Eine israelische Evakuierungsanordnung vom Sonntagmorgen illustrierte, wie stark der Waffengang mit der Hizbullah sich wieder ausgeweitet hat. Anders als in den vergangenen Tagen beschränkte die Mitteilung des Militärs sich nicht auf einzelne Orte im Grenzgebiet: Sie erklärte weite Teile Südlibanons zur Kampfzone und wies die Bevölkerung an, zu fliehen. Bis zum Zahrani-Fluss, der etwa 40 Kilometer nördlich der Grenzlinie verläuft, sollten die Libanesen sich vor israelischen Luftangriffen in Sicherheit bringen.Nicht nur dieser Fluchtbefehl machte klar, dass der vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump Mitte April ausgerufene Waffenstillstand inzwischen Makulatur ist. Allein am Samstag wurden laut libanesischen Angaben 16 Menschen durch israelische Angriffe getötet. Am Boden rücken israelische Truppen immer weiter nach Norden vor. Inzwischen haben sie den Litani überquert und mehrere neue Brücken über den Fluss errichtet.Am Sonntagmorgen eroberten sie die Beaufort-Kreuzfahrerburg, strategisch gelegen wenige Kilometer nordwestlich von Metula, Israels nördlichstem Ort. In Medien wurden Bilder verbreitet, auf denen die israelische Flagge über der historischen Festung zu sehen war, die auf einem steil abfallenden Bergkamm thront.Der erste Versuch der Eroberung schlug fehlDie Einnahme von Beaufort hat eine historische und eine strategische Dimension. Im Jahr 1982 hatte die israelische Armee die Kreuzfahrerburg schon einmal erobert – damals aus der Hand palästinensischer PLO-Kämpfer. Sie wurde mit Bunkeranlagen, Betonwällen und Maschinengewehrnestern befestigt. 2000 zog die Armee sich aus Südlibanon zurück.Dass die Armee jetzt wieder nach Beaufort vorgedrungen ist, wurde im Land als wichtiger militärischer Erfolg bejubelt. Ein erster Versuch vor zwei Monaten war fehlgeschlagen. Laut offiziellen Angaben waren mehrere Brigaden sowie die Luftwaffe an der jetzigen, groß angelegten Aktion beteiligt. In deren Verlauf kam es demnach zu mehreren Feuergefechten und einem Überraschungsmanöver: Die Truppen erklommen den Bergkamm anders als in der Vergangenheit von Westen, nicht von Osten.Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von einer „dramatischen Wende“. Die Armee solle die Kontrolle über die eroberten Gebiete „festigen und ausweiten“, sagte er in einer Videobotschaft. Israels Verteidigungsminister Israel Katz pries nach der Eroberung die „heldenhaften Soldaten“ und kündigte an, sie würden „als Teil der Sicherheitszone in Libanon“ in der Festung verbleiben.Die Einnahme des auf etwa 700 Metern gelegenen Beaufort-Kamms gibt der Armee die strategische Kontrolle über das umliegende Gebiet und erschwert es der Hizbullah, Nachschub in den Süden Libanons zu bringen. Ob die militärische Präsenz in der Gegend als Basis für weitere Vorstöße nach Norden oder Osten dienen kann, ist aber offen. Die Berglandschaft in Südlibanon ist ein schwieriges Terrain für vorrückende Truppen. Panzer müssten sich auf steilen Zickzack-Pfaden exponieren. Hinter mancher Anhöhe, die gesichert wird, liegt schon die nächste, die eine neue Bedrohung bergen kann.Die israelische Flagge weht mit der Flagge der Golani-Brigade über der Burg Beaufort im Süden LibanonsdpaFrankreich beantragte indes wegen der israelischen Vorstöße eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Außenminister Jean-Noël Barrot sagte am Sonntag im Fernsehsender BFMTV, dass Frankreich Israels Recht auf Selbstverteidigung anerkenne, dass aber nichts die „immer weiter voranschreitende Besetzung libanesischen Territoriums“ rechtfertigen könne.Politik der „verbrannten Erde“Unmittelbar geht es für das israelische Militär vor allem darum, die Bedrohung für die eigene Bevölkerung in grenznahen Gebieten zu verringern. Denn so wie die Armee ihre Vorstöße ausweitet, so hat auch die Hizbullah ihre Angriffe verstärkt. Neben kleinen, mit Sprengstoff beladenen Drohnen setzt sie auch wieder vermehrt auf Raketen. Im Norden Israels wurde am Wochenende mehrmals Alarm ausgelöst. Die Hizbullah will offenbar klarmachen, dass auch sie an der Eskalationsschraube drehen kann und dass der Konflikt sich nicht einseitig militärisch lösen lasse.Auf dem Verhandlungsweg gibt es aber keine Fortschritte. Die Hizbullah ist nicht an der Vereinbarung beteiligt, die Trump im April zwischen Israel und Libanon vermittelt hat. Am Freitag trafen sich Militärvertreter beider Länder zu einer stundenlangen Sitzung, die laut Angaben aus diplomatischen Quellen allerdings keine konkreten Ergebnisse brachte. Libanon dringt auf eine belastbare Waffenruhe, Israel sperrt sich dagegen. Die Kernforderung aus Jerusalem, die Entwaffnung der von Iran gelenkten Hizbullah, würde die libanesische Regierung zwar gerne erfüllen, sie kann sie aber derzeit nicht durchsetzen.Libanons Ministerpräsident Nawaf Salam warf Israel in einer Fernsehansprache am Samstag vor, eine Politik der „verbrannten Erde“ zu verfolgen. Er kritisierte die „kollektive Bestrafung“ der Bevölkerung. Salam beteuerte zugleich, direkte Verhandlungen mit dem Nachbarland seien der einzige Ausweg aus der zerstörerischen Konfrontation. Ali Fayad, ein Vertreter der Hizbullah im libanesischen Parlament, sagte dagegen am Sonntag, die Gespräche in Washington seien ein Beweis für das „Scheitern“ der Strategie, auf direkte Verhandlungen zu setzen. In wenigen Tagen sind neue politische Gespräche geplant.