Punkt ist doch, dass Rechenzentren hier etwas Neues sind. Niemand weiss, welche Folgen es hat, wenn hier ein Rechenzentrum entsteht — nicht einmal die öffentliche Verwaltung», sagt Paolo Micheli, ein Politiker der ehemaligen Regierungspartei PD. Er war bis zu den Wahlen Ende Mai Bürgermeister von Segrate, einer Gemeinde nahe dem Stadtflughafen Linate. Dort baut der amerikanische Konzern Cyrus One sein erstes KI-Rechenzentrum in Italien. Die Bauarbeiten für die mittelgrosse Anlage begannen Mitte März auf einem ehemaligen Industrieareal. Die Investition übersteigt 200 Millionen Dollar.Segrate gilt als Vorzeigeprojekt des Rechenzentrumausbaus in der Mailänder Region. Micheli hat oft mit Kollegen anderer Gemeinden gesprochen. Viele von ihnen hätten Probleme, sagt er. Anwohner sind besorgt und organisieren sich in Protest- und Umweltinitiativen. Sie befürchten, dass die Bauprojekte zwar Umweltprobleme, aber kaum wirtschaftlichen Mehrwert bringen werden.Cyrus One gibt sich als Unternehmen, das seiner Verantwortung für die Gemeinde gerecht wird. Darum schafft es in Segrate einen neuen Park, das Land dafür wurde schon gekauft. Das Unternehmen finanziert auch Strassenbauarbeiten, es wird Solarpanels auf Schulhausdächern installieren und Solar- und Windenergie beziehen, um das Rechenzentrum zu betreiben.Aber Micheli hat diese Pläne auch als Erfolg für seine Gemeinde verbucht und als das Ergebnis harter Verhandlungen seiner Stadtverwaltung. Die Wärme, die das Rechenzentrum produzieren wird, soll zum Heizen der Gemeinde genutzt werden. Die Infrastruktur dafür muss jedoch noch gebaut werden. Ein Rechenzentrum läuft in der Regel rund zwanzig Jahre. Micheli sagt, der Plan für die Wärmenutzung sei entsprechend langfristig.Aber nicht alle Bewohner sind überzeugt. «Die Anwohner machen sich grosse Sorgen um die Emissionen durch den Stromverbrauch, um Lärm und um Wasser», sagt er. Micheli hält diese teilweise für überraschend, gar unbegründet.Das hat nicht immer mit konkreten Vorfällen zu tun, sondern eher mit den Entwicklungen in den USA. So habe ein Video der amerikanischen Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez zu möglichen schädlichen Folgen für die Wasserqualität kürzlich für Aufmerksamkeit gesorgt — und Fragen an Micheli provoziert. @nbcnews During a House hearing, Rep. Alexandria Ocasio-Cortez showed jars of murky drinking water taken from Morgan County, Georgia, where new data centers were constructed. ♬ original sound - nbcnews - nbcnews Wo immer Rechenzentren entstehen, machen sich die Einwohner Sorgen wegen des Wasserverbrauchs – und darauf müssen sich Lokalpolitiker einstellen. «Vor einem Monat hat noch niemand über Wasser gesprochen, jüngst bekam ich Briefe von Anwohnern, die wissen wollten, welche Wasserprobleme das Rechenzentrum verursachen könnte», sagt Micheli. Als die Bauarbeiten in Segrate angefangen haben, hat er das zunehmend wahrgenommen.Das gilt auch für Mailand, das dank der Nähe zu den Alpen eigentlich sehr gut mit Wasser versorgt ist.«Vor einem Monat hat noch niemand über Wasser gesprochen, jüngst habe ich Briefe von Anwohnern bekommen, die wissen wollten, welche Wasserprobleme das Rechenzentrum verursachen könnte.»Viele Fragen, keine AntwortenForscher und Umweltaktivisten in Mailand beobachten den Bauboom mit Sorge. Aber mit Daten belegen können sie ihren Argwohn momentan nicht.«Wir haben keine Daten», sagt Cristiana Mattioli. Sie ist eine Forscherin am Politecnico, der technischen Universität in Mailand.«Das Thema Wasser ist von entscheidender Bedeutung, lässt sich jedoch aufgrund des Mangels an öffentlich zugänglichen Daten nur sehr schwer überwachen.»In der Region Mailand bringen Hitze und Trockenheit die Menschen, die Industrie und die Infrastruktur immer wieder an ihre Belastungsgrenze. Jetzt kommen die Rechenzentren als neue Wasserverbraucher dazu. «Mailand ist eine Region mit reichhaltigen Grundwasservorkommen, doch bereits vor zwei Jahren hatten wir infolge eines regenarmen Winters Probleme mit Wasserknappheit», sagt Eugenio Morello. Er leitet das Forschungsprojekt am Politecnico.Auch Morello beobachtet, dass Wasser zunehmend zu einem Anliegen in der Bevölkerung wird. Techunternehmen sind sich des wachsenden Argwohns bewusst und haben ihre Kommunikationsstrategien entsprechend angepasst.Wasser spielte jahrelang kaum eine Rolle. Jetzt unterstreichen Microsoft, Google, Amazon, Oracle, und viele andere Betreiber von Rechenzentren regelmässig, dass sie mithilfe verbesserter Technologie weniger Wasser verbrauchen würden. Schon 2022 verkündeten viele dieser Unternehmen im Rahmen einer freiwilligen EU-Initiative neue Ziele bis zum Jahr 2040. In vielen Regionen würde die Wasserknappheit zunehmen, schrieben die Unternehmen zu dem Zeitpunkt. Das mache es «unerlässlich, dass die Rechenzentrenbranche Massnahmen ergreift, um ihren Wasserverbrauch zu senken».Das hängt derweil stark von Standort, Klima und der Kühltechnologie ab. Rechenzentren werden extrem heiss, vor allem im KI-Zeitalter. Denn die dafür benötigten Chips heizen sich stärker auf als herkömmliche Prozessoren. Um sie zu kühlen, nutzen Betreiber unterschiedliche Technologien, die sich wiederum auf den Wasserverbrauch auswirken.Heisse Rechenzentren müssen gekühlt werdenIn manchen Rechenzentren funktioniert die Kühlung ähnlich wie überdimensionierte Klimaanlagen und benötigt vergleichsweise wenig Wasser, aber dafür sehr viel Strom. Zunehmend kühlen Betreiber ihre Anlagen jedoch durch Verdunstung und Wasser. In älteren Anlagen wurden dafür oft Kühltürme gebaut. Das Wasser wurde einfach als Dampf in die Umgebung abgelassen, was sehr viel Wasser verbraucht hat. Zunehmend werden aber sogenannte Closed-Loop-Systeme genutzt, die das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf wiederverwenden.Die Technologie entwickelt sich immer weiter. Heute zielt die Kühlung vor allem darauf ab, die erhitzten Oberflächen der Server zu kühlen. Diese technischen Anpassungen und Innovationen, sagen Unternehmen wie Microsoft, reduzierten den Verbrauch erheblich.Nur nachprüfen könne man das nicht, so Morello. Dabei liege es im Interesse der Betreiber, «Zahlen vorzulegen und das Vertrauen der Menschen in die Infrastruktur zu gewinnen».Es ist eine Sorge, die grosse Teile Europas umtreibt.In Berichten der EU-Kommission lässt sich klar erkennen, wie dürftig die Datenlage ist. Obwohl Betreiber gemäss EU-Regeln eigentlich ihren Wasser-, Emissions- und Energiefussabdruck offenlegen müssen, hat die EU-Kommission für das Jahr 2024 von nur 36 Prozent der Anlagen die benötigten Informationen erhalten.Menschenleer, dafür gekühlt und belüftet: ein Serverraum in einem Rechenzentrum der Green Datacenter AG im Kanton Aargau im Jahr 2018.Christian Beutler / KeystoneIn Brüssel zielt die EU-Kommission jetzt darauf ab, den geplanten Ausbau der KI-Infrastruktur so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Beamte tüfteln dort gerade an einem Bewertungssystem, mit dem die Nachhaltigkeit der Rechenzentren bewertet werden soll, unter anderem, was den Wasserverbrauch angeht. So soll von vornherein vermieden werden, dass das Wachstum der Branche zu einem umwelt- und gesellschaftspolitischen GAU wird. Denn der ohnehin grosse Wasserverbrauch der KI-Industrie wird in den kommenden Jahren noch grösser werden.Je mehr Menschen KI nutzen, desto mehr Rechenleistung, Strom und Kühlung werden benötigt. Die Internationale Energieagentur schätzt den weltweiten Wasserverbrauch von Rechenzentren derzeit auf etwa 560 Milliarden Liter pro Jahr. Bis 2030 könnte dieser auf etwa 1200 Milliarden Liter pro Jahr ansteigen. Zum Vergleich: Die Stadt Zürich verbraucht jährlich etwa 42 Milliarden Liter Trinkwasser.Für Gemeinden sind diese Zahlen jedoch weitaus weniger relevant. Für Anwohner geht es vor allem darum, wie viel eine einzelne Anlage verbraucht. In den USA konsumiert ein Hyperscale-Rechenzentrum, also ein riesiges 100-Megawatt-Projekt, laut IEA im Durchschnitt insgesamt rund 2 Millionen Liter pro Tag. Das entspricht etwa 6500 Haushalten.Lokale Probleme brauchen Lösungen vor OrtZwar verbrauchen Landwirtschaft und Industrie deutlich mehr Wasser als Rechenzentren. Darauf weist auch die Branche regelmässig hin. Doch die KI-Anlagen sind trotzdem ein Problem. Denn es kommt nicht auf den absoluten Verbrauch aller Rechenzentren an, sondern darauf, wie sie sich lokal auswirken.Entscheidend für die lokale Belastung seien die heissesten Tage des Jahres, sagt Shaolei Ren von der University of California in Riverside. Nur dann benötigen viele Anlagen Wasser zur Kühlung. Vor allem in Europa, wo es kühler ist, nutzen Rechenzentren Wasser nicht das ganze Jahr über.Dann aber können Rechenzentren zunehmend mit Haushalten, Landwirtschaft und Industrie um dieselben Wasserressourcen konkurrieren. Davor warnt auch die Europäische Umweltagentur. In Spanien beispielsweise hat Amazon seine Erwartungen bezüglich des Wasserverbrauchs eines riesigen Rechenzentrums in der landwirtschaftlichen Hochburg Aragonien laut Medienberichten um fast 50 Prozent nach oben geschraubt. Der Grund sei der erhöhte Wasser- und Kühlbedarf wegen der Hitze.Das amerikanische Techunternehmen sieht trotzdem zusätzliche Investitionen von rund 34 Millionen Euro in die Region vor. Im März verkündete es die Geschäftspläne inklusive Investitionen in die Stärkung der lokalen Wasserinfrastruktur. Damit soll vor allem der Bedarf der Landwirtschaft gesichert werden.Ein Blick in das Innere eines Microsoft-Rechenzentrums in Wisconsin.Audrey Richardson / ReutersNoch ist unklar, ob die lokalen Wasserleitungen die zusätzliche Belastung durch den Rechenzentren-Boom überhaupt aushalten können. «Das ist weniger eine Frage der Nachhaltigkeit als eine Frage der Infrastruktur», sagt der amerikanische Forscher Ren. Das Problem dabei: Der Ausbau der Wasserinfrastruktur nimmt sehr viel mehr Jahre in Anspruch als der Bau eines Rechenzentrums.Das Dilemma zeigt sich in den USA. Ren schrieb in einer neulich publizierten Studie, dass — Stand heute — der Wasserbedarf von Rechenzentren nicht gedeckt werden könne. Viele der Gemeinden hätten keine zusätzlichen Wasserkapazitäten zur Verfügung, um die riesigen Anlagen zu bedienen.In den USA wird der Wasserverbrauch von Republikanern und Demokraten ähnlich kritisch gesehen, es ist eines der wenigen politischen Themen, das Politiker zunehmend vereint. In Washington wird schon über steuerliche Anreize für Anlagen diskutiert, die Wasser wiederverwenden. In Europa werden solche Diskussionen wohl auch bald in den Parlamenten Einzug halten.«Auch wenn sich die Effizienz der Wassernutzung dramatisch verbessert, dürfte der gesamte Wasserbedarf durch den raschen Ausbau der Infrastruktur weiter steigen», sagt David Atienza Alonso von der Technischen Hochschule EPFL in Lausanne. Der Ressourcendruck werde in Regionen, die bereits unter Wasserstress litten, entsprechend zunehmen.Wasser wird so zum immer wichtigeren Standortfaktor, mit Folgen für die betroffenen Regionen und die Brüsseler Ausbauziele. Eine Antwort darauf wird sicherlich die Einführung neuer und strengerer Regeln für die Wassernutzung sein. Aber auch EU-Beamte können eine physische Realität nicht aus der Welt regulieren. Wasser ist für die KI-Industrie längst zu einem Politikum geworden. Der Konflikt dürfte sich künftig weiter zuspitzen.Mitarbeit: Martin Berz (Bildredaktion)Quellen: Data Center Map, Internationale Energieagentur, European Environment Agency, European Commission, Politecnico di MilanoBildkolorierung: NZZPassend zum Artikel