Schon als Teenie war er «El Presidente» – Gavin Newsom will hoch hinausDass der kalifornische Demokrat fürs Präsidentschaftsamt kandidieren wird, gilt als wahrscheinlich. In seinen neuen Memoiren enthüllt er, wer er angeblich wirklich ist.31.05.2026, 15.20 Uhr7 LeseminutenGanz ohne Maske? Gavin Newsom zeigt sich in seiner neuen Autobiografie von der persönlichen Seite.Tayfun Coskun / ImagoNiemand behauptet, Gavin Newsom sehe nicht gut aus. Der hochgewachsene Kalifornier könnte ein Hollywood-Star sein, hätte er sein Leben nicht der Politik gewidmet. Er setzt sein Pepsodent-Lächeln als Allzweckwaffe ein, wie viele Amerikaner, die in der Öffentlichkeit stehen: perfekt spontan und doch kontrolliert. Sein Auftritt ist makellos: Die Anzüge sitzen, die Krawatte ist korrekt geknüpft, die Haare stets zurückgekämmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon als Teenie machte Newsom sich fein. Er ahmte sein Idol Remington Steele nach, den Detektiv einer gleichnamigen Serie, gespielt vom späteren James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan. Auf dem Schulhof nannte man Newsom wegen seines geschniegelten Äusseren «El Presidente». In seiner kürzlich erschienenen Autobiografie «Mein Leben für die Demokratie» analysiert der 59-Jährige sich selbst: «Ich glaube nicht, dass ich Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte, denn ich war immer noch introvertiert.» Doch Newsom bleibt den Lesern die Antwort schuldig, warum er – ein Schüler im linken San Francisco der achtziger Jahre – die doch auffallend formelle Kleidung wählte.Steile Karriere mit Vitamin BManche sagen Newsom nach, er habe schon damals davon geträumt, einmal Präsident der USA zu werden. Seine Karriere vom jungen, erfolgreichen kalifornischen Gastronomieunternehmer bis zum Gouverneur des bevölkerungsreichsten Gliedstaats der USA verlief steil und scheinbar mühelos. Besonders am Anfang seiner Laufbahn profitierte er von seinem prominenten Netzwerk.1997 wurde er von Bürgermeister Willie Brown in den elfköpfigen Aufsichtsrat von San Francisco berufen, einem Freund seines Vaters. Dieser wiederum war der Anwalt und Finanzberater des Ölmilliardärs Gordon Getty, mit dessen Söhnen Newsom eng privat und geschäftlich verbunden war. Sechs Jahre später wurde der 35-Jährige zum Bürgermeister gewählt, dann zweimal zum Vizegouverneur und 2018 zum Gouverneur von Kalifornien.Seit rund dreissig Jahren bekleidet Newsom ohne Unterbruch politische Ämter. Newsom gilt als akribischer und engagierter Vollblutpolitiker. Allerdings tut Newsom alles, um seine privilegierte Herkunft zu relativieren. Er nervt sich über sein Image als gewandter Elitenpolitiker – er sieht darin eine Karikatur seiner selbst und gibt gleichzeitig zu, dass er mithalf, dieses Image aufzubauen.Newsom will er selber seinDas für einen Politiker ungewöhnliche Buch ist eine Tiefenbohrung in seine komplizierte Jugend als Scheidungskind, seine Legasthenie, seine Komplexe als schüchternes Kind, den Suizid seiner krebskranken Mutter, die gescheiterten Beziehungen und Affären. Fünf Jahre hat er sich genommen, um neben dem Gouverneursamt das Buch zu schreiben. Ganz offensichtlich ist es ihm wichtig, die eigene Brüchigkeit zu thematisieren – und wie er sie überspielte, mit Sport und beruflichem Erfolg.Die Geständnisse sind teilweise pikant: Er schreibt darüber, wie hohl und von Ehrgeiz zerfressen seine vierjährige Ehe mit Kimberly Guilfoyle gewesen war. Guilfoyle war später mit dem Präsidentensohn Donald Trump Jr. verlobt – und amtet heute als US-Botschafterin in Griechenland. Oder er beschreibt, wie er den Alkoholismus dank seiner Frau Jennifer Siebel Newsom überwunden hat. Heute lebt er mit der Filmproduzentin und den gemeinsamen vier Kindern in Kentfield bei San Francisco.Das Buch ist zugleich ehrlich und berechnend. Es ist eine Introspektion und eine Selbstvermarktung zugleich. Kaum zu übersehen ist der Versuch, sein Image als Westküsten-Demokrat abzustreifen und damit auch sein grösstes Defizit für eine mögliche Kandidatur fürs Präsidentschaftsamt. «Ich lasse meine Maske fallen», sagt er auf seiner gegenwärtigen Buchtour durch die USA. «Und ich will nicht beschönigen, was darunterliegt.» Er stellt den Prozess des Schreibens als einen Versuch dar, das Rätsel seiner eigenen Identität zu lösen, in die Geheimnisse seiner Familie einzudringen und sich mit der «gespaltenen Realität» seiner Jugend auseinanderzusetzen.Zwischen Prekariat und LuxusNewsom wuchs in zwei Welten auf, in der prekären seiner Mutter und der privilegierten seines Vaters. Die Sommerferien verbrachte er jeweils mit den Getty-Kindern. Sie nahmen ihn mit auf Luxusreisen nach Afrika und Europa und schenkten ihm massgeschneiderte Kleider, damit er standesgemäss an den Anlässen erscheinen konnte. Und doch war da immer der feine Unterschied. Den grössten Fehler, den man im Beisein von Reichen machen könne, sei es, sich allzu sehr zu entspannen, erklärt Newsom in seinen Memoiren. Dann würden die Grenzen rasch gezogen, der Klassenunterschied mit einer Rüge markiert.Newsoms Eltern liessen sich scheiden, als er drei Jahre alt war. Er und seine ältere Schwester wuchsen bei seiner Mutter auf, die für die Kinder selbst aufkommen musste, wie Newsom in seinen Memoiren schreibt. Sie lebten in einem Haus im Marin County jenseits der Golden Gate Bridge und erlebten immer wieder finanzielle Engpässe. Die Mutter Tessa Thomas Menzies jonglierte zeitweise drei Jobs, um über die Runden zu kommen – unter anderem als Kellnerin in einem mexikanischen Restaurant.Der Vater, William Newsom, ein Anwalt, ruinierte sich als junger Mann finanziell durch erfolglose Kandidaturen für politische Ämter. Danach lebte er ausserhalb von San Francisco und war gut vernetzt in der High Society. Er besuchte dieselbe Highschool wie Paul und Gordon Getty und verwaltete das Getty-Vermögen, selbst nachdem er 1975 zum Richter ernannt worden war.Spross der «first families» von San FranciscoDie Newsoms waren im 19. Jahrhundert von Irland an die nördliche Westküste der USA ausgewandert, kurz nachdem der Goldrausch zu Ende gegangen war und der kapitalistische Aufstieg des «Golden State» begonnen hatte. Sie gehörten zu den «first families» in San Francisco. Gavin Newsoms Grossvater wurde «the boss» genannt und war der engste Verbündete von Pat Brown, der in den sechziger Jahren Gouverneur von Kalifornien war. Dessen Sohn Jerry Brown war insgesamt 16 Jahre Gouverneur von Kalifornien.Laut der «Los Angeles Times» gehören schwerreiche Unternehmerfamilien wie die Gettys, Pritzkers, Fishers und Guggenheims zu den langjährigen Geldgebern von Newsom. Der ehemalige Bürgermeister Willie Brown wird zitiert, die einflussreiche Gesellschaft in San Francisco habe sich vor Jahrzehnten für Newsom entschieden: «Er kam aus ihrer Welt, und deshalb umarmten sie ihn ohne Zögern und bevorzugten ihn gegenüber allen anderen. Sie mussten ihn nicht interviewen, sie wussten, wofür er steht.»Als Politiker setzte er schon seit seinen Anfängen auf einen Mittelweg zwischen sozial-progressiven Positionen und einer wirtschafts- und technologiefreundlichen Politik. Als Bürgermeister von San Francisco verheiratete er als eine der ersten Amtspersonen im Land schwule und lesbische Paare. Sein damaliger LGBT-Aktivismus sei selbst Barack Obama zu weit gegangen, berichtet Newsom im Buch.Als Gouverneur setzte er sich für linke Anliegen ein, für eine staatliche Krankenkasse, die grüne Wirtschaft und zwei Jahre kostenlose Collegeausbildung. Aber er strich auch die Bargeldauszahlungen an Obdachlose im Rahmen der Sozialhilfe, setzte sich für Recht und Ordnung ein und sprach Vetos aus, wenn Klimaschützer und Gewerkschaften in seinen Augen das Wohl der Unternehmen bedrohten. Bei der künstlichen Intelligenz verhinderte er eine Regulierung – und unterschrieb stattdessen ein Transparenzgesetz, das KI-Entwickler zur Deklaration der Daten verpflichtet, die sie verwenden, um die Systeme zu trainieren. Vehement kämpft Newsom derzeit gegen eine Steuer für kalifornische Milliardäre, was ihm linke Demokraten übelnehmen.Die tiefste Krise als Politiker erlebte er während der Pandemie, als er in einem exklusiven Restaurant im Napa Valley ohne Maske und entgegen den Distanzregeln dinierte. Newsom musste sich nach dem Vorfall einer Misstrauensabstimmung stellen, bei der er vom kalifornischen Volk eine breite Unterstützung erhielt.Einer, der nicht vor Trump kuschtSeit Donald Trump wieder in Washington regiert, hat sich Newsom als dessen lautester Gegner profiliert. Die beiden gerieten schnell aneinander. Trump war noch nicht ins Amt getreten, als in Los Angeles im Januar 2025 die verheerenden Brände ausbrachen. Trump stellte Newsom als Verursacher der Feuersbrunst dar – und nannte ihn «Newscum» in Anlehnung an das englische Wort für Abschaum.Dann schickte Trump mehr als 4000 Nationalgardisten und Hunderte Marinesoldaten nach Los Angeles, um die ICE-Proteste zu bekämpfen. Es geschah über den Kopf des Gouverneurs hinweg. Spätestens dann eskalierte die Fehde zwischen dem Gouverneur und dem Präsidenten – im Gerichtssaal und auf Social Media.Der kalifornische Gouverneur verklagte die Trump-Regierung über 50 Mal. Auf der Plattform X begann er den Social-Media-Stil von Trump zu imitieren, mit Grossbuchstaben, viel Selbstlob und cartoonartigen Beleidigungen. Als Trump Texas aufforderte, seine Wahlbezirke so zu ziehen, dass Republikaner bevorteilt sind, postete Newsom: «Letzte Warnung an Donald Trump – vielleicht die wichtigste Warnung der Geschichte! Hör auf zu betrügen, sonst wird Kalifornien die Wahlkreisgrenzen neu ziehen. Und ratet mal, wer es diese Woche ankündigen wird? Gavin Newsom (viele sagen, der beliebteste und bestaussehende Gouverneur) und ein sehr mächtiges Team. Zwingt uns nicht dazu!!!! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit.»Im November gewann Newsom die Zustimmung des kalifornischen Volkes für eine Verfassungsänderung, um auch in Kalifornien die Wahlbezirke neu zu ziehen – zum Vorteil der Demokraten. Das machte ihn in den Augen vieler Parteigenossen zum Helden: einer, der nicht vor Trump kuscht, sondern sich auflehnt und kämpft; einer, der die kriselnde Partei vereinen kann.Newsoms Ambitionen für 2028Für 2028 bringt sich Newsom sichtbar in Stellung. «Gavin Newsom spielt das lange Spiel», titelte ein 29-seitiges Porträt von Newsom im Magazin «The New Yorker» Anfang Februar. Er macht einen Podcast, in dem er rechte Figuren wie Charlie Kirk und Steve Bannon eingeladen hat. Das demonstriert sein breites politisches Spektrum und dient als Risikoversicherung für kulturkämpferische Attacken. Er erklärte bei dieser Gelegenheit, dass er Trans-Athletinnen im Frauensport für unfair halte.Er besucht hochkarätige internationale Anlässe wie die Münchner Sicherheitskonferenz und das Weltwirtschaftsforum in Davos, um zu zeigen, dass er die Weltpolitik auf dem Radar hat. Und er schreibt Memoiren, die sein Image gegen den Strich bürsten. Ein elitärer Politiker hat es schwer im vorherrschenden Anti-Establishment-Trend dieser Zeit.Manchmal stolpert Newsom in seinem Wahlkampf vor dem Wahlkampf, wie kürzlich auf seiner Buchtour in Georgia. «Ich versuche nicht, Sie zu beeindrucken», sagte Newsom zum mehrheitlich afroamerikanischen Publikum. «Ich versuche Ihnen nur klarzumachen: Ich bin wie Sie. Ich bin nicht besser als Sie.» Darauf enthüllte er, dass seine Leistungen in der Highschool durchschnittlich waren: 960 Punkte beim SAT-Standardtest. «Und ich will niemanden beleidigen oder so tun, als stünde ich über Ihnen, wenn Sie 940 Punkte haben», fügte er hinzu. Was wohl als Scherz gedacht war, konnte als Herablassung verstanden werden und wurde von rechten Medien als rassistisch angeprangert.Kommt der vom Erfolg verwöhnte kalifornische Politiker auch in den südlichen Swing States und im proletarischen Mittleren Westen der USA an? «Er hat sich als derjenige inszeniert, der es mit allen aufnehmen wird, und genau das ist im Moment ein populäres Image unter den Demokraten», sagte der demokratische Politstratege James Carville gegenüber «The New Yorker». Die entscheidende Frage sei, ob ein weisser Demokrat auch in einer schwarzen Kirche in South Carolina das Publikum gewinnen könne. Die definitive Antwort wird erst 2028 nach den demokratischen Vorwahlen bekannt sein.Passend zum Artikel
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Dass der kalifornische Demokrat fürs Präsidentschaftsamt kandidieren wird, gilt als wahrscheinlich. In seinen neuen Memoiren enthüllt er, wer er angeblich wirklich ist.







