Die Fußballwelt ist klein, jeder kennt jeden, fast jeder hat mal mit fast jedem zu tun gehabt. Oder sogar zusammengearbeitet. Wie eng die Branchenverbindungen sind, wurde in den vergangenen Tagen im nun durchgehend zweitklassigen Bundesland Niedersachsen aufgezeigt. Den Anfang machte Hannover 96, das am letzten Spieltag die Teilnahme an der Aufstiegsrelegation verpasst hatte, als der Klub am Donnerstag verkündete, dass Jonas Boldt neuer Sport-Geschäftsführer wird. Seit Samstag ist zudem Dieter Heckings Jobwechsel beim VfL Wolfsburg offiziell. Der Trainer Hecking war zu Beginn der Woche mit dem Werksklub noch in der Relegation in die Zweitklassigkeit gestürzt, jetzt wurde seine Beförderung zum Sport-Geschäftsführer verkündet. So schnell kann’s gehen, wenn im VW-Konzern wichtige Planstellen besetzt werden müssen.Ach ja, Boldt und Hecking, da war ja was! Als Duo versuchten sich die beiden einst vergeblich daran, den Nordkonkurrenten Hamburger SV ins Oberhaus zu hieven, eine Mission, die in der Saison 2019/20 unter anderem wegen eines sagenhaften 1:5 am letzten Spieltag gegen Sandhausen scheiterte. Boldt war damals Sportchef beim HSV, Hecking Trainer. Jetzt sollen sie in jeweils ähnlichen Rollen bewerkstelligen, was ihnen als Klubverantwortliche bislang nie gelungen ist: Hannover will im achten Anlauf endlich zurück ins Oberhaus, in Wolfsburg soll die jüngste Bruchlandung mit dem direkten Wiederaufstieg gekontert werden. Die Ausgangsbedingungen sind an beiden Standorten auf jeweils unterschiedliche Art günstig. Beide Jobs werden aber auch aus jeweils unterschiedlichen Gründen kompliziert.Oliver Glasner bei Crystal Palace:Er kam, schimpfte und siegteOliver Glasner bescherte Crystal Palace die ersten Titel der Klubgeschichte und verabschiedet sich mit der Conference-League-Trophäe. Nun könnte sich der Trainer einen Klub suchen, der besser zu seinen Ambitionen passt.Beginnen wir in Hannover, wo Boldt spannenderweise auf den Sportdirektor Ralf Becker trifft, seinen damaligen Vorgänger als Sportchef des HSV. Und wo er zudem die Nachfolge des im März demissionierten Jörg Schmadtke antritt – ein arrivierter Manager, der vor zwei Jahren in Hamburg sowohl als Nachfolger Boldts sowie als starker Mann neben Boldt im Gespräch gewesen war. Jener Schmadtke jedenfalls hat seinen Job in Hannover zu Beginn des Jahres wutschnaubend hingeworfen nach nur 81 Tagen, Trennungsgrund war dem Vernehmen nach eine unterschiedliche Vorstellung bei der Etatplanung. Schmadtke spekulierte im Aufstiegsfall auf deutlich mehr Budget, als der starke Mann bei 96, der Gesellschafter Martin Kind, zur Verfügung stellen wollte. Boldt und Kind haben sich jetzt auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geeinigt; in der zweiten Liga geht Hannover mal wieder mit einem aufstiegstauglichen Etat an den Start. Boldt ließ im Klubkommuniqué bereits ausrichten, er könne es kaum abwarten, mit Sportdirektor Becker und dem zuletzt am Aufstieg gescheiterten Trainer Christian Titz bei Hannover 96 „die sportliche Zukunft zu gestalten“. Eine umfassende, Kosten treibende Umwälzung des Organigramms ist somit nicht geplant.Der Zwei-Meter-Manager Boldt soll den „kleinen“ HSV aus Hannover also zum Aufstieg führen, gelernt, wie es nicht klappt, hat er beim „großen“ HSV in Hamburg. Doch Boldt weiß: Bei einem Klub mit den Ansprüchen von 96 ist ein aktiver Ballbesitzfußball hilfreich, ein Ansatz, dem sich Coach Titz ohnehin intrinsisch verbunden fühlt. Es braucht aber zudem Ergebniseffizienz und Widerstandskraft, wenn es mal nicht so läuft – also genau jene Kompetenzen, die Titz’ 96er zuletzt in der entscheidenden Saisonphase nicht hatten abrufen können. Boldt dagegen hat sich durchaus in der Kunst des Krisenmanagements profilieren können: In Hamburg hatte er verschiedene Fraktionen hinter sich versammelt, die Medien hatte er gut im Griff, der vereinsinterne Finanzsektor wurde seriös geführt. So richteten seine fünf Nichtaufstiege mit dem HSV keinen allzu schlimmen Imageschaden an. Aber Boldt weiß auch: Gar so lange sollte er sich mit dem Aufstieg in Hannover besser nicht Zeit lassen.Mit Großmannssucht soll’s in der Autostadt (vorerst) vorbei sein.Noch konsequenter ist die Maßgabe von Volkswagen, dem Mutterkonzern des VfL Wolfsburg. Sie lautet: Aufsteigen, und zwar sofort! Was die jüngsten Fehlentwicklungen in der Autostadt geradezu perfekt illustriert. In die Vorsaison, die mit dem erstmaligen Abstieg der Klubgeschichte endete, war der Werksklub mit dem Vorhaben gestartet, endlich wieder in den Europapokal einzuziehen. Lange her. Dass der Abstiegscoach Hecking nun de facto befördert wurde, mutet auf den ersten Blick kurios an, auf den zweiten lassen sich hierfür Argumente finden: Der Routinier konnte den turbulenten Standort zuletzt zumindest etwas befrieden, er hat eine emotionale Verbindung zum VfL, zudem hat er zuletzt eine innige Binnenbeziehung zum Aufsichtsrat Diego Benaglio und Sportdirektor Pirmin Schwegler aufgebaut. Und: Hecking kennt sich nach seinen Engagements in Nürnberg und Bochum in der zweiten Liga aus – das war den VfL-Gremien dem Vernehmen nach wichtig, mit Großmannssucht soll’s in der Autostadt (vorerst) vorbei sein.Gibt es zwischen Dieter Hecking und Alexander Blessin ein Wiedersehen in neuer Funktion? Blessin gilt als heißer Trainerkandidat beim VfL Wolfsburg. Oliver Ruhnke/ImagoAuf den Sportchef wartet jedenfalls eine Heidenarbeit: Ein neuer, aufstiegsfähiger Kader muss gebaut werden – wenngleich Hecking wenigstens nicht in die Verlegenheit kommt, jetzt zahlreiche Leistungsträger ersetzen zu müssen. Leistungsträger im Wortsinn hat es in der vergangenen Abstiegssaison ohnehin kaum gegeben. Die neue Mannschaft soll Charakter und Identität haben, zugleich soll sie einen Fußball spielen, der dem angeblichen Kaderetat von mehr als 50 Millionen Euro gerecht wird – deutlich mehr Geld, als sich die Zweitligakonkurrenz überhaupt erträumen könnte.Und, keine Kleinigkeit: Da Hecking nun Wolfsburger Sportchef ist, wird er jetzt sehr direkt an der Suche seines Nachfolgers für den Trainerjob beteiligt sein. Als heißer Kandidat gilt seit Längerem Alexander Blessin vom Mitabsteiger FC St. Pauli. Zudem soll es am Freitag eine Unterredung mit Holstein Kiels Trainer Tim Walter gegeben haben, der aber lieber eilig seinen Vertrag in Kiel verlängerte, anstatt in Wolfsburg anzuheuern. Jener Walter – und so schließt sich der Kreis – coachte unter dem Sportchef Boldt einst den HSV. In der nächsten Zweitligasaison kämpft jetzt jeder für sich. Aufmerksam beobachten wird das alles der in der Nähe von Hannover verwurzelte Manager Schmadtke – der bislang letzte Sportchef übrigens, der mit dem VfL Wolfsburg Erfolg hatte.