Zurück aus russischer Kriegsgefangenschaft: Freudentränen und bittere Enttäuschung liegen nah beieinanderRussland und die Ukraine tauschen in unregelmässigen Abständen Kriegsgefangene aus. Für einige Angehörige bedeutet es das Ende des bangen Wartens. Den meisten aber bleibt nur die Hoffnung auf den nächsten Austausch.31.05.2026, 15.21 Uhr6 LeseminutenNach dem Austausch bringt ein Bus die freigelassenen ukrainischen Soldaten zur medizinischen Untersuchung nach Tschernihiw.Thomas Peter / ReutersVor dem Provinzspital in Tschernihiw herrscht reges Treiben. Am Tag zuvor war bekanntgeworden, dass es einen weiteren Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine geben soll. Hunderte von Angehörigen vermisster oder gefangener Soldaten sind deshalb zum Spital gekommen, wo die Freigelassenen nach der Rückkehr medizinisch betreut werden sollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast jede Familie hat ein Foto ihres Liebsten bei sich, auf dessen Heimkehr sie hofft. Manche haben sich sogar Fahnen drucken lassen, in den ukrainischen Nationalfarben und mit den Symbolen der Kampfeinheit, in der der Vermisste gedient hat.Lange FahrtSwitlana BojtschukPDDie Familie Bojtschuk ist zum ersten Mal mit dabei. Die Mutter Switlana, ihre Tochter und die Schwiegertochter haben sich je in eine ukrainische Fahne gewickelt. Der Sohn raucht eine Zigarette. Die anderthalbjährige Enkelin quengelt an der Hand ihrer Mutter.Alle fünf sind müde. Acht Stunden hat die Fahrt aus Bessarabien, dem Landstrich zwischen Odessa und der Donau im Süden, bis nach Tschernihiw im Norden gedauert. «Als wir erfuhren, dass es einen Gefangenenaustausch gibt, haben wir uns ein Auto organisiert und sind die ganze Nacht durchgefahren», sagt der Sohn.Eine Frau erkennt im Bus mit den Heimkehrern aus russischer Gefangenschaft einen Angehörigen.Thomas Peter / ReutersDmitro, Switlanas Ehemann, hat als Schütze an der Front im Donbass gekämpft. Seit Januar 2025 ist er vermisst. «Seine Enkelin hat er noch nie gesehen», sagt Switlana und streicht über das Plakat mit dem Foto ihres Mannes.Information in letzter MinuteLaut ukrainischen Angaben befinden sich etwa 7000 Ukrainer in russischer Kriegsgefangenschaft. Zirka 4000 russische Soldaten sind in ukrainischem Gewahrsam. Seit 2024 haben sich die beiden Kriegsparteien auf ein gutes Dutzend grösserer Austausche geeinigt. Diese vertrauensbildenden Massnahmen werden meist im Rahmen umfangreicherer Verhandlungen beschlossen. Wenn man bei der Beendigung des Krieges nicht vorankommt, einigt man sich zumindest auf eine humanitäre Geste.An diesem Samstag vor dem orthodoxen Osterfest sollen 175 Kriegsgefangene und 7 Zivilisten aus Russland in die Ukraine zurückkehren. Kiew lässt im Gegenzug die gleiche Zahl von Russen frei. Welche Namen auf die Liste kommen, ist ein komplexer und für Aussenstehende undurchschaubarer Prozess.Manche der freigelassenen Gefangenen sind in einem schlechten Gesundheitszustand.Thomas Peter / ReutersWeil es bis zuletzt Veränderungen geben kann, werden die Angehörigen erst informiert, wenn die Gefangenen tatsächlich die Grenze überquert haben. Die meisten Familien reisen deshalb wie die Bojtschuks auf gut Glück zum Treffpunkt nach Tschernihiw und hoffen, dass ihr Vater, Ehemann oder Sohn diesmal mit dabei ist.Der Austausch selber findet an der ukrainisch-weissrussischen Grenze statt. Dort ist nur die Armee vor Ort. Danach werden die Freigelassenen zur medizinischen Untersuchung nach Tschernihiw gebracht, die nächstgrössere Stadt. Erst dort dürfen auch Angehörige und Journalisten dabei sein.Russland behandelt Kriegsgefangene wie KriminelleAuch Marina Badenko hofft, ihren Sohn Kirilo endlich wiederzusehen. Er nahm an der sogenannten Kursk-Offensive teil, als ukrainische Truppen ab Sommer 2024 auf russisches Gebiet eindrangen. Von einem Erkundungsauftrag kehrte er nicht zur Einheit zurück. Im September 2025 erfuhr Badenko über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dass Kirilo in russische Gefangenschaft geraten ist. Anders als die Bojtschuks hat sie so zumindest Gewissheit, dass er nicht gefallen ist.Marina BadenkoPDKriegsgefangene geniessen unter dem humanitären Völkerrecht besonderen Schutz. Die dritte Genfer Konvention ist ausschliesslich diesem Thema gewidmet. Dazu gehört das Grundprinzip, dass jeder Gefangene mit Menschlichkeit zu behandeln ist, dazu gehören aber auch spezifische Rechte wie die Möglichkeit, über das IKRK mit den Angehörigen in Kontakt zu treten.Russland verfährt mit ukrainischen Soldaten jedoch oftmals wie mit Kriminellen. Besonders die Teilnehmer der Kursk-Offensive werden pauschal als Terroristen bezeichnet. Kirilo wurde zu mehreren Jahren Lagerhaft verurteilt – ein klarer Verstoss gegen das Kriegsrecht. Zu seinem Schutz werden hier nicht die richtigen Namen genannt.Unzufriedenheit über das IKRKWie es ihrem Sohn geht, weiss Marina Badenko nicht. Bisher hat sie noch keine Nachricht von ihm bekommen. «Natürlich mache ich mir Sorgen», sagt die grossgewachsene Frau. Sie steht mit ehemaligen Gefangenen aus der Brigade ihres Sohnes in Kontakt, die bei früheren Austauschen freikamen. Fast alle erzählen über tägliche Schikanen, aber auch von schweren Misshandlungen in russischer Gefangenschaft.Als Hüterin der Genfer Konventionen besucht das IKRK regelmässig Kriegsgefangene, um die Einhaltung von deren Rechten zu überprüfen. Doch anders als die Ukraine gewährt Russland nur sehr selektiv Zugang. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es schon seit Monaten keine Besuche mehr in russischen Lagern gab. Auch der Austausch von Nachrichten mit Angehörigen funktioniert nicht.Mit öffentlicher Kritik an Moskau hält sich die auf Diskretion bedachte Organisation aber zurück. Im Jahresbericht des IKRK von 2025 heisst es lediglich, dass die Besuche von mehr als 8000 Kriegsgefangenen, die seit Kriegsbeginn durchgeführt worden seien, mehrheitlich in der Ukraine stattgefunden hätten.In Kiew kommt diese Zurückhaltung nicht gut an. Das IKRK ist in der Ukraine ohnehin dem Vorwurf ausgesetzt, auf eine «false balance», eine falsche Ausgewogenheit zwischen den Kriegsparteien, bedacht zu sein. Ein Tweet, der in der Energiekrise dieses besonders harten Winters das Leid der ukrainischen und jenes der russischen Zivilbevölkerung gleichzusetzen schien, löste riesige Empörung aus. Aus Genf musste der Generaldirektor des IKRK anreisen, um die Wogen zu glätten.Recent strikes on critical infrastructure in Ukraine and Russia have left millions of people with little or no electricity, water, and heating amid freezing temperatures in Kyiv, Dnipro, Donetsk, Belgorod, and other areas. "Attacks causing disproportionate harm to civilians,… pic.twitter.com/ppRroc4w8N— ICRC (@ICRC) January 14, 2026